23.05.2024

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Freilichtmalerei

Schnappschüsse mit Pinsel und Farbe

Vor Erfindung des Smartphones behalfen sich Künstler mit Ölmalerei unter freiem Himmel – Farbe aus der Tube war dabei hilfreich

Helga Schnehagen
09.10.2023

Als eine der größten Revolutionen des 19. Jahrhunderts wird das Aufkommen der Ölstudie in der Kunst beschrieben. Ab 1820 begannen immer mehr Künstler auf ihren Wanderungen das Skizzenbuch stecken zu lassen und ihre Beobachtungen im Freien direkt in Öl auf einem Stück Pappe, Holz oder, am häufigsten, Papier festzuhalten.

Dabei benutzten sie oft Reißzwecken, um das Papier auf dem Holz des Malkastens zu befestigen. Die winzigen Nagellöcher sind zum Qualitätsmerkmal geworden. Denn die kleinformatigen Ölstudien sind heute begehrte Kunstobjekte. Die Preise für die einst wertlosen Vorlagen für das später im Atelier zu komponierende Bild können dessen Preis inzwischen um das Doppelte bis Dreifache übertreffen.

Nachdem in den vergangenen Jahren Überblicksausstellungen in Rom, Paris und Washington die vorher kaum beachteten Ölstudien präsentiert haben, gibt die Ausstellung „Mehr Licht. Die Befreiung der Natur“ erstmals in Deutschland Gelegenheit, diese Kunstgattung im Rahmen einer Schau zu entdecken. An die 90.000 Besucher haben sie schon bis zum 7. Mai im Kunstpalast Düsseldorf gesehen. Mit der Übernahme von rund 170 äußerst reizvollen kleinen Gemälden hofft die Kunsthalle St. Annen in der Hansestadt Lübeck noch bis zum 15. Oktober auf einen ähnlichen Erfolg.

Eine wichtige Voraussetzung für die Freiluftmalerei war eine so einfache wie geniale Erfindung: die Ölfarbe in der Tube. Die Farben waren damit überall hin problemlos mitzunehmen, und zudem trockneten sie schnell. Immer mehr Maler begannen, die neu gewonnene Freiheit zu nutzten, um das Gesehene schnell und farbgetreu zu bannen. Entsprechend lang ist die Liste der ausgestellten Künstler. Begleitet wurde diese Wende durch ein gesteigertes Interesse an der realistischen Wiedergabe der Natur frei von religiöser Überhöhung und Idealisierung.

Heute zückt man zu diesem Zweck das Handy. Fotorealismus bieten die Ölstudien zwar nicht, aber dafür beeindruckende Lichtspiele vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang, von Polarlichteffekten in Rot bis zum Gewitterregen in Grau. Der Poesie dieser Studien kann man sich nicht entziehen. Im Kontext der Ölstudien wird die „Küstenlandschaft im Morgenlicht“ von Caspar David Friedrich (1774–1840) gezeigt. Das kleinformatige Ölgemälde aus dem Atelier zeigt durchaus Parallelen zu den Ölstudien.

Es gibt aber auch einen wichtigen Unterschied: Während in den Ölstudien die Atmosphäre der Landschaft zu den unterschiedlichen Tageszeiten von übergeordnetem Interesse ist, kommt beim Gemälde von Friedrich noch eine symbolische Bedeutung der Tageszeit hinzu. Der Maler war kein Freund der Ölstudie in freier Natur. Sein Werkzeug für Detailskizzen blieb der Bleistift.

Kunsthalle St. Annen, St.-Annen-Str. 15, 23552 Lübeck, geöffnet täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr. Katalog 29,90 Euro
www.kunsthalle-st-annen.de


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