17.04.2024

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Geschichte

Reformation bescherte „warmen Regen“

Das Schloss Pudagla auf Usedom im wechselvollen Strom der Geschichte

Erwin Rosenthal
10.03.2024

Nein, so prachtvoll wie das Schloss Gripsholm am Mälarsee im schwedischen Mariefred ist es mitnichten, das Schloss im vorpommerschen Pudagla. Es ist ein recht schmuckloses Gebäude, und ist es auch weniger bekannt. Zum größeren Bekanntheitsgrad des schwedischen Schlosses hatte seinerzeit Kurt Tucholsky mit seiner Sommergeschichte „Schloss Gripsholm“ beigetragen.

Dennoch weisen beide Schlösser eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf. Das Schloss in Pudagla hatte der Pommernherzog Ernst Ludwig, Sohn von Philipp I. von Pommern-Wolgast, im Jahr 1574 als Witwensitz für seine Mutter, Herzogin Maria von Sachsen, Tochter des sächsischen Kurfürsten Johann des Beständigen, errichten lassen. Die Inschrift unter dem Renaissance-Relief mit dem herzoglichen Wappen an der Schlossfassade weist darauf hin.

Auch das Schloss Gripsholm war zeitweise ein Witwensitz. Zwischen 1632 und 1640 residierte hier die Königinwitwe Gustav II. Adolfs, Maria Eleonora von Brandenburg. Große Ähnlichkeit weist auch die Umgebung der Schlösser auf. Während das Schloss Gripsholm am idyllischen Mälarsee liegt, dem drittgrößten See Schwedens, befindet sich das Pudaglaer Schloss zwischen dem malerischen Schmollensee und dem Achterwasser, einer ausgedehnten Lagune des Peene­stroms.

Mauersteine im Klosterformat
Eine weitere Besonderheit, die vor allem für Historiker interessant ist, zeichnet das Schloss in Pudagla aus: Bis zu vier Meter dicke Wände wie das Schloss Gripsholm hat es zwar nicht, aber sein Mauerwerk besteht aus Backsteinen im Klosterformat, denn das Gebäude ist mit den Mauersteinen des im Zuge der Reformation niedergerissenen Klosters Pudagla erbaut worden.

Im Jahr 1124, vor nunmehr 900 Jahren, hatte Otto von Bamberg, der „Apostel der Pommern“, auf der Nachbarinsel Wollin seine Missionsreise begonnen. Wenige Jahrzehnte später wurden die ersten pommerschen Klöster in Stolpe und in Grobe gegründet. Das Kloster Grobe war dann später im Jahr 1309 nach Pudagla verlegt worden.

Als im Zuge der Reformation das Kloster Pudagla aufgelöst wurde, war das für den Pommernherzog wie ein warmer Regen. Alle Güter des Klosters, Ländereien, Geschirr aus Silber und Gold und so weiter, die das Kloster auf die eine oder andere Art – wohl selbst durch Urkundenfälschung – erworben hatte, fielen während der Reformation in die weit geöffneten Hände des Herzogs. Die Klostermauern wurden erst endgültig niedergerissen, nachdem auch der letzte verbliebene Mönch „zu Tode gefüttert“ worden war, wie es Historiker formulieren.

Die Herzogin verweilte relativ selten in ihrer neuen Residenz. Reges Leben herrschte dort hingegen in der Schwedenzeit. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die Region Vorpommern zu „Schwedisch-Pommern“. Die Skandinavier waren damit ihrem Ziel nähergekommen, die Ostsee zu einem schwedischen Binnenmeer zu machen.

Mit dem Tod Bogislaws XIV. im Jahr 1637 endet die Herrschaft der pommerschen Greifen. Deren frühere Besitzungen auf der Insel Usedom wurden nach dem Westfälischen Frieden im Jahr 1648 zum Eigentum der schwedischen Krone. Das Amt Pudagla gehörte als königlich-schwedisches Kammergut zu den Tafelgütern der schwedischen Königin Christina. Im Schloss residierte fortan der Amtshauptmann Peter Appelmann, 1622 in Appelberga/Östergötland als Peder Andersson Slaghök geboren, der zeitweise den Titel eines „Gouverneurs der Domainen der Königin“ trug. Wilhelm Meinhold hatte ihn 1843 in seinem Roman „Maria Schweidler, die Bernsteinhexe“, dessen Handlung im nahen Koserow angesiedelt ist, als Vorbild für die Figur des Amtshauptmanns Appelmann gewählt.

Meinhold stellt Appelmann als Bösewicht dar. Maria Schweidler, Tochter des Pfarrers von Koserow, wird von Appelmann begehrt und bedrängt. Die 15-Jährige weist ihn jedoch ab. Daraufhin bezichtigt der Verschmähte sie wegen ihrer Bernsteinfunde am Koserower Streckelsberg der Hexerei. Als sie bereits zum Scheiterhaufen geführt wird, befreit sie Rüdiger von Nienkerken (Rüdiger von Neuenkirchen, Schlossherr im nahen Mellenthin) aus ihrer Not und nimmt sie zur Frau.

Zur preußischen Krone
Die Bauern im Amt Pudagla sahen Appelmann weniger negativ. Für sie hatte sich durch seine Anwesenheit wenig geändert. Sie hatten auf den Feldern des Klosters und später für den Herzog geackert und säten und ernteten nun für die neuen schwedischen Herren.

Zu Besitz und Wohlstand konnten sie erst kommen, als Preußen im Jahr 1810 die Leibeigenschaft, die im ostelbischen Deutschland oft der Sklaverei gleichgesetzt wurde, abschaffte. Die Aufsiedlung des Pudaglaer Gutes erfolgte erst in den Jahren von 1930 bis 1934 durch Siedler aus Thüringen und Pommern sowie anderen Landesteilen.

Mit dem offiziellen Übergang der Insel Usedom an Preußen im Jahr 1720 wurde Pudagla Eigentum der preußischen Krone. Daraufhin zog die preußische Verwaltung ins Schloss ein.

Von 1731 bis zur Umwandlung in ein Rentamt im Jahr 1824 war Pudagla Sitz des Generalpächters und Amtmanns. Von 1818 bis 1945 gehörte Pudagla zum Landkreis Usedom-Wollin. Im Jahr 1943 wurde das Schloss als Nebenproduktionsanlage der Heeresversuchsanstalt Peenemünde genutzt. Und im Jahr 1945 fanden im Gebäude Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten Zuflucht.

Schon seit DDR-Zeiten dient das Gebäude als Restaurant und Wohnhaus. Heute betreiben zwei Sizilianer das Schlossrestaurant.


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