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Preußens Gloria in Gleiwitz weniger verpönt als im Rheinland?

Norbert Koziol aus Oberschlesien sieht sich als Bewahrer einstiger Militärästhetik

Chris W. Wagner
01.09.2023

Viele werden sich die Augen reiben, wenn sie auf die Einladung zur Ausstellung „Dem Regiment zur Ehr, dem Vaterland zur Wehr“ stoßen. „Preußische Regimenter in der Provinz Schlesien 1871–1914: Zwischen Militarismus und Alltagsleben“, so der zweite Teil des Titels, wird am 1. Oktober im Oberschlesischen Landesmuseum zu Ratingen bei Düsseldorf eröffnet. „Preußens Gloria“ heute zu thematisieren beweist seitens der Ratinger Museumsleitung Mut. Doch eines macht die Sache natürlich einfacher: Die Ausstellung wurde von polnischen Historikern und Kuratoren konzipiert und bereits 2017 im oberschlesischen Gleiwitz gezeigt.

Bei der Eröffnung in Gleiwitz wies der dortige Museumsleiter Grzegorz Krawczyk darauf hin, dass sie die erste Ausstellung entsprechender Größenordnung zu diesem Thema in der Geschichte des Museumswesens im zur Republik Polen gehörenden Teil Schlesiens sei. „Sie zeigt die Kultur des preußischen Militärwesens in der wichtigsten Zeitspanne dieser Region – von den Einigungskriegen bis zum Ersten Weltkrieg“, so Krawczyk damals. Kurz nachdem die polnische Regierung per Gesetz jegliche Symbole des Kommunismus, des Nationalsozialismus und des preußischen Militarismus hatte ausblenden wollen, traute er sich, mit der Ausstellung dagegenzuhalten. „Ein Museum darf die historische Wahrheit nicht scheuen, egal wie unbequem sie auch sein mag. Mit dieser Ausstellung glorifiziere ich ja nicht den preußischen Militarismus, ich zeige lediglich eine historische Gegebenheit mit ihrem ideellen Hintergrund und ihrer Ästhetik sowie mit ihrer gesellschaftlichen Funktion damals. Wir zeigen, wie das Militär als Bindeglied des Staates funktioniert hat und diesem Staat nicht nur eine ideelle, politische Struktur, sondern auch eine Lebensart gab“, so Krawczyk bei der Eröffnung am 28. Januar vor sechs Jahren.

In Ratingen wird scheinbar eher das Negative herausgestellt, so liest sich zumindest der Pressetext des Museums. Die Schau „zeigt die Durchdringung des zivilen Alltags durch das Militärische, die Omnipräsenz des Militärs in der Gesellschaft, die autoritären Züge des Militärs, die sich negativ auf die deutsche Gesellschaft auswirkten. Auch die Ambivalenz des Militärs wird thematisiert: einerseits Stütze des Reiches, andererseits Drohformation gegen Andersdenkende“, heißt es seitens des Oberschlesischen Landesmuseums. Der Betrachter werde zu einer „kritischen Auseinandersetzung mit den Irrwegen der deutschen Geschichte“ animiert, „diese negative Entwicklung des deutschen ‚Sonderweges' wird in der Ausstellung besonders deutlich“, betont Museumsdirektor David Skrabania – wohl der deutschen Erwartungshaltung entsprechend.

Die Ausstellung in Ratingen entstand, genau wie die in Gleiwitz, anhand von Exponaten aus der Sammlung von Norbert Koziol. Der aus Peiskretscham [Pyskowice] stammende deutsche Oberschlesier sammelt seit mehr als 40 Jahren alles, was mit der preußischen Militärgeschichte zu tun hat. Seine Wohnung, stilgerecht in einem roten Backsteinhaus, quillt über vor Utensilien des militärischen Alltags, Skulpturen und Bildern mit Kaiser-Wilhelm-Konterfeis. Mehrere Tausend Dokumente, Postkarten und Artefakte befinden sich in seinem Besitz.

„Angefangen hat es mit einem Geschenk eines Grundschulklassenkameraden“, berichtet er. Für Hilfe in Mathe und Physik bekam der damals schon geschichtsinteressierte Koziol eine grüne Uniform mit gelben Schnüren des Ratiborer Husarenregiments geschenkt. „Diese hat mir so sehr gefallen, dass ich mir geschworen hatte, von jedem schlesischen Regiment eine Uniform zu besitzen“. Das Versprechen hat er sich durch Flohmarktkäufe und Internetauktionen zu 90 Prozent erfüllen können.

Soldaten als Teil der Gesellschaft
Er ist stolz auf seine Sammlung. Sie hat ihn ein Vermögen gekostet, und auf viel Verständnis in seiner Umgebung ist er auch nicht gestoßen. „Manche bekommen Pickel, wenn sie nur das Wort ,Pickelhauben' hören“, scherzt er. Doch er sieht in der „Durchdringung des zivilen Alltags durch das Militärische“ durchaus auch Positives: „Soldaten nahmen teil an sämtlichen Veranstaltungen in den Städten, sie waren Teil der Gesellschaft in all ihren Schichten. Und sie brachten ihre Rituale in das Stadtleben ein. Durch Märsche und Manöver, Gedenkzeremonien und Feiern war es lebhaft auf den Straßen. Die schmucken Uniformen der Soldaten und Offiziere, die hübschen Kleider der Frauen – ich würde mich gerne in diese Zeit versetzen, wenn es eine Zeitmaschine gäbe.“

Er hätte sich nicht träumen lassen, dass seine Sammlung einmal von Historikern und Museumskuratoren so wertgeschätzt wird. Vor sechs Jahren hatte Koziol einen Wunsch: „Dass die Sammlung auch in anderen Museen gezeigt wird“. Dieser Traum geht für ihn ab Oktober in Erfüllung.


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