28.02.2024

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Ostpreussen

Schlachtfest auf dem Dorf

Vorbereitung auf Weihnachten – Zum Festessen gehörte immer auch ein Stück „von der Sau“

Berta Gross
03.12.2023

Welche ostpreußische Landfrau, die heute halb- oder viertelpfundweise den Speck aus dem Laden holt oder zum Sonntag ein bescheidenes Stückchen Fleisch kauft, denkt nicht mit Wehmut an die einst wohlgefüllte Speckkammer zu Hause, an die fleisch- und wurstgefüllten Weckgläser und an die Schmalztöpfe in der Vorratskammer. In die Wochen vor Weihnachten fielen meistens die ersten Schlachtfeste des Jahres. Mochten noch 60 Enten, Gänse und Puten zur Verfügung stehen, zum Weihnachtsfest gehörte immer ein ordentliches Stück von ,,der Sau“ auf den Tisch, gehörten „frösche Worscht“ und Sülze.

Täglich prüften kritische Augen den Puckel des Schlachttieres, ob er breiter wurde, und wenn es eines Tages am Futtertrog ,,oppe Noarsch huckd“, das heißt, sich zum Fressen nicht mehr erheben mochte, dann war es richtig, dann war es reif zum Schlachten. Es war bei uns im Dorfe nicht üblich, dass der Fleischer zum Schlachten bestellt wurde. Unser alter Dorfschmiedemeister, genannt „ Meister Schmödt“, besorgte dieses Geschäft. Es gab kaum einen Bauernhof in unserer Gemeinde, auf welchem Meister Schmödt nicht schlachtete.

Dorfschmiedemeister Schmödt übernahm das Schlachten
Rechtzeitig schon musste man ihn „bestellen“ und mit ihm den Tag der Schlachtung verabreden. Er ermahnte dann, rechtzeitig das Brühwasser kochend zu halten, denn er fing früh an. Unsere Lina, der für das rechtzeitige Kochen des Wassers verantwortliche Geist, füllte schon am Abend vorher den Kessel des Kartoffeldämpfers mit Wasser und legte trockenes Holz bereit. Die erste Arbeit am nächsten Morgen war das Anheizen des Dämpfers in der Futterküche, damit das Wasser heiß war, wenn der Meister eintraf. „Goode Morge! Koakt de Woater?“ Da stand er auch schon in der Türe. „Gleich, Meister, ös et so wiet!“ „Wo sönd de Manns? Ös wedder nuscht besorgt!“

Unser Meister war poltrig und derb, aber herzensgut und bei allen beliebt. Er machte gerne Spaß, aber er konnte auch wundervoll wettern und schimpfen, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Meinen Brüdern machte es riesigen Spaß, den Meister schimpfen zu hören, und sie forderten ihn aus diesem Grunde oft dazu heraus. Er nahm dann kein Blatt vor den Mund, ob er den Bauern selbst oder den Knecht vor sich hatte. „Na, los! Messerschliepe! Wo ös de Schlieptrog?! Verfluchte Bommelie! De Woater ward omsonst koake.“

Er packte seine Schlachtmesser aus, die er in einer alten Aktentasche immer mitbrachte. Diese war außen und innen fett wie eine Speckschwarte, denn in ihr trug er auch den Lohn für die Schlachtarbeit heim. Dieser bestand nie aus Geld, sondern aus Fleisch und Speck.

Inzwischen war der Schleiftrog mit Wasser gefüllt, und einer der „Jungens“ drehte den Schleifstein. Ein Weilchen ging es gut, dann aber wurde die Sache langweilig und der Schleifstein wurde ungleichmäßig oder gar mal in verkehrter Richtung gedreht. „Wie drellst nu? Langsam! Torigg ! Krät hörscht nich?! Böst verröckt? Sull öck mie önne Klaue schniede? Hewst woll noch nich utschloafe, wat?!“ So kam der Meister in Fahrt.

„Meister, de Woater koakt!“ Diese Worte Linas elektrisierten den Meister, „ös alles doa? De Trog? De Strock? Walter, häwst dem Teschning?“ Walter, mein jüngster Bruder, betäubte das Schwein durch einen Schuss aus dem Tesching, was ihm immer vom Meister ein anerkennendes Lächeln eintrug. „Goot so, Walter! Dat Oas liggt möt eenem Schoss. Nanu zuck, stoat nich on kickt wie de Oape un hoolt nich de Tung önne Muul! Karl hier ran! Paul, du nömmst dissem Koschel! Un de Ohler (mein Vater) bedröckt em hier!“

Diese energischen Kommandos brachten bald alle an den ihnen zugewiesenen Platz. Ich hatte die Aufgabe, das Schlachtmesser bereit zu halten, um es im gegebenen Moment dem Meister zu reichen. Lina stand mit Schüssel und Holzlöffel bereit, das Blut aufzufangen, welches sich nach dem wohlgelungenen Stich mit einem kräftigen Strahl in die untergehaltene Schüssel ergoss. „ Utgeete ! Rasch!“, kommandierte der Meister, und während er das Stichloch zuhielt, goss Lina das Blut in einen Eimer, wo ich es weiter rührte, während sie neues auffing. „Na , rennt nich got dat Bloot?! Na, wat wöll ju! Seht man, wat dat Oas väl Bloot hefft! Se ös noch nich fett genog!“ „Na röhr möt dem Koschel, dat aller rutkömmt“, fuhr er einen der Männer an.

Auch die Kinder mussten tatkräftig mit anpacken
So ging das fort, bis der Blutstrom versiegte. „Weg ! Os genog to Blootworscht!“ Mit diesen Worten beendete Meister Schmödt das Abstechen. Schnell malte er noch mit seinem blutigen Finger Lina und mir einen Schnurrbart ins Gesicht. „Nu oaber ran möt dem Trog! Beielt sick, beeilt sick, eh se koolt ward!“

Inzwischen hatte ich aus dem Hause eine Flasche Korn geholt und mein Vater schenkte sich und dem Meister ein. Sie stöhnten, wenn sie das Glas ausgetrunken hatten, verzogen das Gesicht und schüttelten sich. Das gehörte sich so beim Schnapstrinken. Und nun ging es unter der Assistenz der männlichen Hofbewohner an das Brühen und Abschaben. Den Kopf nahm er sich selber vor, das machte ihm keiner gut genug.

Meine Brüder konnten es nicht lassen, sich bewusst dumm zu stellen, und forderten so den Meister zum Schimpfen heraus. Wenn das Schwein hing und ausgenommen war, wurde der Schweinerücken durch einen sauberen Schnitt der Länge nach gespalten. Durch Einlegen der Hand in den Schnitt wurde die Dicke des Speckes gemessen. Dann gab es ein kräftiges Frühstück, wobei die angebrochene Flasche leer gemacht wurde. Bald darauf kam auch schon der Fleischbeschauer auf seinem Motorrad angebraust, besichtigte das Fleisch und stempelte es ab, sodass wir schon zum Mittag in den Genuss der frischen Spirkel kamen.

Aus: „Ostpreußenwarte“, Dezember 1953


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Kommentare

Gregor Scharf am 03.12.23, 14:57 Uhr

Unsere Großeltern hatten immer drei Schweine pro Jahr. Das Schlachtfest war neben dem Fest auch reichlich Arbeit, so wie oben beschrieben. Die Därme reinigen war nicht zwingend festlich, gehörte aber dazu und wehe, wenn man sie dabei durchgestoßen hat.
Wurschtsuppe, frisches Gehacktes mit Zwiebeln . . . ein Gedicht mit frisch gebackenem Brot. So sah das Frühstück aus. Wie ärmlich wir dagegen heute leben in einer durch und durch zuvilisierten Welt, jeglicher Verbindung zur Natur und naturnahem Leben entfremdet.

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