13.07.2024

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Warten auf den Ministerpräsidenten: Lausitzer Trachtenmädchen
Foto: scholtz-knoblochWarten auf den Ministerpräsidenten: Lausitzer Trachtenmädchen

Östlich von Oder und Neiße

Schiffbruch mit dem Rettungsboot der „Gustloff“?

Die Förderung wird von der Republik Polen auf die Bundesrepublik Deutschland umgeleitet – wem fällt das auf?

Till Scholtz-Knobloch
17.06.2024

Im Zeichen des 2026 anstehenden 35. Jubiläums der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags soll die Bundesregierung die Ausarbeitung eines neuen Vertragswerks mit Polen nach dem Vorbild des Aachener Vertrages zwischen Deutschland und Frankreich prüfen. Das hatten Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und sein brandenburgischer Amtskollege Dietmar Woidke am 30. April in Boxberg in der Niederschlesischen Oberlausitz beschlossen – die übrigen vier Ostbundesländer beschlossen, dieser Initiative beizutreten. Insbesondere bei Jugendbegegnungen sei eine Erhöhung des Beitrages an das Deutsch-Polnische Jugendwerk anzustreben. Ebenfalls solle der Bundesrat die Bundesregierung bitten, ein deutsch-polnisches Haus umzusetzen.

Mit der Unterstützung dürfte Kretschmer auf den „Transferraum Heimat“ abgezielt haben, der vom CDU-Parteifreund Frank Hirche nur 25 Kilometer westlich von Boxberg geführt wird und dessen nun erweiterte Räumlichkeiten am 8. Juni eingeweiht wurden. Das Areal, auf dem auch der BdV-Landesverband mit seinem Vorsitzendem Hirche seinen Sitz hat, ergänzt das Gelände der riesigen alten Brikettfabrik. Genau einen Tag vor den Europa- und Kommunalwahlen waren zahlreiche Busse mit Vertriebenengruppen angereist.

Zum Geschehen waren BdV-Präsident Bernd Fabrititus und von den Deutschen aus Polen deren Chef Rafał Bartek sowie sein Vorgänger und nunmehriger Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) im Volksgruppenverband „Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten“ (FUEN), Bernard Gaida, angereist. Während den Deutschen in der Republik Polen über die Jahre nach und nach institutionelle Förderungen aus der Bundesrepublik beschnitten und auf Projektförderungen umgestellt wurde, und auch hier in Knappenrode institutionelle Hilfe in der Bundesrepublik aufgebaut wird, durfte Bartek im Festzelt neben dem „Transferraum Heimat“ für den Verband der Deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) und den Chronstauer Bildungsverein „WUNDER“ 2000 Euro im Rahmen des Zukunftserbepreises 2024 aus den Händen des Ministerpräsidenten entgegennehmen.

Der „Transferraum Heimat“ beeindruckt industriearchitektonisch – so ragt aus ihm ein gedeckter Güterwagen der Bauart Oppeln nach außen über. Mit diesem weitverbreiteten Reichsbahnwaggon haben Millionen Ostdeutsche ihre Vertreibung in den Westen erlebt. Während im 80 Kilometer entfernten Görlitz das Schlesische Museum das Kulturerbe eher durch Schaustücke und für die wissenschaftliche Forschung präsentiert und viele Touristen anzieht, setzt Knappenrode auf den von Woidke und Kretschmer betonten Aspekt der Jugendarbeit. Hirche erläuterte bei der Einweihung, dass auch die Deutschen aus Polen problemlos zu Begegnungen nach Knappenrode eingeladen sind. Schwierig stelle sich jedoch dar, schon Lehrer aus der Lausitz von der Relevanz der ostdeutschen Kulturarbeit zu überzeugen, damit diese mit ihren Klassen zu Projekten kommen. Ein besonderer Clou sei, dass zum Abschluss von Begegnungen Jugendliche mit einem Rettungsboot der „Wilhelm Gustloff“ über den aus der Tagebauumstrukturierung geschaffenen Geierswalder See schippern können. Zwei Ärgernisse konnte wohl auch Hirche nicht verhindern. Der die Vertreibung verharmlosende Begriff „Transfer“-Raum geht auf den Vorschlag der polnischen Kuratorin Julita Izabela Zaprucka zurück, die sonst eigentlich Gespür für Feinheiten des Wortes hat und als Museumsdirektorin in Hirschberg im Riesengebirge auch schon einmal mit Dankesworten in niederschlesischer Mundart überrascht. Neben zahlreichem Interieur darf in Knappenrode aber auch das politische Narrativ der Migration fröhliche Urständ feiern und scheint der notwendige Kotau zu sein, damit Politik und Lehrer sich diesen Fragen überhaupt zuwenden. Auf einer Bank sitzen zwei Frauenpuppen – eine oberschlesische Trachtlerin und neben ihr eine schwarzafrikanische Migrantin mit Säugling, die den Zuzug heute in eine Beziehungslinie mit Vertreibung setzt. Auf einem Monitor läuft daneben eine Einblendung „Flucht gestern – Flucht heute“. Links ein polnischer Vertreibungsbefehl in deutscher Sprache – rechts ein Foto von politischen und/oder Wirtschaftsmigranten im Fluchtboot Marke Eigenbau.

Der russlanddeutsche Chor aus Leipzig, der Krappitzer Chor aus Oberschlesien und die vielen anwesenden deutschen Vertriebenen freuten sich, dass die Politik ihre Existenz wahrnimmt und reisten zufrieden ab.


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