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Umstrittene Bauvorhaben – Die russische und die litauische Seite überziehen sich gegenseitig mit Vorwürfen
Im Jahr 2000 wurde die Kurische Nehrung aufgrund ihrer einmaligen Naturlandschaft und ihres kulturellen Wertes in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Alle sechs Jahre berichten die litauische und die russische Nationalparkdirektion der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur über den Zustand des Schutzgebietes.
Aufgrund des geplanten Baus eines Hafens samt einer Hotelanlage in Rossitten könnten der russische und der litauische Nationalpark auf der Kurischen Nehrung von der UNESCO-Liste gestrichen werden. Dies befürchtet Lina Dikšaitė, die Leiterin der Direktion des litauischen Nationalparks auf der Kurischen Nehrung. Von den 98 Kilometern der Kurischen Nehrung gehören 52 zu Litauen.
„Das UNESCO-Komitee für Weltkulturerbe hat von russischen Nichtregierungsorganisationen Informationen erhalten, die gewisse Bedenken aufwerfen. Denn egal, von welcher Seite der Nehrung ein schwerer Verstoß gegen die Regeln erfolgt, wird die gesamte Kurische Nehrung von der Weltkulturerbe-Liste gestrichen“, meinte Dikšaitė. Ihrer Ansicht nach könnte der Weltkulturerbe-Status aufgrund von geplanten Hochhäusern am Ufer des Kurischen Haffs in Rossitten aberkannt werden. Durch ein diplomatisches Abkommen zwischen den Ländern könne auf die Situation Einfluss genommen werden.
Petition gegen den Neubau
Inzwischen wurde eine Petition für eine epidemiologische Überprüfung des Tourismus-Projekts in Rossitten auf der Kurischen Nehrung von mehr als 9000 Menschen unterzeichnet. Der offene Brief wurde im Juli 2024 auf einer Internet-Plattform veröffentlicht.
Der Urheber der Initiative, der Königsberger Biologe Jewgenij Woltschew, schrieb einen Appell an den russischen Ministerpräsidenten Michail Mischustin. Ohne entsprechende Kontrolle und Forschung könne sich das Naturschutz- und Erholungsgebiet laut dem Wissenschaftler zu einer Brutstätte diverser Infektionskrankheiten entwickeln.
„Jede bauliche oder wirtschaftliche Tätigkeit, die die Zugrouten der Vögel auf der Kurischen Nehrung und ihrer epidemiologischen Struktur beeinflussen kann, wird zur Entstehung einer epidemiologischen Notsituation von nationaler Bedeutung führen und das Leben und die Gesundheit von Millionen Menschen bedrohen“, erklärte der Biologe.
Nach Ansicht Woltschews sollten folgende Punkte untersucht werden: Arten und Anzahl der Vögel, die über die Kurische Nehrung ziehen, auch die Routen jeder Vogelart. Darüber hinaus sei es notwendig, das Blut der Vögel mindestens sieben Jahre lang auf Antikörper gegen humanpathogene Krankheitserreger zu untersuchen.
Heftige Kritik von russischer Seite
Der Direktor des russischen Nationalparks, Anatolij Kalina, äußerte die Meinung, dass Litauen den Bau der Hotelanlage in Rossitten voreilig kritisiere: „Die Erstellung der Planungsdokumentation ist noch nicht abgeschlossen, und es wurden noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen. Die Umweltverträglichkeitsprüfungen werden fortgesetzt.“ Kalina ist dabei überzeugt, dass die Infrastrukturentwicklung auf der litauischen Seite der Nehrung tatsächlich Anlass zur Sorge gibt.
Der in den 1990er Jahren geschlossene Flugplatz von Nidden [Nida] wurde nach dem Umbau im Jahr 2020 wiedereröffnet. Laut Kalina verscheuchen die Litauer beim Betrieb des Flugplatzes Vögel, außerdem verursachten ihre Flugzeuge Lärm und verschmutzten Luft, Wasser und Land. All dies stelle sowohl für die heimische Vogelwelt als auch für Zugvögel eine Gefahr dar. Die Kurische Nehrung sei ein Gebiet mit einer Massenkonzentration von Zugvögeln, und die aktive Nutzung des Flugplatzes könne zu deren Massensterben führen.
Darüber hinaus sei der Hafen von Memel [Klaipėda] wiederholt eine Quelle von Umweltverschmutzungen gewesen: Auf litauischer Seite wurden etliche Einleitungen ungeklärter Abwässer sowie gelegentliche Wasserverschmutzung mit Schadstoffen und Ölprodukten registriert. Hier werden schädliche chemische Verbindungen, Nitrite und Phosphate, in höheren Konzentrationen freigesetzt als im gesamten Kurischen Haff. Somit führt die Erweiterung der Hafenkapazität nach seinem Umbau zu einer Erhöhung bestehender Risiken sowie zur Entstehung neuer Gefahren.
Die nahegelegene Gasregelstation sei ebenfalls gefährlich: Zu den potentiellen Risiken zählen Wasser- und Luftverschmutzung durch die Freisetzung von Schwefelwasserstoffverbindungen, die sich in der Umwelt in Verbindung mit Feuchtigkeit in Säuren verwandeln und lebende Organismen schwer schädigen sowie Böden und Gewässer verschmutzen. Der Betrieb der Gasregelstation erfordert eine kontinuierliche Umweltüberwachung, um die mit der Speicherung von Erdgas verbundenen Risiken zu reduzieren, insbesondere in einem so sensiblen Ökosystem wie dem Kurischen Haff.
Ein Unfall in einer Gasregelstation könne zu einer Umweltkatastrophe internationalen Ausmaßes führen und irreparable Schäden an der Umwelt verursachen. Der Nationalpark Kurische Nehrung hat das russische Ministerium für Naturressourcen, das mit der UNESCO in Kontakt steht, über diese Tatsachen informiert.
Kalina betonte auch, dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden Nationalparks auf Initiative der litauischen Seite am 1. März 2022 einseitig beendet wurde.