16.01.2026

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Alle wollen den Geist berühren: Das Filmfinale mit Shakespeare/Hamnet auf der Bühne
Bild: Courtesy of Focus Features © 2025 FOCUS FEATURES LLC..Alle wollen den Geist berühren: Das Filmfinale mit Shakespeare/Hamnet auf der Bühne

Kino

Shakespeare im Leid

Von Hamnet zu Hamlet ist es nur eine Letter – Film über den Dramatiker, der den Tod seines Zwillingssohns therapeutisch verarbeitet

Harald Tews
16.01.2026

Im Jahr 1998 zeichnete der Oscar-gekrönte Film „Shakespeare in Love“ ein vollkommen neues Bild des englischen Dramatikers. Der von Joseph Fiennes gespielte Shakespeare wird darin als Theatergenie verständlich, weil er sich als rebellisch dauerverliebter Jungspund wenig um gute Manieren und Sitten schert. Die Darstellung des Autors als exzentrischer Theaterstar räumte auch mit der wahnwitzigen Idee auf, jemand anderes als dieses Landei aus Stratford-upon-Avon hätte solche Weltliteratur wie „Romeo und Julia“ oder „Hamlet“ schaffen können.

Jetzt kommt „Hamnet“ in die Kinos, der vom 22. Januar an beweist, dass es von dem wahren Shakespeare-Sohn Hamnet zu dem sagenhaften Dänenprinzen Hamlet nur einen Buchstabentausch weit entfernt ist. Aus einer biografischen Randnotiz macht die in den USA lebende chinesische Regisseurin Chloé Zhao ein rührseliges Drama, dass die Entstehung von Shakespeares Meisterwerk als selbsttherapeutische Maßnahme begründet.

Und schon sind wir mittendrin bei Frauenthemen wie Verlust und Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. Denn Shakespeare und sein mit elf Jahren an der Pest verstorbener Zwillingssohn Hamnet kreisen nur wie unscheinbare Planeten um das weibliche Zentralgestirn dieses Films, und das heißt Agnes, Shakespeares Frau, die besser unter dem Namen Anne Hathaway bekannt ist.

Zu Beginn dieser Romanverfilmung wird Agnes als Waldhexe eingeführt, die mit einem Falken unter den mächtigen Wurzeln eines Baumes ihre Magie entfaltet. Hier in freier Natur bringt sie später auch ihr erstes Kind, die Tochter Susanna, zur Welt. Zwei Jahre später folgen die Zwillinge Judith und Hamnet, während Agnes' Göttergatte in London erste Bühnenerfolge feiert. Die Irin Jessie Buckley stiehlt als früh-feministische Agnes deren Mann jedoch die Show und hat für diesen forschen Auftritt jüngst den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin erhalten und der Film selbst den Preis als bestes Drama.

Die Klammer, die alles zusammenhält, aber ist der Tod. Vor allem der von Paul Mescal gespielte Shakespeare kann es nicht verkraften, dass sein einziger leiblicher Sohn früh das Zeitliche segnete. Regisseurin Zhao, die das elisabethanische England wie eine asiatische Fantasywelt mit magischen Beschwörungsriten inszeniert, lässt Hamnet als Geist im Stück „Hamlet“ wieder auferstehen. Im tränenreichen Finale verarbeitet Shakespeare seinen Verlust, indem er auf der Bühne seines Londoner Globe Theatres eben jene Geisterrolle mit weiß verkalktem Gesicht verkörpert.

Davon abgesehen ist dieser Shakespeare ein Reinfall und zu weit davon entfernt, um als Genie glaubhaft zu wirken. So bildgewaltig und emotional „Hamnet“ auch ist – dieser „Shakespeare im Leid“ muss einem nicht leidtun.


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