28.11.2022

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Konservatismus

Reform ja, Umsturz nein

Vor 225 Jahren starb Edmund Burke. Der irisch-britische Politiker und Publizist setzte auf Kontinuitäten, generationenübergreifende Gemeinschaft und Institutionen als organische Gebilde aus eigenem Recht

Erik Lommatzsch
11.07.2022

Markant wusste der als geistiger Vater des Konservatismus geltende Edmund Burke zu formulieren, etwa mit der Klarstellung: „Wenn wir unser Vaterland lieben sollen, muss unser Vaterland liebenswürdig sein.“ Dürfte dieser Satz allgemeine Zustimmung finden, so polarisierte Burke mit seinem Schaffen insgesamt sehr stark. Seine Schriften, vor allem die „Betrachtungen über die Französische Revolution“, sind bis in unsere Tage wegweisend für das konservative Denken. 

Über Jahrzehnte betätigte er sich in der politischen Praxis, von überragender Bedeutung ist allerdings sein publizistisches Werk. Hier flossen Erfahrungen ein, konkrete Ereignisse waren jeweils Entstehungsanlass seiner politischen Texte.

In einer umfassenden systematisch-theoretischen Abhandlung hat Burke seine Vorstellungen nicht dargelegt. Das dürfte dazu beigetragen haben, dass sich später nicht wenige fälschlich auf ihn beriefen, „dass seine Zitate Fassaden schmückten, hinter denen ein ihm fremder Geist hauste“, so der Politologe Karl Graf Ballestrem.

Burke wurde am 29. Januar 1729 in Dublin als Sohn eines protestantischen Anwalts geboren, Irland unterstand zu dieser Zeit der britischen Krone. Er studierte in seiner Heimatstadt, gilt aber vor allem als Autodidakt. Eine in London aufgenommene juristische Ausbildung brach er ab.

Bereits mit seiner ersten Schrift, einer Satire auf Ansichten und Stil des 1751 verstorbenen Schriftstellers und Tory-Politikers Henry St. John Bolingbroke, erlangte er große Bekanntheit. Seine zweite Veröffentlichung „Philosophische Untersuchungen über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen“ von 1756 fand auch im Ausland große Beachtung, in Deutschland namentlich durch Johann Gottfried Herder und Immanuel Kant. Ab 1758 fungierte Burke als Herausgeber und Autor des „Annual Register“, eines politischen Jahrbuchs. 

Publizist und Redner 

Er arbeitete für den Sekretär des Vizekönigs von Irland und war 1765/66 selbst Sekretär des britischen Premierministers Charles Watson-Wentworth, 2. Marquess of Rockingham. Letzterer blieb Burke auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt verbunden, Burke seinerseits verteidigte Watson-Wentworth publizistisch. 

Über fast drei Jahrzehnte, von 1766 bis 1794 war Burke Mitglied des britischen Unterhauses. Dort zählte er zu den liberalen Whigs und nicht zu den konservativen Torys. Als herausragender Redner profiliert, wandte er sich gegen Versuche König Georgs III., den Einfluss der Abgeordneten zu beschneiden. Bekannt wurde seine Bristol-Rede von 1774 über die Souveränität des Parlaments. Burke kritisierte die britische Kolonialpolitik in Nordamerika und in Indien, den von dort inzwischen abberufenen Generalgouverneur Warren Hastings klagte er 1786 an, tyrannisch und erpresserisch gehandelt zu haben.

Bei den Whigs statt bei den Torys

Eine politische Stellung über sein Mandat hinaus hatte Burke, abgesehen von einer kurzen Episode als Generalzahlmeister der britischen Armee im Jahr 1782, nicht mehr erlangt. Das Ende seines Lebens war geprägt von intensiven publizistischen Auseinandersetzungen. Am 9. Juli 1797 ist er auf seinem Landsitz in Beaconsfield gestorben.

Mit seinen 1790 erschienenen „Betrachtungen über die Französische Revolution“ hatte er großes Aufsehen erregt. In dieser, seiner bekanntesten Schrift wandte er sich gegen den erst im Jahr zuvor mit dem sogenannten Sturm auf die Bastille begonnenen Umsturz, der später in der Terrorherrschaft des „Wohlfahrtsausschusses“ gipfeln sollte. Burke vertrat mit seiner dezidierten Ablehnung dieser Revolution auch in Großbritannien eine Minderheitenmeinung, viele Whigs wandten sich von ihm ab. Der Essay, der in Form eines – sehr umfangreichen – Briefes an einen „Gentleman in Paris“ verfasst ist, wird als Hauptwerk seiner politischen Publizistik angesehen. Weit über die konkreten Bezüge zu den Vorgängen in Frankreich hinaus zeigte er hier seine grundsätzlichen Vorstellungen auf. Eine deutsche Übersetzung lag bereits 1793 vor. Besorgt hatte sie der nachmalige Metternich-Berater Friedrich von Gentz.

Wie der Historiker Hans-Christof Kraus herausgearbeitet hat, lassen sich vier Grundlinien erkennen, die für Burke in seinen „Betrachtungen“ den Orientierungsrahmen darstellen. So versteht dieser, erstens, politische Institutionen und Verfassungen als historisch gewachsene, organische Gebilde aus eigenem Recht. Veränderungen sollten nur in äußersten Notlagen vorgenommen werden, durch behutsame Reformen. Und auch dann gilt: „Ich möchte die Ausbesserungen so genau, als es nur möglich wäre, im Stil des alten Gebäudes vornehmen.“ Evolution ist ihm ein wesentliches Stichwort. Die Notwendigkeit von Reformen an sich bestreitet Burke, bei aller notwendigen Kontinuität, nicht, eine gänzliche Abschaffung der Institutionen ist für ihn jedoch indiskutabel. 

Zweitens sieht Burke in den bewährten Institutionen und Traditionen die gesammelte Erfahrung früherer Generationen, auf die man sich stützen sollte. Einen abstrakt konstruierten, rein rational geschaffenen Staatsaufbau hält er nicht für möglich. Unverständlich sei, dass ein Mensch „sein Vaterland wie ein Stück weißes Papier ansieht, worauf er kritzeln kann, was ihm beliebt“. 

Drittens hält Burke unter bestimmten Umständen Revolutionen für berechtigt. Allerdings nur, um Fehler rückgängig zu machen. Dies sieht er bei der Französischen Revolution nicht gegeben, im Gegensatz zur englischen „Glorious Revolution“ von 1688/89, die den absolutistischen Bestrebungen der Stuart-Könige dauerhaft einen Riegel vorschob und damit die nach Burkes Auffassung rechtmäßige Ordnung wieder herstellte. 

Als vierte Grundlinie benennt Kraus die zeitlich übergreifenden Verbindungen. Die Zwecke eines staatlichen Zusammenschlusses seien, so Burke, nicht in einer Generation zu erreichen, daher „wird daraus eine Gemeinschaft zwischen denen, welche leben, denen, welche gelebt haben, und denen, welche noch leben sollen“. Nation ist für Burke auch Abstammungsgemeinschaft. 

Hinter allem steht der Gedanke einer göttlichen Weltordnung. Die menschliche Natur ist nach Burke unvollkommen, die Menschen sind ungleich. Burke plädierte für Gewaltenteilung als Garantie der Freiheit und machte sich für eine ständische Gliederung der Gesellschaft stark. Der Staat war ihm alles andere als ein reiner Zweckverband, er war ihm „eine Gemeinschaft in allem, was wissenswürdig, in allem, was schön, in allem, was schätzbar und gut und göttlich im Menschen ist“.



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