Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Die letzte Zuflucht während der Bombardierungen lag fünf Stockwerke tief unter der Erde
Jede Stadt hat ein Geheimnis. Auch Stettin. Denn die Unterwelt, ein weit verzweigtes Labyrinth aus Gängen, Tunneln, Räumen und einem Treppenhaus, das fünf Stockwerke tief und damit weit unter dem Hauptbahnhof Stettins als Luftschutzbunker im Zweiten Weltkrieg angelegt worden war, blieb den meisten über Jahrzehnte hinweg verborgen.
1976, als ich das erste Mal über Stettin nach Gollnow reiste und dort umsteigen musste, setzte ich meinen Fuß auf den Bahnsteig 1. Heute, 50 Jahre später, führt eine lange Treppe von hier zu dem Eingang, der uns ein ganz anderes Stettin eröffnet: Es ist wohl einige tausend Quadratmeter groß.
Gleich hinter dem Eingangsbereich, der dreisprachig – in Deutsch, Polnisch und Englisch – ausgeschildert ist, befindet sich ein Übersichtsplan der gesamten Anlage. Die Empfehlung einer Stimme, die aus Lautsprechern zu hören ist, rät eindringlich zu einem Foto des Plans, obgleich man sagen muss, dass das Objekt sehr gut ausgeschildert ist.
Zu Beginn kann man lesen, dass es sich dabei um das „Bauwerk Nr. 104/40“ handelt, welches im Jahr 1941 unterhalb vom „Stettin-Hbf – Kirchplatz“ errichtet wurde. Der Bau erfolgte damals nach dem Luftschutzgesetz (1935), und der Eingang erfolgt DIN-gerecht durch eine Luftschleuse mit massiven Stahltüren, die sich als Schotten verriegeln lassen.
Bauausführend war, wie wir später noch am Treppenschacht sehen werden, die Dyckerhoff & Widmann AG – kurz
DYWIDAG. Da die ersten Luftangriffe auf Stettin bereits 1940 begannen, war wohl große Eile geboten. Deshalb begann man kurzerhand mit der Umnutzung eines bereits bestehenden Eisenbahntunnels unterhalb des Bahnhofs.
In halber Höhe wurde damals eine Zwischendecke eingezogen, wodurch die Anzahl der unterzubringenden Stettiner sich verdoppelt konnte und die entstandenen Flächen nun 5.000 Menschen Schutz bei Bombenangriffen boten. Diese wurden zu jener Zeit durch Amerikaner und Briten über Rügen, Swinemünde und das Odertal entlang geflogen.
Neben der bedrückenden Atmosphäre innerhalb des Luftschutzbunkers, der in ein stetiges Rot- und Schwarzlicht getaucht ist, wird diese durch Lautsprecherdurchsagen und im Bunker auf Koffern und Habseligkeiten Sitzende noch verstärkt. Auch die ebenfalls in ein Rotlicht getauchten Fotos, die Stettin nach Bombenangriffen zeigen, lassen erschüttern.
Auf einem dieser Fotos lässt sich beispielsweise deutlich die Jakobikirche ausmachen. Der stolze Kirchturm, der sich heute wieder gen Himmel reckt und Besuchern einen Ausblick über die Stadt bietet, hatte damals bereits seinen Helm verloren, das Hauptschiff war noch von Umfassungsmauern umgeben, rundherum lagen nur Trümmer.
Gespenstisch-realistisch ...
Auch die fast 40 Bombenangriffe auf Stettin werden anschaulich und eindrucksvoll dokumentiert. Ihre Darstellung verfehlt die Wirkung nicht. Angesichts dieser Dokumentation, die sich mit anderen Berichten aus den 40er Jahren deckt, wird man als Nachgeborener demütig und fragt sich, was man anderen antun kann? Der Krieg legte nicht nur Stettin in Schutt und Asche – es gab so viel Leid überall.
Auch die Nachkriegsgeschichte hat hier ihre Darstellung gefunden. Auf anderen Ebenen wird ein Gang durch die vergangenen Jahrzehnte der Stadtgeschichte ermöglicht, flankiert von Alltagsgegenständen und Musik. Vielleicht etwas
eigenwillig, aber durchaus anschaulich – auch weil hier Wert auf Echtheit und Glaubwürdigkeit gelegt wird.
Ein Besuch der „Unterwelt von Stettin“ ist zweifellos für einen nächsten Aufenthalt in der Odermetropole zu empfehlen. Auch, weil hier durchaus – wie mittlerweile in der ganzen Stadt – ein sehr bewusster Umgang mit der deutschen Geschichte Stettins stattfindet, der vor einigen Jahren noch nicht selbstverständlich war.