27.02.2024

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Islamwissenschaft

Symbol der Herrschaft Allahs

Tilman Nagel bezeichnet die Unterscheidung zwischen politischem und unpolitischem Islam als naiv

Lothar Fritze
27.01.2024

Dass der Islam zu Deutschland gehöre, wurde uns sinngemäß 2006 vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in seiner Eröffnungsrede zur Islamkonferenz und vier Jahre später vom seinerzeitigen Bundespräsidenten Christian Wulff in seiner Rede zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit mitgeteilt. Wulff stieß seinerzeit mit dieser „Erkenntnis“ sowohl bei eigenen Parteigenossen als auch bei Politikern der CSU auf Widerspruch.

Angela Merkel schloss sich Wulff Jahre später auf einer Pressekonferenz mit dem türkischen Ministerpräsidenten Davu-toğlu im Januar 2015 unumwunden an. Sich auf den Satz der Wulffschen Verlautbarung berufend, sagte sie: „Das ist so; dieser Meinung bin ich auch.“ Welcher Meinung sie war oder ist, bleibt offen, denn der fragliche Satz ist interpretationsbedürftig. Anzunehmen ist jedoch, dass es sich bei seiner Verkündigung nicht nur um die Mitteilung der Tatsache handelt, dass in Deutschland auch Muslime leben. Vielmehr dürften Wulff und seine Unterstützer eine rechtliche Gleichstellung des Islam als Religionsgemeinschaft im Auge haben. Darüber hinaus aber soll anerkannt und für rechtens befunden werden, dass so wie die christlich-abendländische Tradition auch der Islam die Kultur Deutschlands künftig prägen wird.

Wenn der Islam zu Deutschland gehört, werden über kurz oder lang auch islamische Grundsätze und Überzeugungen über das Denken von Politikern, Intellektuellen, Theologen und insbesondere Juristen in das deutsche Verfassungsrecht einsickern. Wenn der Satz, „der Islam gehört zu Deutschland“, wahr ist und wenn es wahr ist, dass die Scharia, das heißt die gottgegebenen Verhaltens- und Rechtsvorschriften, ein wesentlicher und unaufgebbarer Bestandteil des Islam ist, dann ist auch die Aussage wahr, dass die Scharia zu Deutschland gehört.

Scharia ist Bestandteil des Islam
Einen denkenden Menschen wird die Vorstellung, die islamischen Grundüberzeugungen könnten als Maßstäbe der Lebensgestaltung auch in Deutschland gelten, nicht nur in Verzückung versetzen. Vor allem aber wird er nicht glauben können, die damit verbundenen Probleme ließen sich durch den (richtigen) Hinweis als unbedeutend erkennen, dass es in Deutschland viele gut integrierte Muslime gibt. Allerdings waren auch solche Einlassungen selbst innerhalb der CDU zu vernehmen, als Wulffs rätselhafter Satz kontrovers diskutiert wurde.

Tilman Nagel, Autor der islamwissenschaftlichen Abhandlung „Das islamische Pflichtgebet und der Gebetsruf“, lässt sich von Abwiegelungsversuchen dieser Couleur nicht beeindrucken. Ihm geht es um die Frage der Verträglichkeit bzw. Unverträglichkeit des Islams mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sowie um die Schwierigkeiten von Muslimen, Loyalität gegenüber nichtislamischen Gemeinwesen aufzubringen. Und in diesem Zusammenhang kommt es ihm darauf an, mit einer Illusion aufzuräumen: der Illusion von einem „unpolitischen Islam“.

Die westliche Publizistik, so führt Nagel, einer der renommiertesten Islamwissenschaftler des Landes, aus, habe sich angewöhnt, „das weitgehende Scheitern der Einfügung muslimischer Zuwanderer in die westliche Gesellschaft und in deren politische Zivilisation“ auf einen „politischen Islam“ zurückzuführen. Nagel jedoch hält einen unpolitischen Islam, der im Gegensatz zu einem politischen Islam in eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft integrierbar wäre, für inexistent. Für ihn ist die Vorstellung eines unpolitischen Islams „eine Fiktion wohlmeinender zeitgenössischer Westler“. Diese seien es seit 200 Jahren gewohnt, zwischen dem religiösen Glauben einerseits und den politischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten andererseits zu unterscheiden, nähmen aber nicht zur Kenntnis, dass bereits der alltägliche Ritenvollzug nicht nur eine religiöse, sondern auch eine eminent politische Angelegenheit ist.

Gebetsruf als politische Angelegenheit
Bereits der Gebetsruf sei ein Ausdruck der Herrschaft des Islams über das Territorium, in dem er ertönt. Er fasst, so Nagel, „die Überlegenheit des Islams über alle anderen Religionen und Daseinsordnungen ausdrücklich in Worte und impliziert die generelle Abwertung der letzteren“. In der Ausübung der vorgeschriebenen Riten wird eben nicht nur Allah angebetet. Die Religionsausübung fungiert zugleich als ein Symbol der Herrschaft Allahs über ein Gemeinwesen. Indem Muslime ihren religiösen Verpflichtungen nachkommen, sichern sie die Herrschaft Allahs und tragen zur Erweiterung des Machtbereichs des Islams bei.

Dem Autor geht es darum, den inneren Zusammenhang des islamischen Glaubensbekenntnisses zu entschlüsseln, dessen Geltungsansprüche kenntlich zu machen sowie auf die politischen und gesellschaftlichen Implikationen hinzuweisen, die mit einer Verpflanzung der islamischen Kultpraxis in nichtislamische Gemeinwesen verbunden sind. Statt Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, so ist Nagel überzeugt, flüchten sich Vertreter der politischen Klasse, der beiden Amtskirchen sowie zahllose Journalisten, die „jegliche Kenntnis des Islams und seines Ritualrechts vermissen“ ließen, in die Idee eines politischen Islams und buhlen mit haltlosen Meinungsäußerungen um die Gunst muslimischer Wähler.

Ein unpolitischer Islam aber, der im Gegensatz zu einem politischen Islam der Integration von Muslimen in einen demokratischen und säkularen Staat keine Hemmnisse entgegensetze, lasse sich nirgends finden. Auch sei ein unpolitischer Islam nicht irgendwann, etwa mit der Gründung der Muslimbruderschaft 1928, politisch geworden. „Wo immer Muslime an die Macht gelangten“, so schreibt Nagel, „begründeten sie diese Macht mit dem Handeln Mohammeds, der den ihm offenbarten Glauben als eine ihm durch Allah übertragene Herrschaft auffasste und entsprechend entschlossen, ja skrupellos gegen seine äußeren Feinde und gegen die Zweifler in den eigenen Reihen vorging.“

Ein unpolitischer Islam ist für Nagel ein „Hirngespinst“. Er ist überzeugt, dass man auf der Grundlage eines Glaubens an einen unpolitischen Islam, dem die Ziele des „politischen Islams“ fremd sind, eine Islamisierung Deutschlands nicht wird verhindern können.

Tilman Nagel: „Das islamische Pflichtgebet und der Gebetsruf. Eine ritualrechtliche Untersuchung nebst einem Exkurs über falsche Gleichsetzungen“, Basilisken-Presse, Dresden 2024, broschiert, 125 Seiten, 19,60 Euro


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