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Kultur

Rheinisches Kultur-Desaster

Schließung, Provisorium, Interimslösung – Die Kosten für die Sanierung der Kölner Kulturhäuser steigen in astronomische Höhen

Siegfried Schmidtke
11.03.2023

Auf der aktuellen, offiziellen Web-Seite der Stadt Köln (www.koeln.de) heißt es: „Köln verfügt über eine einzigartige Museenlandschaft, die wegen ihrer Vielfalt Besucher aus aller Welt anlockt.“ Die reale Situation der Kölner Museen und insgesamt der Kölner Kulturlandschaft weicht aber erheblich von der fast schon euphorischen offiziellen Beschreibung ab.

Immerhin gibt es zu einzelnen Museen einige – weniger überschwängliche – Erläuterungen und Hinweise, die auf gewisse Einschränkungen aufmerksam machen. Zum Beispiel beim Kölnischen Stadtmuseum: „Hinweis: Die ständige Sammlung des Stadtmuseums im Zeughaus ist wegen Renovierungsarbeiten für die Öffentlichkeit geschlossen. Das Stadtmuseum zieht in neue Räumlichkeiten um. Als Interimsquartier fungiert demnächst das ehemalige Modehaus Franz Sauer in der Minoritenstraße. Ab 2029 soll das Stadtmuseum gemeinsam mit dem Römisch-Germanischen Museum und der Hohen Domkirche einen Gebäudekomplex auf dem Roncalliplatz beziehen.“

Die optimistisch klingenden Ankündigungen verschleiern allerdings die Realität. Das Stadtmuseum im alten Zeughaus (Waffenlager der Freien Reichsstadt Köln) wurde im Juni 2017 wegen eines Wasserschadens geschlossen. Als Interim-Lokalität wurde das ehemalige Modehaus Sauer gefunden. Im Herbst 2022 sollte das Stadtmuseum dort – im weitaus kleineren Umfang als bisher – eröffnen. Im vergangenen Jahr gab es für Interessenten in einem Container-Provisorium vor dem neuen Quartier lediglich die Möglichkeit zu „virtuellen Rundgängen“. Das Stadtmuseum ist aber immer noch geschlossen. Für das dritte Jahresquartal ist die Eröffnung angekündigt.

Die zeitlich weit vorausblickenden Zukunftsangaben für das neue Stadtmuseum in einem „Gebäudekomplex“ am Dom (ab 2029) werden mit großer Wahrscheinlichkeit wie Luftblasen zerplatzen. Beim Römisch-Germanischen Museum (RGM) heißt es: „Derzeit wird das Museum um-fassend renoviert – Teile der Ausstellung sind darum ins Belgische Haus am Neumarkt umgezogen.“ Das Flaggschiff der Kölner Museen, das die 2000-jährige Geschichte der Stadt zur Schau stellt, residiert seit 1974 an exponierter Stelle – direkt neben dem Dom. Ursprünglich war ab 2018 eine dreijährige Sanierungszeit geplant. Kosten der Generalsanierung: knapp 42 Millionen Euro.

Um die Touristenattraktion – immerhin über 20 Millionen Besucher seit 1974 – nicht komplett aufzugeben, wurde ein Teil der RGM-Exponate in einen Interim-Standort ausgelagert. Das sogenannte „Belgische Haus“ am Neumarkt, ein wohnhausgroßes Gebäude des früheren Belgischen Kulturinstituts, zeigt einen eher als winzig zu bezeichnenden Ausschnitt der RGM-Sammlung. Einzige Attraktion im Interim dürfte für manche Besucher wahrscheinlich ein gediegen holzgetäfelter, schallisolierter Telefonraum aus den 1950er Jahren sein.

Wegen der Corona-Pandemie konnte die geplante dreijährige Sanierungszeit nicht eingehalten werden. Im August 2022 verkündeten Kölns Baudezernent Markus Greitemann und der neue Kulturdezernent Stefan Charles, dass mit der Fertigstellung der Sanierung 2026 zu rechnen sei. Aus drei geplanten Jahren werden nun also acht. Noch schlimmer sind die explodierenden Kosten: aus 42 Millionen werden 91 Millionen.

Saniert wird auch das in Domnähe gelegene Makk – Museum für Angewandte Kunst Köln. Hierzu wird vermerkt: „Die Historischen Sammlungen sind wegen Neukonzeption und Sanierung mehrjährig geschlossen.“ Die Dauerausstellung „Kunst + Design im Dialog“ sowie Sonderausstellungen sind hingegen geöffnet.

Nicht saniert und nicht verlagert, sondern erweitert werden soll das Wallraf-Richartz-Museum&Fondation Corboud (WRM), Kölns ältestes Museum. Planungs-Kuddelmuddel, Zeitverzug und Vertrauensverlust lassen hier das Kölner Kultur- und Bau-Management wenig rühmlich erscheinen.

Der Hintergrund: 2001 stellte der Rat der Stadt dem Schweizer Sammler und Mäzen Gérard Corboud eine Museumserweiterung in Aussicht, um dessen wertvolle Leihgaben angemessen zu präsentieren. Zehn Jahre später erneuerte der damalige Oberbürgermeister die Zusage. 2012 drohte der Sammler mit dem Abzug seiner „ewigen Leihgaben“. Daraufhin wurden 2013 Erweiterungsentwürfe vorgestellt. 2017 verstarb der Sammler – ohne den Erweiterungsbau erlebt zu haben.

Gekränkt und entnervt kündigte Marisol Corboud, die Witwe des Sammlers, den Abzug von 19 Bildern aus dem Depot des Museums an. 2022 begannen schließlich die Bauarbeiten zum Erweiterungsbau. Die Fertigstellung des Gebäudes war für 2025 angekündigt. Wegen unerwarteter Probleme bei der Bodenbeschaffenheit verschoben sich die Termine erneut: Geplant ist die Fertigstellung und Übergabe an den Nutzer für Dezember 2027. Die Eröffnung soll dann Mitte 2028 sein. Ob das die Witwe noch erlebt? Im WRM laufen zurzeit Ausstellungen und Veranstaltungen in gewohnter Form.

Über Köln hinaus bekannt ist das Drama um die Sanierung der Kölner Oper. Ein Rückblick: Im Herbst 2010 beschloss der Kölner Stadtrat, statt eines Neubaus das vorhandene Opern- und Schauspielhaus aus dem Jahr 1957 zu sanieren. Baukosten von 253 Millionen Euro wurden bewilligt, die Sanierung begann 2012. Beide Bühnen mussten auf teuer angemietete Ersatzspielorte ausweichen. Der blauäugig kalkulierte Wiedereröffnungstermin im Herbst 2015 platzte kurzfristig im Frühjahr jenes Jahres.

Henriette Reker, damals frisch gewählte Oberbürgermeisterin, musste Ende 2015 die Wiedereröffnung auf das Jahr 2018 verschieben. Nun wurden Baukosten von 404 bis 460 Millionen Euro genannt. Wegen ungeklärter Zuständigkeiten, Insolvenz beteiligter Sub-Bauunternehmer und fehlender Bauaufsicht wurden danach immer höhere Baukosten und weitere Terminverschiebungen genannt. 2017 war von 570 Millionen Euro die Rede. Im November 2019 wurden 841 Millionen Euro geschätzt. Anfang 2022 schließlich überstiegen die erwarteten Gesamtkosten der Sanierung inklusive Kosten für Ausweichspielstätten und Finanzierung die magische Zahl von einer Milliarde Euro. Die Wiederöffnung ist aktuell für die Spielzeit 2024/25 vorgesehen.

Die Kultur scheint Köln zu überfordern. Dass die Politik in vielen Fällen überfordert ist, gehört ja auch längst zur (Un-)Kultur des Landes.


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