31.10.2020

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Informiert interessierte Bahnfreunde auf Deutsch und Polnisch: Björn Bollmann von den Eisenbahnfreunden Breslau (r.)
Foto: WagnerInformiert interessierte Bahnfreunde auf Deutsch und Polnisch: Björn Bollmann von den Eisenbahnfreunden Breslau (r.)

Östlich von Oder und Neiße

Reisen, wo das Unkraut die Schienen überwuchert

Deutsche und polnische Bahnliebhaber erleben gemeinsam niederschlesische Nostalgie

Chris W. Wagner
15.10.2020

„Es ist ein toller Zug, er passt historisch in diese Gegend und ist für die Leute ein richtiges Erlebnis", so Felix Bührdel. Er begleitete am 4. Oktober deutsche und polnische Eisenbahnfreunde für die Ostsächsischen Eisenbahnfreunde e.V. Sie organisierten in Kooperation mit dem Verein der Eisenbahnfreunde Breslau (KSK Wrocław) eine Nostalgiefahrt mit der Diesellok SM30-507 und drei „Donnerbüchsen"-Waggons. „Bei uns in der Region guckt man nicht nur, was in Deutschland passiert, sondern ebenso, was in Polen und Tschechien passiert. Hier gibt es noch viele Strecken, die vom normalen Bahnverkehr nicht befahren werden, geheime Ecken, die eine richtig interessante Geschichte haben. Durch die Grenzziehung sind viele Veränderungen im polnischen Eisenbahnnetz zwangsläufig entstanden" so Bührdel, Sohn eines Eisenbahners mit Wurzeln in Liegnitz [Legnica].

Während die deutsche Strecke Görlitz–Zittau teilweise östlich der Neiße verläuft, hatte Polen nach dem Krieg über Schönberg [Sulików] kommend an die Trasse auf der östlichen Neißeseite angeschlossen und vor dem Wechsel auf die andere Seite der Oder-Neiße-Linie bei Hirschfelde eine Abzweigung nach Reichenau [Bogatynia] gebaut. Dieser Stutzen besteht nach Einstellung des Personenverkehrs heute nur für den Kohletransport bis Türchau [Turoszów], war aber für die Eisenbahnfans einer der Höhepunkte der Tagesreise durch die Woiwodschaft Niederschlesien, bei der auch stillgelegte Nebenstrecken nach Seidenberg [Zawidów] und Marklissa [Leśna] befahren wurden.

Damit die polnischen und deutschen Eisenbahnfreunde gleichermaßen gut über die Bahn- und Kulturgeschichte informiert wurden, nahm Björn Bollmann, ein Oberschlesier aus Tillowitz [Tułowice] und Wahlbreslauer immer wieder das Megafon in die Hand. Beim Halt in Schönberg berichtete der Germanist und Fremdenführer Bollmann über den 1927 erbauten Bahnhof. Das Gebäude ist nach den Plänen des Bauhaus-Architekten Adolph Rading entstanden. Doch es verfällt zunehmend, bedauert Bollmann: „Weil diese Strecke nicht mehr für den Personenbetrieb genutzt wird, hört man von Seiten des polnischen Netzbetreibers (PLK): Wozu brauchen wir diesen Bahnhof? Das ist natürlich schade, denn alle, die sich für den Modernismus interessieren, finden hier eine Fundgrube."

Man merkt, Bollmann liebt die deutsche Kultur. „Die erste Berührung mit deutscher Literatur hatte ich mit Büchern, die auf unserem Dachboden lagen." Kaum, dass er lesen konnte, stöberte er in den Goethe- und Schillerausgaben. Literatur seiner schlesischen Landsleute Joseph von Eichendorff und Gerhart Hauptmann, wie dessen „Bahnwärter Thiel", prägte ihn. „Das waren noch Zeiten, in denen man die Deutschen nicht leiden konnte. Meine Eltern haben immer gesagt: Wenn du zur Schule gehst oder auf der Straße bist, bitte sprich nur Polnisch, damit du keine Nachteile bekommst", erinnert sich Bollmann.

Heute ist seine Zweisprachigkeit ein großer Vorteil, vor allem für die Passagiere seiner Sonderzugfahrten. Zofia Okołowicz hört ihm aufmerksam zu. Als eine von wenigen Frauen unter den Eisenbahnfreunden reiste sie aus dem 170 Kilometer entfernten Reichenbach [Dzierżoniów] an die Neiße. Hunderte von Fotos schoss sie auf der Reise mit dem Sonderzug. Die Bilder stellt sie auf ihre Facebook-Seite. Zugleich informiert sie dort über Bahnereignisse und gibt Reisetipps. Ihre Leidenschaft begann damit, dass historische Züge aus Königszelt [Jaworzyna Śląska] nach Reichenbach kamen. Als sie daraufhin das Bahnbetriebswerk in Wollstein [Wolsztyn] besuchte, war es um sie geschehen. „Jede freie Minute verbringe ich in Lokschuppen oder auf Reisen mit historischen Zügen. Das Bahnfahren mit modernen Zügen hat keine Atmosphäre mehr. Wegen der Klimaanlagen kann man nicht einmal mehr das Fenster öffnen. Es riecht nicht mehr nach Dampf oder Diesel", merkt Okołowicz an.



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