28.05.2020

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Als „Abstandsgebot“ noch ein Fremdwort war: Baluscheks „Großstadtlichter“ von 1931
Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin/Michael Setzpfandt, BerlinAls „Abstandsgebot“ noch ein Fremdwort war: Baluscheks „Großstadtlichter“ von 1931

Kunst

Schlesischer „Rinnsteinkünstler“

Vor 150 Jahren wurde der Breslauer Maler Hans Baluschek geboren. Seine Bilder eröffnen das Bröhan-Museum

Bettina Müller
09.05.2020

Berlin, Sommerfest in einer Laubenkolonie. Eine Schar Kinder zieht mit Laternen durch eine kleine Siedlung am Stadtrand, während in der Ferne düstere Mietskasernen stumm vor sich hinbrüten. Hans Baluscheks 1909 entstandenes Ölgemälde „Sommerfest" ist synonym für viele seiner Werke. Man ahnt, wer einmal in diesen Umständen gefangen ist, entkommt ihnen nur in Augenblicken des vergänglichen Vergnügens. Doch die vorbeiziehenden Mädchen sind in strahlendem Weiß gekleidet, leuchten fast übernatürlich, trotzen dem Elend. So schält sich aus dem Elend auch ein anderer, erhabenerer Gemütszustand heraus: Hoffnung. Fast haftet dieser Szene auch etwas Religiöses an, man denkt an Kommunionskinder.

Doch Baluschek war kein Maler, der Religion in den Vordergrund stellte, weil er sich seine ganz eigene Glaubenswelt geschaffen hatte: Das Berlin der endlosen Straßen der Mietshäuser im Osten, in denen ungezählte Menschen oft chancenlos vor sich hinvegetierten, die aber in ihrer Welt auch fest zusammenhielten. Das machte das Elend erträglicher.

Dem am 9. Mai 1870 in Breslau als Sohn eines Eisenbahnbeamten geborenen Baluschek wurde es in die Wiege gelegt, sich anderen Menschen ohne Dünkel zu nähern. In seinem Elternhaus wehte ein „demokratischer Wind", wie ein Biograf einst schrieb. 1876 zog die Familie nach Berlin, der Vater nahm ihn bei den Dienstgängen mit, der Junge spielte mit Kindern aus Arbeitervierteln, das prägte ihn.

Baluschek entschied sich daher nach seinem Studium an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste, die von dem konservativen Anton von Werner geleitet wurde, früh für etwas Neuartiges: die Sozialkritik in der Kunst. Schlüsselerlebnis war dabei 1882 eine Ausstellung des russischen Künstlers Wereschtschagin mit extremen Kriegsdarstellungen. Diese Drastik galt es fortzuführen, und zwar in Berlin. Aus diesem Anspruch heraus entstanden seine Bilder, deren wenig heitere Titel, zum Beispiel „Kinderbegräbnis" oder „Kriegswinter", stets von vornherein vorgaben, was der Betrachter zu erwarten hatte. Seine mitunter derben Bilder wurden von erfrorenen Vagabunden und Bettelweibern bevölkert, unter denen der Tod umging, von Großstadtprostitution, Kokainisten, Schwindsüchtigen oder „Rummelnutten".

Auch Baluscheks „Tingeltangel-Dame" ist gefangen in ihrem Dasein, und über allem wacht ein Bild des Kaisers, als sie gerade als Señorita auf dem Tisch tanzt. Lasziv und ganz in plüschiges Rot gekleidet, wirft sie den Biedermännern im Publikum aufreizende Blicke zu.

Mitbegründer der Secession

Baluschek forderte den Betrachter indirekt dazu auf, die Augen nicht vor dieser unbekannten Welt zu verschließen, denn sie war nun einmal ein Teil der Stadt. Die Reaktionen waren verheerend. Ein Schrei der Empörung entfuhr der Kunstwelt und dem Publikum, nachdem Baluschek in den Jahren 1895 bis 1897 zusammen mit seinem Freund Martin Brandenburg in der Galerie Gurlitt hatte ausstellen dürfen. Der Kaiser ließ sich sogar zu der Schmähung „Rinnsteinkunst" hinreißen.

Doch dass Baluschek, trotz der zunächst verpönten Sujets, ein großes Talent als Maler besaß, war unübersehbar. „Zum Glück" malte er auch noch unverfängliche „Eisenbahnbilder", und wurde so zu einer Art geduldeter Außenseiter. Durch eine Spaltung der Berliner Kunstszene – Auslöser war eine durch Anton von Werner abgesetzte Ausstellung mit Bildern von Eduard Munch – formierte sich 1898 als Gegenentwurf zu dem konventionellen Kunstbetrieb die „Berliner Secession", zu deren Gründungsmitgliedern Baluschek gehörte.

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er verstärkt als Illustrator, wirkte aber auch als Dozent an der Berliner Volkshochschule. Durch eine 1924 von Friedrich Wandel geschriebene Monografie über den Künstler verfestigte sich sein Ruf als „marxistischer" Maler des „Lumpenproletariats", was ihm nach 1933 zum Verhängnis wurde, und so wurde er von den Nationalsozialisten wegen seiner „entarteten Kunst" geschmäht. Aller seiner Ämter enthoben starb Baluschek am 28. September 1935 in Berlin.

• Wiedereröffnung
Am 12. Mai wird das Berliner Bröhan-Museum in der Schloßstraße 1a mit der Ausstellung „,Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze.' Hans Baluschek zum 150. Geburtstag" wieder für den Besucherverkehr geöffnet. Dabei wird auf die strikte Einhaltung der Hygieneregeln sowie des Abstandsgebots geachtet. So dürfen sich nur jeweils 30 Personen in den Ausstellungsräumen aufhalten. Die Dauerausstellung bleibt weiterhin geschlossen.
www.broehan-museum.de



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