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Für Frankreichs politische Rechte geht es um alles – für ihre charismatische RN-Chefin ebenso
Marine Le Pen steht erneut vor Gericht. Der nun laufende Berufungsprozess gegen die französische Oppositionsführerin hat in Paris begonnen und geht damit in die zweite Runde. Das Urteil wird im Sommer erwartet – und es könnte das Ende von Le Pens politischer Laufbahn bedeuten oder ihr doch noch den Weg in den Élysée-Palast ermöglichen. Für die 57-Jährige, die nach mehreren vergeblichen Anläufen nächstes Jahr nun selbst endlich eine realistische Chance auf die Präsidentschaft sieht, steht damit alles auf dem Spiel. Doch auch für ihre Partei, den Rassemblement National (RN), geht es um eine entscheidende Weichenstellung: Bleibt Marine Le Pen das Gesicht der französischen Rechten, oder muss die Bewegung sich endgültig von der Familie Le Pen lösen?
Im März 2025 wurde Le Pen wegen jahrelanger Veruntreuung von EU-Parlamentsgeldern schuldig gesprochen. Sie soll mehrere Millionen Euro zweckentfremdet haben, indem Mitarbeiter auf EU-Kosten für Parteiarbeit eingesetzt wurden. Das Pariser Gericht verhängte vier Jahre Haft (teils auf Bewährung, teils als Hausarrest). Vor allem aber wurde ein fünfjähriges Kandidaturverbot ausgesprochen, das Le Pens angestrebte Kandidatur 2027 von vornherein blockierte.
Der nun laufende Berufungsprozess dürfte bis zur Sommerpause abgeschlossen sein. Erst dann wird sich zeigen, ob die Sperre aufgehoben oder das Verbot endgültig bestehen bleibt. Die Entscheidung fiele erst kurz vor dem Start des Wahlkampfs – heikel für die Rechtspartei, die bis dahin im Unklaren bliebe.
Juristisch kaltgestellt
Für Le Pen und ihre Anhängerschaft ist das Verfahren ein rein politisch motivierter „Schauprozess“. Die französische Justiz werde missbraucht, um eine unliebsame Gegnerin auszuschalten, so ihr Vorwurf. „Früher konnte man sich eine Kugel im Kopf einhandeln. Heute bekommt man eine juristische Kugel ab“, schimpfte derweil Le Pen – ein „Todesurteil“ für ihre Karriere, inszeniert von ihren Gegnern. Ihr Umfeld glaubt, man wolle die populärste Oppositionspolitikerin des Landes auf diese Weise kaltstellen. Ob politisch motiviert oder nicht – sollte das Urteil in der Berufung gar bestätigt werden, wäre Le Pen final aus dem Rennen. Für den RN bedeutete dies einen abrupten Umbruch.
Ein geschärfter Kronprinz
Erstmals seit Gründung der Partei stünde dann kein Le Pen an der Spitze eines Präsidentschaftswahlkampfs. Le Pen hat den RN entdiabolisiert und zu Wahlerfolgen geführt. Umso größer wäre der Einschnitt, wenn sie nun abrupt wegfiele. In Frankreich wird bereits gestritten, ob es demokratisch klug ist, Le Pen per Gericht aus dem Rennen zu nehmen – Kritiker warnen, man mache sie zur Märtyrerin und stärke am Ende ihr Lager.
In diesem Fall rückt unweigerlich Jordan Bardella ins Rampenlicht. Der 30-jährige RN-Parteichef und politische Ziehsohn Le Pens gilt als ihr Kronprinz und würde 2027 wohl als Kandidat einspringen. Bardella hat seiner Mentorin öffentlich die Treue gehalten. Er nannte das drohende Kandidaturverbot „zutiefst beunruhigend“ und betont, Le Pen bleibe die Galionsfigur der Partei. Gleichzeitig schärft der Youngster schon sein eigenes Profil: Er schrieb bereits Memoiren, tourte durchs Land und macht sich bekannt, während Le Pen vor Gericht kämpft. Laut Umfragen sehen 56 Prozent der RN-Anhänger in ihm jetzt schon den besseren künftigen Präsidenten.
Offiziell betonen beide, es passe „kein Blatt Papier“ zwischen sie. Le Pen erklärte sogar, Bardella könne „an meiner Stelle gewinnen“, sollten die Gerichte sie aus dem Rennen nehmen. Doch Bardella verkörpert eine neue Generation – jung, social-media-affin – während Le Pen Erfahrung und einen bekannten Namen mitbringt. Viele Franzosen kennen Bardella noch kaum, und selbst mancher in der Partei bezweifelt, dass er außerhalb der Stammwählerschaft überzeugen kann. Der Politologe Jean-Yves Camus nennt einen Wechsel „kompliziert“, da Bardella und Le Pen so unterschiedlich sind – doch mangels Alternative habe die Partei „keine dritte Option“. Erschwerend kommt hinzu, dass der RN-Kronprinz keine besonderen beruflichen Qualifikationen oder Erfahrungen vorweisen kann.
Anfang oder absolutes Ende?
Ein echter „Plan C“ ist nicht in Sicht. Als möglicher Kompromiss wurde zeitweise der Bürgermeister von Perpignan, Louis Aliot gehandelt, Le Pens Ex-Partner und Vertreter des gemäßigten Flügels. Doch Aliot unterlag 2022 bei der Vorsitzendenwahl klar gegen Bardella – und er ist im EU-Finanzskandal ebenfalls belastet. Damit scheidet er als Alternative aus. Alles läuft also auf Bardella hinaus, sofern Le Pen ihr Schicksal vor Gericht nicht doch noch wenden kann.
Marine Le Pen gibt sich derweil kämpferisch. Sie hofft, im Berufungsverfahren zumindest das Politikverbot abzuwenden – vielleicht erlauben die Richter die Kandidatur oder verkürzen die Sperre. Dann könnte sie 2027 erneut antreten. Darf sie kandidieren, stünden ihre Aussichten so gut wie noch nie. Umfragen sehen sie vorn. Wird sie dagegen rechtskräftig verurteilt, wäre das nicht nur ein persönliches Fiasko, sondern auch das Ende einer Ära für die französische Rechte. Das Urteil im Sommer wird weit über den Gerichtssaal hinaus die politischen Weichen stellen – für Frankreichs Machtgefüge und die Zukunft des RN.