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„Für Köpenick ist  Voigts Raubzug bis heute ein Glücksfall und lockt immer noch zahlreiche Besucher in den seit 1920 zu Berlin gehörenden Ort“:  Seit 1996 wird der Hauptmann von  Köpenick am  Haupteingang des  Tatortes durch eine  lebensgroße  Bronzestatu
Foto: Membeth„Für Köpenick ist Voigts Raubzug bis heute ein Glücksfall und lockt immer noch zahlreiche Besucher in den seit 1920 zu Berlin gehörenden Ort“: Seit 1996 wird der Hauptmann von Köpenick am Haupteingang des Tatortes durch eine lebensgroße Bronzestatu

Hauptmann von Köpenick

Per Uniform zur Respektsperson

Vor 175 Jahren kam der Hochstapler Friedrich Wilhelm Voigt im ostpreußischen Tilsit zur Welt

Veit-Mario Thiede
13.02.2024

Ich bin geboren am 13. Februar 1849 in Tilsit in Ostpreußen.“ So beginnt Friedrich Wilhelm Voigt seine 1908 erschienene Autobiografie „Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde“. Mit ihr versucht sich Voigt in ein gutes Licht zu setzen. An seinen Straftaten waren immer die anderen schuld. Zunächst sein spielsüchtiger und gewalttätiger Vater, dann falsche Freunde und schließlich Polizeibeamte, die ihn nach verbüßter Zuchthausstrafe auswiesen, wo immer er sich niederließ. In seiner Not veranstaltete er schließlich am 16. Oktober 1906 die „Köpenickiade“ im Rathaus der damaligen Stadt Cöpenick.

Inzwischen ist ihm Köpenick, das seit 1931 auch amtlich am Anfang mit „K“ geschrieben wird, für die „Köpenickiade“ dankbar. In der dem Hauptmann gewidmeten Dauerausstellung „Der Hauptmann von Köpenick – Vom Sträfling zur Legende“ ist zu lesen: „Für Köpenick ist Voigts Raubzug bis heute ein Glücksfall und lockt immer noch zahlreiche Besucher in den seit 1920 zu Berlin gehörenden Ort.“ Zunächst war sie am Schauplatz des Verbrechens zu sehen: dem 1905 eingeweihten Rathaus. Das am Stil der märkischen Backsteingotik orientierte Bauwerk weist einen prächtig gestalteten Haupteingang auf. Der in Bronze gegossene Hauptmann von Köpenick verlässt gerade die unterste Treppenstufe. Viele Besucher Köpenicks lassen sich mit der 1996 von Spartak Babajan geschaffenen Figur fotografieren.

Das Motiv ist umstritten
Da das Rathaus wegen Sanierungsmaßnahmen bis Ende 2024 geschlossen bleibt, ist die Dauerausstellung 2022 in die nicht weit entfernte Joseph-Schmidt-Musikschule, Freiheit 15, 12555 Berlin, umgezogen, wo sie bis auf die Schulferien und unterrichtsfreien Tage werktags von 9 bis 21 Uhr zu sehen ist. Die Schau besteht aus einem Dutzend Tafeln, die informative Texte sowie Reproduktionen von Fotografien, Graphiken und wichtigen Dokumenten aufweisen. Über den Hauptmann von Köpenick kursieren viele Halbwahrheiten und unbewiesene Behauptungen. Die Tafelschau präsentiert nur das, was sich belegen lässt.

Was der gelernte Schuhmacher Wilhelm Voigt vor seiner Köpenickiade trieb, hat er in seiner Autobiographie geschildert. Die ist in der Musikschule zusammengekürzt auf einen tabellarischen Lebenslauf, der vor allem Diebstähle und Urkundenfälschungen sowie die dafür erhaltenen Gefängnis- und Zuchthausstrafen aufzählt. Bemerkenswert ist, dass er offenbar von 1879 bis 1888 ein rechtschaffenes Leben als Arbeiter in wechselnden Schuhfabriken führte. In seiner Selbstdarstellung gibt er als Arbeitsstationen Erfurt, Eisenach, Budapest, Odessa, Lodz, Riga und Potsdam an. Dann aber brach er mit einem Komplizen in der Kreisstadt Wongrowitz, Regierungsbezirk Bromberg, Provinz Posen in das Kassenzimmer des Gerichts ein.

Nach 15 Jahren Zuchthaus vermittelte ihm der Anstaltsgeistliche im Februar 1906 einen Arbeitsplatz als Schumacher in Wismar. Nach wenigen Wochen ereilte ihn unerwartet die Ausweisung aus der Stadt. Er schreibt: „Hier beginnt eigentlich schon der Tag von Köpenick!“ Auch in Berlin und den umliegenden Orten wollte ihn die Polizei nicht dulden. Daher beantragte er einen Pass, um im Ausland zu arbeiten. Doch den verweigerten ihm die Behörden.

Daraufhin beschloss Voigt, Passformulare zu stehlen und selbst auszufüllen. So stellte er es zumindest selbst dar. Sein Biograph Winfried Löschburg hingegen vermutet, dass es Voigt in Wirklichkeit um zwei Millionen Mark – der Goldwert einer Goldmark liegt heute bei mehr als zwanzig Euro – gegangen sei, von denen er gehört hatte, dass sie im Köpenicker Rathaus im Panzerschrank lägen. Wie dem auch sei, jedenfalls stellte er sich bei Trödlern eine Hauptmannsuniform zusammen und rekrutierte in Berlin zehn echte Wachsoldaten und den Gefreiten Klapdohr. Der falsche Hauptmann war spendabel. So bezahlte er nicht nur die Bahnfahrkarten nach Köpenick, sondern gab den Soldaten auch Bier und Bockwurst aus.

In Cöpenick angekommen, ließ der Hauptmann das Rathaus besetzen. Den Bürgermeister nahm er gefangen. Passformulare gab es im Rathaus nicht, aber dafür eine Stadtkasse. Die plünderte er nun formvollendet, indem er dem Kämmerer befahl, das Geld zu zählen und ihm auszuhändigen. Das tat der Kämmerer erst, nachdem der Hauptmann die ihm vorgelegte Quittung unterschrieben hatte. Er unterschrieb mit dem Nachnamen seines letzten Zuchthausdirektors, „von Malzahn“, dass er 4000 Mark und 70 Pfennige erhalten habe. Tatsächlich aber nahm er nur Bargeld in Höhe von 3557 Mark und 45 Pfennig. Der in der Quittung angegebene höhere Betrag erklärt sich nach der Darstellung des Tatgeschehens im Gerichtsurteil dadurch, dass der Rendant versehentlich die von Voigt nicht mitgenommenen Zinsscheine der Köpenicker Stadtanleihe über 443 Mark und 25 Pfennige eingerechnet hatte.

Ein „genialer Kerl“ laut Wilhelm II.
Aus dem mit einer Fahndungszeichnung ausgestatteten Steckbrief geht hervor, dass auf den unbekannten Täter 3000 Mark Kopfgeld ausgesetzt waren. Zehn Tage nach der Tat nahm die Polizei den von einem ehemaligen Komplizen verpfiffenen Voigt in Berlin fest. Er gestand unverzüglich – und brachte es sogleich zu großer Popularität. Das Satireblatt „Simplicissimus“ widmete ihm im November 1906 die „Spezial-Nummer Köpenick“. Das Titelbild gestaltete Thomas Theodor Heine: „Der König von Norwegen überreicht dem Hauptmann von Köpenick den Friedenspreis der Nobelstiftung, weil es ihm in unübertrefflicher Weise gelungen ist, den Militarismus lächerlich zu machen.“ Das Berliner Landgericht verurteilte Voigt zu vier Jahren Gefängnis.

Die „Abschrift der Verfügung über Voigts Begnadigung“ informiert uns, dass ihm der in seiner Sommerresidenz Kassel-Wilhelmshöhe weilende Kaiser Wilhelm II. am 15. August 1908 die Reststrafe erließ. Überhaupt scheint der preußische Monarch auf den Hochstapler mit Wohlwollen und auch Humor reagiert zu haben. Dass er ihn als „genialen Kerl“ lobte, gilt als historisch gesichert. Als nicht verbürgt gelten die dem Imperator Rex zugeschriebenen Worte: „Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!“

Nach seiner Haftentlassung trat Voigt in seiner Paraderolle des Hauptmanns von Köpenick auf. Auf den Polizeifotos sieht er krank, ausgemergelt und heruntergekommen aus. Auf den Autogrammkarten, die er nach der Freilassung anfertigen ließ, präsentiert er sich in gehobener bürgerlicher Kleidung, gepflegt und wohlgenährt. Mit den Autogrammkarten, seiner Autobiographie sowie Auftritten im Panoptikum und Zirkus, zu denen ihn zeitweise der vormalige Gefreite Klapdohr begleitete, verdiente er in den nächsten Jahren sein Geld. Ab 1910 wohnte Wilhelm Voigt in Luxemburg, wo er am 3. Januar 1922 starb.


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Kommentare

Michael Holz am 13.02.24, 13:25 Uhr

Der Voigt ist doch harmlos im Vergleich mit dem "Kabinett des Schreckens", welche ganz Deutschland ausplündert.

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