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Touristik

Schifffahrtsbranche in schwerer See

Die Kreuzfahrtunternehmen drohen zu kentern – Schiffe liegen in den Häfen, tausende Stellen werden abgebaut

Dagmar Jestrzemski
26.05.2020

Die bislang nur auf Zuwachs ausgerichtete Kreuzfahrtbranche ist von der Corona-Krise schwer getroffen worden. Für Aufsehen sorgten Berichte über Kreuzfahrtschiffe, die in keinem Hafen anlegen durften, auch wenn es keine positiv auf das Coronavirus getesteten Personen an Bord gab.

Wurde das Covid-19-Virus auf ein Schiff eingeschleppt, breitete es sich schnell aus, und hunderte Gäste und Crewmitglieder infizierten sich. Auf mehreren Schiffen verstarben Menschen. In einigen Fällen wurden die Erkrankten erst mit Verzögerung an Land gebracht und in medizinischen Einrichtungen versorgt.

Aktuell sind wegen des Reiseverbots weltweit alle Kreuzfahrtschiffe aufgelegt. Ab März standen die Reedereien vor der Aufgabe, ihre zurückkehrenden Schiffe auf den knappen Anker- und Liegeplätzen unterzubringen. 14 Schiffe umfasst mittlerweile die Flotte von AIDA Cruises, der Marke des britisch-amerikanischen Weltmarktführers Carnival Corporation & pic für den deutschsprachigen Markt.

Die AIDA-Flotte liegt verteilt in europäischen Häfen sowie in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) und Bridgetown (Barbados). Insgesamt sieben Kreuzfahrtschiffe sind im Hamburger Hafen aufgelegt, drei davon in den Überholungsdocks der Werften. Sämtliche Schiffe wurden auf einen minimalen Energiebedarf eingerichtet. Sie bleiben mit einer stark verkleinerten Mindestbesatzung an Bord betriebsbereit.

Nur die „Europa 2" von Hapag-Lloyd nutzt am Cruise Terminal Altona das Landstromangebot. Die Stromversorgung der übrigen Schiffe erfolgt rund um die Uhr über die eigenen Dieselmaschinen. Erneut aufgekommene Diskussionen über den hohen Schadstoffausstoß der Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen sind derzeit aber noch das geringste Übel unter den Problemen, mit denen die Branche zu kämpfen hat.

Für die Reedereien bedeutet die Betriebsstilllegung einen immensen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Bis auf wenige Ausnahmen durften die Crewmitglieder der in Cuxhaven und Bremerhaven liegenden Schiffe „Mein Schiff 3" und „Mein Schiff 4" der Reederei TUI Cruises fast zwei Monate nicht an Land gehen. Üblicherweise arbeiten auf den Schiffen 1000 Besatzungsmitglieder.

Auf der stillgelegten „Mein Schiff 3" in Cuxhaven waren zuletzt 2900 Menschen aus 70 Nationen untergebracht, da Crewmitglieder von anderen Schiffen der TUI- Cruises-Flotte dazukamen. Sie konnten wegen der Reisebeschränkungen nicht in ihre Heimatländer ausgeflogen werden. Demzufolge verschlechterte sich die Stimmung an Bord zusehends.
Seit Ende April wurden neun Personen positiv auf Covid-19 getestet und auf die Isolierstation eines Cuxhavener Krankenhauses gebracht. Mittlerweile konnten für 1200 Besatzungsmitglieder Heimflüge organisiert werden.

Den Werften brechen Aufträge weg

Um sein Geschäft mit Luxus-Kreuzfahrten zu stärken, hatte Europas größter Reisekonzern TUI im Februar eine noch engere Zusammenarbeit mit Royal Carib­bean Cruises angekündigt, dem weltweit zweitgrößten Kreuzfahrtunternehmen mit Sitz in Monrovia (Liberia) und operativer Hauptzentrale in Miami (Florida, USA). Dazu wurde seine Luxuslinie Hapag-Lloyd Cruises in das Gemeinschaftsunternehmen TUI Cruises eingebracht, an dem je zur Hälfte die TUI AG und Royal Caribbean beteiligt sind. Wegen der hohen Verluste und mittelfristig schlechter Aussichten gab Royal Caribbean im April die Entlassung von 26 Prozent der Mitarbeiter an Land bekannt. Betroffen sind 1300 Angestellte in den USA.

Nach Mitteilung des Kreuzfahrtverbands Cruise Lines International Association kostet jeder Tag des Stillstands die Kreuzfahrtindustrie in den USA umgerechnet 80 Millionen Euro. Zu den wirtschaftlichen Folgen für Deutschland wurden bisher keine Angaben gemacht. Inzwischen hat auch TUI angekündigt, insgesamt 8000 Arbeitsplätze im In- und Ausland und damit fast jede zehnte Stelle zu streichen.

Die Branche weist die Vermutung zurück, dass auf Kreuzfahrtschiffen ein erhöhtes Corona-Risiko besteht. Jüngst präsentierten die Kreuzfahrtunternehmen bereits ihre Pläne für einen Neustart unter Einhaltung aller Hygiene- und Gesundheitsstandards ab der zweiten Jahreshälfte. Jedoch erscheint es fraglich, ob in diesem Jahr noch Kreuzfahrten stattfinden werden. Für 2021 werden aber inzwischen von Kreuzfahrtbegeisterten wieder zahlreiche Seereisen gebucht.

Noch weit höhere Verluste als der Kreuzfahrtbranche entstehen der Werftindustrie durch die Ausfälle in der Seetouristik. Auch wenn die Reedereien ihren Betrieb demnächst wieder schrittweise hochfahren können, wird dies kaum Nachfrage nach neuen Schiffen zur Folge haben. Ein Großteil der Schiffe dürfte für längere Zeit außer Dienst bleiben.



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