13.07.2024

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Der rote Teppich ist ausgerollt: Jeder Gast wird wie ein König empfangen
Foto: BergDer rote Teppich ist ausgerollt: Jeder Gast wird wie ein König empfangen

Bahnreise

Spaniens rollender Botschafter

Im Luxuszug über die Iberische Halbinsel – Mit dem Tren Al Andalus von Sevilla nach Santiago de Compostela

Detlef Berg
06.07.2024

Bitte einsteigen und die Türen schließen! Dann geht ein sanfter Ruck durch die lange Waggonschlange, der Al Andalus setzt sich langsam in Bewegung. Pünktlich auf die Minute verlässt der „Palast auf Schienen“ – so nennt die spanische Bahngesellschaft ihren Nostalgiezug voller Stolz – den Bahnhof Santa Justa in Sevilla.

Nur 54 Gäste sind diesmal an Bord. Sie begeben sich auf eine Sonderreise quer durch ganz Spanien, von Sevilla in Andalusien bis hinauf nach Santiago de Compostela. Schnell sind die Abteile bezogen und das Gepäck verstaut. Alle Reisenden treffen sich im Salonwagen zum Begrüßungsgetränk. Man hat sich schon während des Vorprogramms kennengelernt, ist gespannt auf die Reise, die ein wenig in jene Vergangenheit zurückführt, als die 1929 gebauten Waggons den englischen König auf das Angenehmste von Calais an die Côte d'Azur beförderten. Barmann Julio füllt edlen Cava in die Gläser, häuft Nüsse und Oliven in kleine Schalen. Alle nippen am Glas, die Stimmung ist gut.

Königlich war bereits der Aufenthalt im Hotel Alfonso XIII., dem wohl spektakulärsten Hotel von Sevilla. 1929 im Mudejar-Stil für internationale Würdenträger zur iberoamerikanischen Ausstellung gebaut, vereint das luxuriöse Haus typisch andalusisches Dekor mit zeitgemäßem Komfort. Von dort ist es nicht weit zur Kathedrale mit ihrem berühmten Glockenturm und dem Königspalast Alcazar.

Zu Sevilla gehört auch der Flamenco. Im Flamenco-Museum von Christina Hoyos wird die unendliche Geschichte zwischen den Geschlechtern mit musikalisch-dramatischen Mitteln thematisiert. In der Rolle des einsamen, unverstandenen Verliebten, beginnen Männer herzergreifend mit kehligen Lauten zu singen. Zu Gitarre und Gesang gesellen sich Tänzerinnen mit rhythmischem Schlagen der Absätze auf dem Parkett, während die Sänger dazu harmonisch anfeuernd in die Hände klatschen.

Am Abend überrascht Küchenchef Andrés Fernández die Passagiere mit einem köstlichen Menü im Salonwagen. Der präsentiert sich mit holzgetäfelten Wänden, roten Plüschsesseln und dem goldglänzenden Messing der Leuchten ganz im Stil der Belle Époque. Auf dem Menüplan stehen Teufelskrabbenpastete mit Sprossen, knuspriges Spanferkel mit Apfel-Chutney und Arroz con Leche, süßer Milchreis. Dazu werden ausgewählte spanische Weine angeboten.

Eine Kleiderordnung gibt es übrigens nicht. Man sieht Kleider, Jacketts, aber keine Krawatte. Eine Sitzordnung gibt es ebenfalls nicht. Gäste, die andere Gäste kennenlernen möchten, nehmen an einem Vierertisch Platz. Es gibt aber an der anderen Fensterseite auch kleine Zweiertische. Der kleine Mittelgang stellt dabei kein Hindernis für Gespräche mit den Gästen auf der anderen Seite dar. Ausklingen kann der Abend im Barwagen zu nostalgischer Musik wie „As Times Goes By“ bei einem Gin Tonic oder einem Sherry.

In der Zwischenzeit ist der Zug zum Stehen gekommen, und fleißige Helfer haben die Sofas in den Abteilen – alle sind klimatisiert und mit Dusche und WC ausgestattet – zu Betten verwandelt.

Am Morgen erreicht der Zug Córdoba. Ein Bus bringt die Passagiere zur Mezquita-Kathedrale mit ihren über 850 Säulen, verbunden durch weiß-rot gestreifte Bögen. Das UNESCO-Weltkulturerbe war einst eine Moschee. „Die maurischen Kalifen entwickelten Andalusien ab dem achten Jahrhundert zu einem Zentrum der muslimischen Welt. Ein Zeugnis dieser Zeit ist die Mezquita“, erläutert die Reiseleiterin Petronella. Es bleibt auch Zeit, sich einfach durch die schmalen, blütenweiß gekalkten Gassen der Juderia treiben zu lassen. Später rattert der Zug weiter gen Norden, vorbei an Olivenbäumen und Obstplantagen.

Am nächsten Tag stehen mit Toledo und Aranjuez gleich zwei Unesco-Weltkulturerbe-Städte auf dem Ausflugsprogramm. Toledo thront auf einem Hügel, der von drei Seiten vom Fluß Tajo umflossen wird, und ist ein städtebauliches Gesamtkunstwerk. Beim nachmittäglichen Spaziergang durch die Parkanlagen von Aranjuez, einem Königsschloss vor den Toren von Madrid, fehlt nur die Musik des berühmten Gitarristen Joaquin Rodrigo.

Viel zu sehen gibt es auch in Avila mit seiner gewaltigen Festungsanlage und in León mit seiner gotischen Kathedrale. Mit einer Flussfahrt im Sil Canyon mit seinen bis zu 500 Meter tief abfallenden Schluchten erleben die Passagiere auch das grüne Spanien. Dieser Teil von Galicien, unweit der Grenze zu Portugal gelegen, ist auch bekannt für sein kleines Weinanbaugebiet Ribeira Sacra.

Bevor der Al Andalus weiterfährt, steht ein Bummel durch die Stadt Lugo auf dem Programm. Die römische Stadtmauer ist hier besonders imposant. Etwas mehr als 2200 Meter lang, umschließt sie die gut erhaltene Altstadt. Dort erwartet die Passagiere noch eine Überraschung. Eine kleine Musikkapelle hat Aufstellung genommen und spielt traditionelle Lieder aus Galicien – mit einem Dudelsack! Die Gaiteiros, so heißen die Dudelsackspieler hier, sind fester Bestandteil der Kultur von Galicien, die sich auch auf keltische Ursprünge zurückführen lässt.

Kofferpacken ist das Motto am nächsten Tag. Der Al Andalus erreicht nach rund 1250 Kilometern Fahrt quer durch Spanien auf seiner letzten Etappe Santiago de Compostela. Die Zugpassagiere wechseln für die beiden letzten Übernachtungen in den historischen Parador, der zentral am Platz des Obradoiro liegt und als ältestes Hotel der Welt gilt.

Santiago de Compostela – die Stadt im Zeichen der Muschel – ist Ziel vieler Pilger. Eine Jakobsmuschel hängt fast bei jedem irgendwo am Gepäck. Erschöpft, aber glücklich, erreichen sie den Platz vor der Kathedrale, in der sich das Grab des Apostels Jakobus befindet.

Anspruchsvoll ist auch das Programm der Passagiere: Neben einer ausführlichen Besichtigung der Kathedrale mit ihrem Portikus der Herrlichkeit und der Figur des Apostels auf dem Hochaltar bietet die Stadt zahlreiche Kirchen, einige prächtige Paläste, schöne Plätze und zahlreiche Museen. Die Stadt ist der letzte von zahlreichen Höhepunkten der Reise, und der Zug ist ein perfekter rollender Botschafter Spaniens.

Der Al Andalus fährt ab August wieder die Strecke Sevilla–Santiago di Compostela. Angebote unter: www.lernidee.de


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