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Aus dem Marienmünster in Radolfzell, Bodenseeraum, um 1480: Büsten-Reliquiar des Heiligen Bischofs Zeno von Verona
Foto: Badisches Landesmuseum/ARTIS/Uli DeckAus dem Marienmünster in Radolfzell, Bodenseeraum, um 1480: Büsten-Reliquiar des Heiligen Bischofs Zeno von Verona

· Geschichte ·

Ohne sich die Hände zu verbrühen

Vom Wunder der Rückkehr der Prachthandschriften – Am Bodensee wird das Jubiläum 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau gefeiert

Veit-Mario Thiede
16.05.2024

Der Mönch Hermann der Lahme berichtet in seiner um 1050 verfassten Weltchronik, dass der vom fränkischen Hausmeier Karl Martell unterstützte Wanderbischof Pirmin anno 724 das Kloster Reichenau gegründet habe. Auf dieses Jahr hat der Reichenauer Mönch Udalrich im 12. Jahrhundert von ihm gefälschte Schriftstücke zurückdatiert: die „Stiftungsurkunde“ und die „Privilegienurkunde“ der Klosterinsel.

Das Gründungsjubiläum wird mit einem glanzvollen Festprogramm begangen. Das Archäologische Landesmuseum Konstanz zeigt die vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe entwickelte Große Landesausstellung „Welterbe des Mittelalters – 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau“, die mit 250 erlesenen Exponaten aufwartet. Neun Kilometer entfernt befindet sich der zweite Schauplatz: Die zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobene Klosterinsel Reichenau mit ihren drei mittelalterlichen Kirchen, der modernisierten Münsterschatzkammer und der neuen Dauerausstellung zur Klostergeschichte im Museum Reichenau.

Die Schau im Archäologischen Landesmuseum ist in weihevolles Halbdunkel getaucht, aus dem die angeleuchteten Ausstellungsobjekte hervortreten. Auf einem inselartigen Podest steht die farbig gefasste Skulptur des „Heiligen Pirmin“ (um 1500). Über den missionierenden Wanderbischof gibt es nur wenige Nachrichten. Bereits 727 setzte er von der Reichenau aufs Festland über und gründete weitere Klöster. Seine letzte Gründung war das pfälzische Kloster Hornbach. Dort war er bis zur Reformation und Auflösung des Klosters 1557 bestattet. Er wurde 1576 nach Innsbruck überführt.

Üppig vertreten sind Handschriften aus der ehemaligen Klosterbibliothek. Unübertroffen umfangreich ist das seit dem Jahr 823 geführte „Reichenauer Verbrüderungsbuch“. Es beinhaltet rund 38.000 Namen von Menschen, für die die Mönche beteten. Fürbitte leisteten die Reichenauer etwa für die Mönchsgemeinschaften von Corvey, Speyer und Hornbach, die Frauenklöster von Herford, Essen und Gandersheim oder die Domkapitel von Hildesheim, Halberstadt und Augsburg. Aufgeschlagen ist die Liste mit den „Namen der Verstorbenen, die dieses Kloster großzügig ausstatteten und förderten“. Zu ihnen gehörten Karl Martell, der in der Reichenauer Kirche St. Maria und Markus bestattete fränkische Kaiser Karl III. und der als Besteller von Prachthandschriften hervorgetretene römisch-deutsche Kaiser Heinrich II.

Die Reichenauer Bibliothek war ein Zentrum der Bewahrung, Vervielfältigung und Erweiterung des Wissens. Dessen bedeutendster Vertreter war Hermann der Lahme (1013–1054). Er verfasste musikwissenschaftliche, mathematische und astronomische Schriften. Seine Weltchronik reicht bis Christi Geburt zurück. Ein Kloster war im Mittelalter also eine religiöse, politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Einrichtung. Unter ihnen nahm die Reichenau nach Fulda den zweiten Rang ein.

Größte Attraktion sind die nach tausendjähriger Abwesenheit an den Bodensee zurückgekehrten Prachthandschriften. Die Schreiber und Illustratoren des Skriptoriums der Reichenau schufen sie für Kaiser und Könige, Erzbischöfe und Äbte. Fünf der 16 ausgestellten Glanzstücke erklärte die UNESCO zum Weltdokumentenerbe.

„Liuthar-Evangeliar“ ist Dauergast
Aus konservatorischen Gründen findet während der Laufzeit der Schau ein Austausch der Schriften statt. Aber jeweils drei Bände des Weltdokumentenerbes sind gleichzeitig ausgestellt. Präsentiert werden zuerst der „Codex Egberti“ (977/993) und das „Evangelistar von Poussay“ (um 980). Später sind der „Egbert-Psalter“ (um 980) und der „Gero-Codex“ (vor 969) zu sehen. Dauergast ist hingegen das „Liuthar-Evangeliar“ (zwischen 990 und 1000). Geöffnet sind seine Widmungsseiten. Auf der linken steht der Mönch Liuthar mit der Prachthandschrift in den Händen. Auf der rechten Seite thront ein als Kaiser Otto III. gedeuteter Herrscher, den die Hand Gottes berührt.

Das Kloster Reichenau bestand bis 1757. Von den mittelalterlichen Bauwerken der Klosterinsel sind drei Kirchen erhalten geblieben. Gelb verputzt leuchtet uns in Oberzell die von Abt Hatto III. anno 897 geweihte Kirche St. Georg entgegen. Einzigartig gut erhalten sind die Wandmalereien im Mittelschiff, die aus dem 10. Jahrhundert stammen. Sie zeigen acht Wundertaten Jesu. Zum Beispiel die „Beruhigung des Sturms auf dem See Gennesaret“ und die „Auferweckung eines jungen Mannes in Nain“.

In der Ostapsis der Niederzeller Kirche St. Peter und Paul befindet sich das jüngste uns erhalten gebliebene große Werk der Reichenauer Waldmalerei. Das um 1104 bis 1126 geschaffene Monumentalbild zeigt den thronenden Christus überlebensgroß in Begleitung weit kleiner gemalter Apostel und Propheten.

Der 806 bis 822 amtierende Abt Heito I. veranlasste die Errichtung der Klosterkirche St. Maria und Markus, die später zahlreiche bauliche Erweiterungen und Veränderungen erfuhr. Hauptattraktionen der spärlichen Innenausstattung sind der stufenförmige Markusaltar im Westen und der rot-goldene Heilig-Blut-Altar von 1739 im Osten. In ihm befindet sich das „Heilig-Blut-Reliquiar“, das die Gräfin Swanahild dem Kloster 923 oder 925 schenkte. Im Gegensatz zur spartanischen Kircheneinrichtung drängen sich in der neu hergerichteten Schatzkammer die frisch restaurierten liturgischen Geräte und Reliquiare dicht an dicht.

Größtes und bedeutendstes Objekt ist der zu Beginn des 14. Jahrhunderts angefertigte Markusschrein. Er enthält gemäß alter Überlieferung Knochen des Evangelisten Markus. Getarnt als solche des weniger bedeutenden heiligen Valens, brachte Bischof Ratold von Verona im Jahre 830 die begehrten Reliquien des Evangelisten auf die Reichenau. Deren Echtheit „bezeugt“ die Reliefszene auf der Stirnseite des Markusschreins. Sie stellt den sogenannten „Kesselfang“ dar. Ratold legt die eine Hand auf den Schrein und hält die andere – ohne sich zu verbrühen – in einen Kessel mit siedendem Wasser.

Bis 20. Oktober im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg, Benediktinerplatz 5, Konstanz, täglich
geöffnet außer montags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 14 Euro, die reguläre Kombi-Eintrittskarte für Erwachsene (Konstanz, Museum Reichenau, Schatzkammer & Inselbus) kostet 23 Euro. www.ausstellung-reichenau.de


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