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Liefern unverzichtbare Grundnahrungsmittel und pflegen ganze Landschaften, werden jedoch allzu oft als „Klimaschädlinge“, „Umweltverpester“ und „Tierquäler“ diffamiert: Bauern in der modernen Landwirtschaft
Foto: mauritius/Jörg Hüttenhölscher/AlamyLiefern unverzichtbare Grundnahrungsmittel und pflegen ganze Landschaften, werden jedoch allzu oft als „Klimaschädlinge“, „Umweltverpester“ und „Tierquäler“ diffamiert: Bauern in der modernen Landwirtschaft

Power to the Bauer!

Nicht nur in Deutschland gehen die Bauern seit Monaten auf die Straße. Gedanken zur Lage eines Berufsstandes, über den Städter gern spötteln und die Nase rümpfen – ohne dessen Arbeit sie jedoch nicht leben könnten

Cora Stephan
24.03.2024

Sieht sie so aus, die neue Männerbewegung? Die Kerle fahren schwere Maschinen, können ganze Sätze und sind kreativ. Wenn sie hupend und leuchtend vorbeifahren, ernten sie Beifall, egal, ob sie im normalen Leben Weizen oder Kartoffeln ernten. Kurz: Nie waren sie so beliebt wie heute, die Bauern. Man staunt über die Traktoren und die Präzision, mit denen sie mit ihren Scheinwerfern Kreise und Herzen bilden – oder ein SOS.

Das war nicht immer so – und auch nicht bei jedem. Dass die Bauern Brunnenvergifter seien, mutmaßen noch immer viele: Gülle verseuche das Grundwasser, Pflanzenschutzmittel verstießen gegen den Artenschutz und Ställe, die nicht der aktuellen Norm entsprechen, gegen das „Tierwohl“. Renate Künast behauptete einst sogar, die Landwirtschaft sei an Corona schuld. Die Bauern als Sündenbock, den man durchs Dorf prügelt.

Und jetzt wollen die auch noch „Subventionen“, die Burschen! Mal abgesehen davon, dass Landwirte bislang einen Teil der Steuern auf Diesel auf Antrag zurückerhalten, was keine Subvention ist. Es geht ihnen längst auf anderer Ebene an den Kragen, vor allem durch die Unberechenbarkeit nicht nur der deutschen Regierung, sondern auch der EU, die mit immer wieder neuen Ideen vorausschauende Planung und Investition verhindert. Und das in einem Betriebsfeld, in dem man noch mehr als vielleicht woanders von Einflüssen abhängt, die man nicht steuern kann. Nicht das Wetter, nicht die Weisheit der Regierenden.

Ein Berufsstand im Wandel
Vielleicht haben die in Berlin noch gar nicht mitbekommen, wie sehr sich die bäuerliche Landwirtschaft (und die Agrarindustrie) in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Bei mir im Dorf gibt es längst keine Nebenerwerbsbauern mehr. Der benachbarte Stall für die Milchkühe ist leer. Manchmal vermisse ich den Schrei, mit dem meine Nachbarinnen die Kühe abends von der Wiese in den Stall und morgens vom Stall zur Wiese getrieben haben: „Aaaa-auf!“ Dazu ein sanfter Stockschlag auf die Flanken einer Trödlerin und das satte Klatschen der Kuhfladen auf den Asphalt. Aus dem Stall wehte ein Geruch von süßer Milch und Heu und das Fliegenaufkommen war enorm. Die Kuhfladen nährten ganze Heerscharen von Insekten.

Das Fliegen- und Insektensterben setzte erst ein, als auch noch der unter Bestandsschutz stehende alte Schweinestall geschlossen wurde: Schweine in Dunkelhaft, die abends beängstigend laut brüllten, wenn der Nachbar sie fütterte. Ich weiß noch, wie ein Radfahrer mich vom hohen Ross herab beschimpfte, dass ich unter solchen Umständen hier wohnen wollte.

Wollte ich, obwohl der Gestank aus dem Schweinestall den Rosenduft in meinem Garten übertönte. Auf dem Land gelten die Regeln, die auf dem Land gelten. Wer das nicht aushält, sollte in der Stadt bleiben.

Nun, ein moderner Schweinestall steht heute gut hundert Meter weiter, weitgehend geruchs- und geschreifrei und auf Tierwohl getrimmt. Doch wer weiß, was sich die Berliner Bürokratie demnächst wieder ausdenkt, vielleicht verfehlt der moderne Stall um ein paar Zentimeter das neuerlich entwickelte Idealmaß fürs Schweinewohl. Dann muss für viel Geld nachgebessert – oder aufgegeben werden. Es soll ja generell weniger Fleisch gegessen und weniger Rindvieh auf den Weiden stehen, die furzen bekanntlich unser Klima kaputt. Verblüffend, dass diese Mär von klimasensiblen Menschen geglaubt wird – und von Politikern gegen die Landwirtschaft eingesetzt wird.

Dabei sind moderne Landwirte von gänzlich anderem Kaliber als der womöglich etwas verstockte alte Herr vom Meyerhof in Niedersachsen, dessen Platt ich als Flüchtlingskind – „tolopen Pack“ – kaum verstand. Das ist, zugegeben, um die sechzig Jahre her.

Garant der Versorgungsautonomie
Diejenigen, die in den letzten Monaten in Bewegung waren, viele mit sündhaft teuren grasgrünen Fendt-Traktoren, womöglich noch lange nicht abbezahlt, wirken humorvoll und entspannt und dürften überwiegend gut ausgebildet sein. Und sie sind aufs Ganze gesehen enorm erfolgreich – auch wenn sie nicht mehr die Größenordnung darstellen, auf die Politiker, die gewählt werden wollen, Rücksicht nehmen müssten.

Im Jahr 1900 waren mehr als 38 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, im Jahr 2022 waren es nur noch 1,2 Prozent. Doch während vor hundert Jahren ein Bauer etwa vier Menschen ernährte und vor fünfzig Jahren gerade einmal zehn Menschen, schätzt man heute, dass ein einziger Landwirt um die 140 Menschen satt macht. Tatsächlich liegt der Selbstversorgungsgrad in Deutschland noch immer bei 86 Prozent.

Freunde des Weltmarkts würde es nicht stören, wenn es noch weniger wäre. Schließlich wollen auch andere Länder ihre Waren an den deutschen Kunden bringen – Himbeeren und Heidelbeeren im Winter, etwa. Sollen die sich einen Kopf machen wegen Natur- und Umweltschutz. Und was kümmert es den sparsamen Verbraucher, ob das Tierwohl woanders ebenso ernst genommen wird wie hierzulande, wenn er dafür günstig einkaufen kann? Auf ehemalige Ackerflächen kann man schließlich immer noch Windräder stellen oder Solarfelder legen, das schützt das Klima anstelle der Methan furzenden Kuh! (Ende der Ironie.)

Doch dass auf den Weltmarkt nicht immer Verlass ist, mussten die Deutschen während des Ersten Weltkriegs erleben. Die britische Seemacht drehte dem Kaiserreich die Luft ab, völkerrechtswidrig, aber sehr erfolgreich. Die Handelsblockade führte zu Rohstoff- und Lebensmittelmangel und zu Hungertoten, zumal die Blockade auch nach Kriegsende fortgesetzt wurde.

Bizarr war auch die eine oder andere Regierungsmaßnahme, etwa die Anordnung, Millionen von Schweinen zu keulen, da das Schwein „der 9. Feind Deutschlands“ sei. Die zuvor aus Russland importierte Futtergerste war weggefallen, sodass als „Professoren“ verspottete Rechenkünstler meinten, dass die Schweine den Menschen die Nahrung wegfräßen, wenn man sie nun mit Kartoffeln mästet.

Warum Subventionen notwendig sind
Doch wie das Fleisch haltbar machen? Es fehlte an geeigneten Behältnissen, es gab nicht genug Einmachgläser, und die angebotenen Blechdosen waren von miserabler Qualität, man brauchte Metall aller Art für den Krieg. Mehr noch: Wenn Schweine fehlten, fehlte auch Schweinemist als Dünger. Salpeter hätte geholfen, aber das, was es davon noch gab, benötigte man für Sprengstoff.

Die Städter zogen hinaus aufs Land, um etwas Essbares zu ergattern, und klagten zugleich über die Bauern, die zu hohe Preise verlangten. Doch wer zu billig verkaufte, dem wurde die Bude eingerannt. Ein Teufelskreis. Das erhöhte die Sympathie für die Bauern nicht.

Im Zweiten Weltkrieg gab es ebenfalls eine Mangellage. Nicht nur wurden Agrarflächen etwa für die Autobahnen oder den Westwall beansprucht, auch fehlten Düngemittel. Es mangelte an der Versorgung mit Eiweiß und Fetten. Ab 1942 kam es zu drastischen Einschnitten in der Lebensmittelversorgung. Die offiziell propagierte Autarkie und Unabhängigkeit von Importen wurde nie erreicht, Blut und Boden hin und her. Deutschland konnte zwar wenige Wochen vor dem Krieg eine Selbstversorgungsrate von 83 Prozent aufweisen, was eine deutliche Steigerung gegenüber den 68 Prozent von 1928 ausmachte, aber das reichte noch immer nicht, um sich vor einer etwaigen Handelsblockade der Alliierten zu schützen. Das deutsche Regime führte folglich Lebensmittelkarten ein, die fast den ganzen Krieg über in Verwendung waren.

Die Lehre aus zwei Weltkriegen war: Souverän ist, wer im Konfliktfall über den freien Zugang zu Energie verfügt und sich aus dem eigenen Land mit Lebensmitteln versorgen kann. Denn der Weltmarkt, der uns Genüsse beschert, die in unseren Breiten nie gedeihen würden, kann auch mal seine Pforten dicht machen. Das ist einer der Gründe dafür, die Landwirtschaft auch durch Subventionen zu stützen. Sie sollen die höheren Herstellerkosten und strengeren Auflagen und Standards der EU-Landwirtschaft ausgleichen. Ohne Subventionen könnte die deutsche Landwirtschaft nicht mit den zumeist niedrigeren Weltmarktpreisen konkurrieren. Im Übrigen geht es nicht nur um die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, sondern es müssen auch Leistungen wie die Pflege von Natur- und Kulturlandschaften entlohnt werden.

Absurde Angriffe
Doch der Angriff auf die „klimaschädlichen“ Landwirte wird immer grotesker und ist natürlich nicht auf Deutschland beschränkt. Dass das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ein übles Gift sei und die Gewässer verseuche, fürchten insbesondere die Deutschen. Nun aber lassen Forschungen vermuten, dass das Glyphosat im Oberflächenwasser überwiegend aus chemisch verwandten Waschmittelzusätzen entsteht, den Aminomethylphosphonaten (AMP).

Na gut. Dafür aber ist die Viehwirtschaft ganz und gar „klimaschädlich“. Die irische Regierung erwägt, im Laufe von drei Jahren pro Jahr 65.000 Rinder zu keulen. In den Niederlanden wurde die Bauern-Bürger-Partei 2023 zur stärksten Kraft, auch deshalb, weil die Regierung dort ein regelrechtes Bauernlegen veranstalten wollte.

Souverän ist, wer über eigene Energiequellen verfügt und im Krisenfall die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen kann. Was die Energieversorgung betrifft, sind wir abhängig wie noch nie, nicht mehr von Russland, aber unter anderem von französischen Atomkraftwerken. Und jetzt soll es der Nahrungsversorgung an den Kragen gehen, gemeinsam mit der Kulturlandschaft, die nur noch verspargelt zu sehen ist?

Meine Nachbarn spannen jetzt im Märzen nicht die Rösslein an, sondern ziehen mit ihren Traktoren auf die Äcker, sofern sie sich nicht wieder auf dem Marsch gen Berlin befinden. Es geht längst um mehr als Agrardiesel und Kfz-Steuer. Das sehen auch all jene so, die am Straßenrand stehen und den protestierenden Bauern applaudieren.

Mir jedenfalls sind die grünen Weiden lieber, auf denen die Kühe mit ihren Kälbern grasen, als das sinn- und wirkungslose Abholzen der Wälder für Windmühlen und das Zupflastern von Ackerböden mit Solarpanelen.

Power to the Bauer!

Dr. Cora Stephan ist Publizistin und Schriftstellerin. Zuletzt erschienen „Lob des Normalen. Vom Glück des Bewährten“ (FinanzBuch Verlag 2021) und „Über alle Gräben hinweg. Roman einer Freundschaft“ (Kiepenheuer & Witsch 2023). www.cora-stephan.de


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Kommentare

Walter Schulz am 28.03.24, 19:29 Uhr

Applaus für die Autorin! Zu ergänzen bliebe: Der Strukturwandel in der Landwirtschaft seit den 1960er-Jahren ist natürlich betriebwirtschaftlichen Erfordernissen geschuldet. Nichts bleibt, wie es ist, ein 10-Kühe-Betrieb verdiente heute nicht einmal die Krankenkassenbeiträge für die Bauersfamilie heute. Das "Wachsen und Weichen" der letzten Jahrzehnte in der Landwirtschaft ist daher gar nicht einmal zu kritisieren, zumal sich ja mit dem Trend zu größeren und moderneren, rentierlichen Betrieben sogar auch immer höhere Kompetenz in der Betriebsführung durchgesetzt hat, was wiederum zur Optimierung des Einsatzes teuerer Dünger und Pflanzenschutzmittel und artgerechterer Tierhaltung geführt hat. Die Grenze zur Katastrophe ist aber dann erreicht, wenn sich auch modernste familiengeführte Betriebe nicht mehr rentieren und aufgegeben werden. Dann kommt die Stunde von Investmentgesellschaften (siehe USA, Ukraine), die dann Land und Betriebe aufkaufen und die Nahrungsmittelproduktion zu ihren Bedingungen zu ihrem Monopol machen. Das ist nicht nur in vielfacher Hinsicht schlecht, es wäre für den Verbraucher eine Katastrophe. Wir stehen inzwischen kurz davor - es scheint gewollt. Zumindest von der Ampel und Merz.

Gerhard Baab am 25.03.24, 18:18 Uhr

Der beste Beitrag über Landwirtschaft den ich seit Jahren gelesen habe.
Ausdrückliches Lob für die Fachkunde und Empathie der Journalistin.
Gerhard Baab, Agraringenieur

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