26.09.2022

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Ostpreußisches Platt

„Schabbern“, um nichts zu vergessen

Ein Buchche mit 3000 Wörtern und Redensarten – Gedanken und Erinnerungen, die typisch ostpreußische Ausdrücke hervorrufen

Bärbel Beutner
13.03.2022

Ich habe ein Buchche (Büchlein), eigentlich ein Heftche (Heftchen) mit 100 Seiten von Felix Arndt, Pastor i.R.“ So schrieb eine liebe ostpreußische Landsmännin und schickte das „Buchche“ mit dem Titel: „2300 Wörter und Redensarten/damit nicht ganz vergessen wird/wie man in Ostpreußen/schabbern konnte“. Dass „schabbern“, für die Ostpreußen das gebräuchlichste Wort für „reden“, etwas mit dem slawischen Wort für „Frosch“ zu tun hat, erklärte mir vor Jahren eine russische Freundin.

Das goldene Büchlein kam Ende Oktober 2021 an, und wie durch eine seltsame Fügung tauchte zeitgleich aus einem Papierstapel eine Seite aus der PAZ von 2017 auf, wo das „Buchche“ kurz vorgestellt wurde. Man brachte „in loser Folge“ Auszüge aus dem sehr reichen Wortbestand, und hier war der Buchstabe „P“ dran.

Ich erschrak. Von den 26 Ausdrücken kannte ich zehn gar nicht, und bei einigen anderen fand ich eine fremdartige Erklärung. Das fing mit der „Paudel“ an. „Kleines eimerartiges Gefäß“, erklärt Herr Pastor Arndt. Aber ich schwöre, dass mir erzählt wurde, wie zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die Freude über den Besuch einer lieben Tante erst dann vollkommen war, wenn sie mit der „Paudel“ kam. Das bedeutete: sie blieb für mehrere Tage. Die „Paudel“ war nämlich eine Reisetasche.

Fremdartige Erklärungen

Noch nie hatte ich etwas von „Peilas“ gehört; das wäre ein altes Messer. Und ein „Peißhaken“ wäre eine „ins Gesicht hängende Locke“. Das bekannte Wort „Piesepampel“ wird von Herrn Arndt sehr zahm erklärt als „einer, den man nicht ganz ernst nehmen kann“. Aber ich habe noch die Stimme von unserem Horst aus Braunsberg im Ohr, der einen unangenehmen, nervigen, unsympathischen Kollegen als „Piesepampel“ bezeichnete.

Wie soll man sich in dieser verwirrenden Fülle zurechtfinden! Es gibt ja noch weitere Wörterbücher und Sammlungen. Ein akademisches Studium wäre angebracht, nur für die mundartlichen Ausdrücke.

Knüpfen wir noch einmal bei dem „Piesepampel“ an. In dem reichhaltigen „Ploetz für Ermländer“ von Lothar Ploetz (Osnabrück 1982) findet sich das Wort gar nicht. Klaus Papies, der in seinem „Ostpreußischen Wortschatzkästchen“ (Husum 2018) ausführliche Erklärungen bietet, erwähnt den „Piesepampel“ auch nicht. Aber wenn das wirklich so ein unangenehmer Vertreter ist, wie unser Horst meinte, dann müsste es doch noch weitere ostpreußische Namen für solche Zeitgenossen geben. Und die gibt es.

Allgemein bekannt ist der „Pomuchelskopp“. Ein „Pomuchel“ ist ein dorschartiger Fisch mit einem großen Maul, darin sind sich alle einig. Während Lothar Ploetz den „Pomuchelskopp“ als „gutmütigen Dickkopf“ bezeichnet, nennen ihn die anderen einen „aufgeblasenen Dummkopf“. Klaus Papies setzt ihn mit „Glumskopp“ gleich (Kopf aus Quark), übernommen von Siegfried Lenz. Ein Schimpfwort ist „Pomuchelskopp“ auf jeden Fall.

Pomuchelskopp und Glumskopp

Alle drei erwähnen den „Pojatz“. Das ist mehr ein Hanswurst, ein lächerlicher, aber auch dummer Kerl. Das Wort soll aus dem Polnischen kommen. „Labommel“ kann auch ein Schimpfwort sein. Es wird für einen langen, ungeschickten Jungen gebraucht, hat aber auch Verwandtschaft mit einem „Lümmel“. Es kommt auf den Kontext an. „Ich sag ja zu Ihnen auch nicht: Herr X, Sie alter Labommel!“, giftete eine Ostpreußin einen Landsmann auf einer Tagung an ...

Ein „Lachodder“ oder „Lachudder“ ist eher ein unordentlicher und auch nicht ganz zuverlässiger Mensch, aber wer so genannt wird, kann sich auch beleidigt fühlen. Es kommt aus dem Slawischen und muss für die Russen eine Bedeutung haben, die lautes Gelächter hervorruft.

Ein „Pachulke“ aber ist ein schlechter Kerl, und ein „Plawucht“ steigert dieses Urteil noch.

Warum fallen einem solche Wörter ein? Es sind die schweren Zeiten, in denen wir leben. Zwei Jahre Corona, und als ob das noch nicht reicht, kommen Krisen, Bedrohungen, bösartige Propaganda hinzu. „Da musst dich doch fragen, ob nur noch Pomuchelsköpp und dammliche Labommels rumlaufen!“, würde ein alter, redlicher Ostpreuße sagen. Aber er hätte auch einen tröstlichen Rat. „Trink man e Schlubberche (Schluck) Meschkinnes. Dann erkuberst dich (erholst dich)!“

Es muss nicht „Meschkinnes“ sein, der „Bärenfang“ aus Sprit und Honig; es kann auch „Machandel“, ein Wacholderschnaps, oder „Kosaken-Kaffee“, ein Mokka-Likör sein. „Koks“ sollte man heute aber nicht mehr erwähnen. Mit „Koks“ (Rauschgift) darf man sich heute nicht erwischen lassen. In Ostpreußen aber war „Koks“ ein Labsal, Rum mit Würfelzucker und zwei Kaffeebohnen. So überstand man Krisen und das Wirken von Pomuchelsköppen.



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Kommentare

Sonja Dengler am 15.03.22, 10:34 Uhr

Herzlich danke ich meinem Gott für Bärbel Beutner: so was Schönes zu lesen, in soo schweren Zeiten. Da überstehe ich auf jeden Fall die heutigen Pomuchelsköppe :-)

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