27.09.2021

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Großes Spektakel am 18. Oktober 1663 im Königsberger Schloß: Auch die Huldigung des preußischen Herzogs Friedrich Wilhelm ändert nichts an dem Widerstand der Kalcksteins. Während der Hohenzoller eine absolutistische Herrschaft anstrebt, wollen die preußis
Foto: dpa Picture-AllianceGroßes Spektakel am 18. Oktober 1663 im Königsberger Schloß: Auch die Huldigung des preußischen Herzogs Friedrich Wilhelm ändert nichts an dem Widerstand der Kalcksteins. Während der Hohenzoller eine absolutistische Herrschaft anstrebt, wollen die preußis

Libertät versus Staatsraison

Preußischer Widerstand

Die Grafen von Kalckstein rebellierten im 17. Jahrhundert für Freiheiten des Adels

Wolfgang Kaufmann
29.08.2021

Durch den Vertrag von Oliva vom 3. Mai 1660 zwischen Kaiser Leopold I., dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, König Karl XI. von Schweden sowie dem polnischen König und litauischen Großfürsten Johann II. Kasimir erkannte Letzterer die Souveränität des hohenzollerschen Herzogtums Preußen an. Damit bestätigte Johann II. Kasimir die Abmachungen im Vertrag von Wehlau vom 19. September 1657, in dem er schon einmal auf die Lehnsherrschaft über Preußen verzichtet und die Hoheitsrechte bezüglich des Herzogtums an den brandenburgischen Kurfürsten abgetreten hatte. Dagegen opponierten jedoch die adligen Stände von Preußen, die nun ihre traditionelle „Libertät“ gefährdet sahen und sich gegen die absolutistischen Machtansprüche des Kurfürsten zu wehren versuchten. Als Seele des preußischen Widerstands fungierte dabei Graf Albrecht von Kalckstein. Obzwar er es bis zum brandenburgischen Generalleutnant gebracht hatte, ließ der Vertreter eines alten Geschlechts, das seit dem 13. Jahrhundert im Ermland saß, keine Gelegenheit aus, um von Friedrich Wilhelm die gleichen Freiheiten zu fordern, wie sie dem preußischen Adel von Johann II. Kasimir gewährt worden waren. An dieser Haltung änderte selbst das formelle Treuegelöbnis der preußischen Stände gegenüber dem Kurfürsten im Oktober 1663 nichts.

Nimmt seinen Vater zum Vorbild

In die Fußstapfen seines Vaters trat später der um 1630 geborene Christian Ludwig von Kalckstein. Der hatte indes alles andere als eine Musterkarriere vorzuweisen. Wegen diverser Verfehlungen aus französischen Kriegsdiensten entlassen, wechselte er zunächst ins polnische und dann ins brandenburgische Heer. Um 1655 ernannte ihn der Kurfürst zum Oberst über 1000 Mann zu Fuß und 600 Dragoner. Als solcher kämpfte der preußische Adlige im Juli 1656 in der Schlacht von Warschau an der Seite Friedrich Wilhelms und Karls X. Gustav von Schweden gegen Polen-Litauen und das Krimkhanat. Da der Waffengang mit einem Sieg des Kurfürsten beziehungsweise Schwedenkönigs endete, belohnte Friedrich Wilhelm Kalckstein junior mit der Amtshauptmannschaft für Oletzko. Allerdings häuften sich bald die Klagen über Unterschlagungen und Misshandlungen von Untergebenen. Deswegen suspendierte der kurfürstliche Statthalter in Preußen, Bogusław Radziwiłł, Kalckstein im Herbst 1660 vom Dienst.

Am 26. Mai 1667 starb Albrecht von Kalckstein in Königsberg. Daraufhin brach unter seiner Nachkommenschaft ein erbitterter Erbschaftsstreit aus. In dessen Verlauf denunzierte Christian Albrecht von Kalckstein seinen Bruder Christian Ludwig. Der wurde daraufhin wegen angeblicher Beleidigung und Bedrohung des Kurfürsten zu „ewigem Gefängnis“ verurteilt. Friedrich Wilhelm begnadigte Kalckstein jedoch bald zu einer Geldstrafe von 5000 Talern, die der Delinquent allerdings nicht zahlte. Statt dessen entwich er am 10. März 1670 nach Polen. Dort gerierte sich Kalckstein als Vertreter der preußischen Stände und agitierte heftig gegen den Kurfürsten. Der forderte daraufhin vom polnischen König die sofortige Auslieferung des Geflüchteten, die der jedoch verweigerte. In dieser Situation gab Friedrich Wilhelm dem kurbrandenburgisch-preußischen Gesandten in Warschau, Eusebius von Brandt, den Befehl zu einer Aktion, die man heute als Kommandounternehmen bezeichnen würde. Brandt sollte den Aufwiegler übertölpeln und nach Preußen entführen, damit man ihm dort den Prozess machen konnte. Und der gewagte Coup gelang auch tatsächlich. Kalckstein tappte in die Falle und wurde geknebelt und gefesselt in einen Teppich geschnürt. Danach brachten brandenburgische Soldaten unter Rittmeister Montgommery das „Paket“ ins preußische Memel, wo es am 9. Dezember 1670 eintraf.

Nach Folter folgt der Tod

Im Anschluss an dieses Husarenstück, das in Polen ohnmächtige Wut auslöste, ließ der Kurfürst eine Kommission einberufen, die Kalckstein nach längerer Untersuchung, die auch die reichliche Anwendung von Foltermethoden beinhaltete, am 8. Januar 1672 mit nur einer Gegenstimme wegen Eidbruchs, Hochverrats und Majestätsbeleidigung zum Tod durch das Schwert verurteilte. Daraufhin steigerte sich noch die Empörung am Hofe in Warschau.

Doch Friedrich Wilhelm war weiterhin willens, ein Exempel zu statuieren, um der Welt zu demonstrieren, dass seine Souveränität in Preußen unanfechtbar sei und die ständische Libertät gegenüber der Staatsraison zurückzustehen habe. Dabei sah er ganz richtig voraus, dass Polens König nicht bereit sein würde, „aus einer Mücke einen Elefanten zu machen“, weil ihn sehr viel ernsthaftere Probleme plagten.

Und so kam es dann auch. Angesichts der osmanischen Invasion in Polen-Litauen im August 1672 und der daraufhin erwiesenen brandenburgisch-preußischen Waffenhilfe hielten sich die polnischen Protestadressen am Ende doch sehr in Grenzen, als der Scharfrichter Kalckstein am 8. November 1672 in Memel enthauptete. Zuvor hatte der Todeskandidat noch an seine Frau und die acht Kinder appelliert, nach Polen zu gehen, „denn im jetzt versklavten Preußen ist kein Platz mehr für uns.“



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Kommentare

Chris Benthe am 06.09.21, 07:48 Uhr

Interessanter Einblick in die deutsche Geschichte. Danke.

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