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Der Pionierstein, heute Schwedenstein [Swedzki Kamien], von Steinschlägern gesprengt: Man erkennt deutlich die Bohrgänge, die mit Dynamit bestückt wurden. Man ahnt seine ursprüngliche Form und Größe
Foto: EngelDer Pionierstein, heute Schwedenstein [Swedzki Kamien], von Steinschlägern gesprengt: Man erkennt deutlich die Bohrgänge, die mit Dynamit bestückt wurden. Man ahnt seine ursprüngliche Form und Größe

Naturwunder

Steinreiche Buchheide

Der Stettiner Landschaftsschutzpark– Ein spektakulärer Hort steinerner Eiszeit- und Baumriesen

Karl-Heinz Engel
31.05.2024

Wer sind die Riesen in der Stettiner Buchheide? Bäume natürlich, geht es um Wipfelhöhe. Die Allerhöchsten unter ihnen dürften den Rotbuchen angehören, denn sie wachsen in dem 6500 Hektar weiten Forstgebiet am häufigsten. Tatsächlich markieren Buchen die Gipfel der Waldlandschaft südöstlich Stettins.

Übrigens nicht erst seit heute. Wie sich dem Monatsjournal „Unser Pommernland“, das der Buchheide 1929 ein vielseitiges Porträt widmete, entnehmen lässt, wurzelte damals am Weg von der Pulvermühle zur Hökendorfer Försterei eine 43 Meter hohe Rotbuche, womit sie zur höchsten Buche Pommerns avancierte. Um Trittschäden über dem Wurzelwerk zu vermeiden, war sie sorgsam von einem Zaun umhegt worden. Die Höhenangabe hatte man in die Rinde geschnitten. Sie war Ende der 1920er Jahre, der fortgeschrittenen Überwallung nach zu urteilen, wohl schon mindestens zwei Jahrhunderte alt. Der Baumriese wird deshalb noch um einiges höher gewesen sein. Vielleicht erreichte er sogar das Maß einer Rotbuche, die um 1900 im Revier wohl aus Altersgründen gefällt wurde.

Der Stettiner Gymnasialprofessor Winkelmann berichtete, dass sie so dahingestreckt 47 Meter lang war. Das Westpreußische Provinzialmuseum in Danzig hatte Winkelmann damit betraut, eine erste Bestandsaufnahme von naturdenkmalwürdigen Objekten in Pommern zu erstellen. Bei den Recherchen stieß er auch auf den Recken im Podejucher Holz. Solche Rotbuchen waren in der Tat außerordentliche Erscheinungen der belebten Natur und des Försters Stolz.

Prachtvolle Eichen und Buchen

Von den Eichen in diesem Waldgebiet weiß man, dass sie höhenmäßig den Buchen kein Paroli bieten konnten, wohl aber von Alter und Stammesmächtigkeit her. Da wuchs eine angeblich 1000-Jährige am Königsweg, und da hatte eine andere riesenhafte Erscheinung unweit des Gliensees mit wohl sieben Meter Stammumfang ihren Platz.

Die Toreinfahrt zum Zitelmannschen Gut in Hökendorf bewachten zwei trutzige Eichen mit so zerfurchter Borke, dass man eine Hand hineinlegen konnte. Sie stehen dort noch heute, und zwar in recht vitaler Verfassung, obwohl sich mittlerweile einige Hundert Jahresringe unter ihrer Rinde verbergen. Einige andere Veteranen haben leider das Zeitliche gesegnet. Die Riesen der Buchheide sind aber nicht nur nach Höhe und Dickstämmigkeit zu bewerten.

Kaum weniger Interesse als Buchen und Eichen fanden und finden bei Wanderern und Naturfreunden deshalb Findlinge, die steinernen Zeugen der letzten Eiszeit. Die Gletscher haben die Buchheide damit reichlich bedacht. Manche Waldhänge sollen um 1900 so mit Steinbuckeln bestreut gewesen sein, dass sie weidenden Kuhherden glichen.

Bestaunt wurden aber vor allem die schwergewichtigen Großgesteine, die mit 20, 30 und mehr Kubikmetern Rauminhalt, um deren Schutz sich alsbald die aufkommende Naturschutzbewegung und der 1888 gegründete Stettiner Buchheideverein bemühten.

Schutz durch Buchheideverein

Der bizarrste unter ihnen, früher Pionierstein, heute Swedzki Kamien (Schwedenstein) genannt, hält Wache am Pulvermühlenbach, der vom Buchheidekamm in Begleitung eines Talwegs nordwärts eilt. Neun Quellen sollen ihn speisen. Nah am Rand der zuweilen schluchtartigen Drift, die einem Richtstein zufolge irgendwann auch Drews Weg hieß, hat das tauende Gletschereis auf einer kleinen Anhöhe den Schwedenstein abgeladen. Wie ein finsterer Aufpasser verharrt er dort. Doch woher kommt sein zerschlagenes Antlitz?

Bei Kriegsende 1945 fanden im Tal Kämpfe statt, denen auch die beliebte Ausflugsgaststätte Pulvermühle zum Opfer fiel. Hat den Findling etwa eine Artilleriegranate zertrümmert? So etwas soll andernorts passiert sein. Auf den zweiten Blick offenbart sich aber die wirkliche Ursache. Steinschläger sprengten den mächtigen Granitklotz mit dem Auftrag aus ihm passendes Material für den Chaussee-, Häuser- und Denkmalbau zu gewinnen. Geschehen sein muss es vor ziemlich 150 Jahren, als die Steinschlägerei Hochkonjunktur hatte in den Bergen der Buchheide. An den Bruchkanten sind die mit Dynamit geladenen Bohrgänge noch immer deutlich zu erkennen. So verlor einer der Großgesteine der Buchheide sein ursprüngliches Gesicht. Warum man aus ihm dennoch kein Baumaterial gewann, weiß niemand mehr. Vielleicht haben ihn Naturschutzbewegung und Buchheideverein davor bewahrt. Er blieb jedenfalls, so wie die Sprengung ihn entstellte, bis zum heutigen Tag auf der Anhöhe dicht am Pulvermühlenbach liegen.

Das Schicksal der Baustoffgewinnung einige Jahre davor ereilte jedoch einen Findling, dessen Ausdehnung den Schwedenstein sowie aller anderen Urgesteine der Heide in den Schatten stellte. Man nannte ihn Riesenstein. Zu Recht, denn sein Rauminhalt betrug gewaltige 167 Kubikmeter, was einem Gewicht von 500 Tonnen entsprechen dürfte. Er hatte sein Lager unweit des Weges von Colow nach Dobberpfuhl. Manch einer der an ihm vorüber schritt, soll respektvoll seinen Weg unterbrochen und den Hut gezogen haben.

Sie wurden zu Denkmälern

Nachdem man ihn grob zerlegt hatte, fertigten Steinmetze aus ihm 1872 maßgenaue Werkstücke für bekannte Berliner Bauvorhaben, so als Hauptpfeiler für das Treppenhaus der Neuen Münze, aber auch als Tragsäulen für die Nationalgalerie und die Rotunde des Siegesdenkmals auf dem Großen Stern. Ursprünglich hatte man das Denkmal auf dem Königsplatz errichtet. Auch für ein Erbbegräbnis auf dem Petrikirchhof und eine Anzahl anderer Denkmäler reichte das Material.

Eine hohe Ehre all das für den Findling, wenn man so will. Allerdings um den Preis seiner Existenz als der Riese unter den Naturaltertümern der Buchheide. Jedoch nicht als der letzte seiner Spezies. Aktuelle Wanderkarten weisen gegenwärtig auf mindestens 14 solcher Großgeschiebe hin.


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