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Als wäre es von August Macke: Hans Thuars Gemälde „Große Giebelhäuser“ von 1938
Foto: Axel Hartmann Fotografie, KölnAls wäre es von August Macke: Hans Thuars Gemälde „Große Giebelhäuser“ von 1938

Kunst

Szenen einer Freundschaft

Kunst im Doppelpack – Stade öffnet seine Museen wieder mit pilgerwürdigen Ausstellungen

Helga Schnehagen
23.03.2021

Entdeckungen im Doppelpack bieten im niedersächsischen Stade die Ausstellungen „Ziemlich beste Freunde" und „Wege in den Himmel". Ganz im Sinne seiner Nischen-Philosophie spürt das Kunsthaus erstmals der einzigartigen Künstlerfreundschaft von Hans Thuar und August Macke nach. Einer Freundschaft, die zwischen den beiden Nachbarsjungen im Alter von zehn Jahren begann und unter den Nachkommen, verstärkt durch die Heirat von Thuars Tochter Gisela und Mackes Sohn Wolfgang, bis heute andauert.

Die Freundschaft zwischen den Jungen wurde früh auf eine harte Probe gestellt. Bei einem Straßenbahnunglück verlor Thuar mit zwölf Jahren beide Beine. Macke hielt ihm die Treue, besuchte ihn fast täglich am Krankenbett und heiterte ihn auf. „Ohne August wäre ich nicht am Leben geblieben", gestand Thuar später.

Wege in die Moderne

Macke fiel 1914 mit 27 Jahren im Krieg. Thuar überlebte den Freund bis 1945. Eine von Yuka Masuko illustrierte Bildergeschichte auf Basis von Erinnerungen und Briefzitaten setzt nicht nur die Künstlerfreundschaft erstmals in Szene. Der wandhohe Comic führt auch das Leben von Hans Thuar über den Tod des Freundes hinaus schlaglichtartig vor Augen.

Beide befiel früh der Kunstbazillus. Gemeinsam reihten sie sich in die Schar der Maler ein auf dem über viele Stilvarianten führenden Weg in die Moderne. Heute zählen sie zu den Expressionisten. Schulter an Schulter entwickelten sie immer wieder neue Farben, Formen, Kompositionen. Dank der großzügigen Unterstützung privater Leihgeber und zahlreicher, teils unveröffentlichter Werke, Briefe und Dokumente aus dem Thuar-Macke-Nachlass verbinden sich in Stade Familien- und Kunstgeschichte in bisher nie gezeigter Weise.

Im Fokus steht die umfangreiche Retrospektive von Hans Thuar: der spannende Dialog mit kaum bekannten Werken Mackes und seine eigene Entfaltung. Dabei findet schließlich auch Thuar zu ab­strahierten Formen und den leuchtenden Farben des Südens, obwohl er nie weiter als bis zum Tegernsee gekommen ist. Macke wurde weltberühmt. Thuar lohnt es, neu zu entdecken.

Wege in den Himmel

Wenige Schritte vom Kunsthaus entfernt sind im Schwedenspeicher erstmals auch 100 der 200 Pilgerzeichen ausgestellt, welche die Grabungen von 1989 und 2013 im alten Stader Hafen ans Licht gefördert haben. Es ist der größte Fundkomplex dieser Art in Deutschland. Die Durchsiebung des Bodenschlamms brachte über eine Million Objekte zutage. Ihre vollständige Auswertung dürfte zum Mammutprojekt werden.

Die „Wege in den Himmel"-Schau bildet – nach Lüneburg – in Stade den Auftakt zum zweiten Teil der Doppelausstellung über Pilgerspuren in Norddeutschland. „Zahlreiche Wallfahrtsorte", so Julia Schubert, stellvertretende Museumsleiterin, „wurden in ihrer Bedeutung für den norddeutschen Raum und überregionalen Strahlkraft bislang als zu gering eingeschätzt. Auch konnte anhand der Funde ein bisher völlig unbekannter St.-Hulpe-Kult in der Pfarrkirche von Steinkirchen lokalisiert oder eine bislang unbekannte Wallfahrt zum Verdener Dom (Niedersachsen) entdeckt werden."

Einige Pilgerzeichen waren bisher nur als Darstellung auf Glocken bekannt. Etwa ein St.-Hulpe-Zeichen, das jetzt Wittenförden bei Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) zuzuordnen ist, oder auch das Pilgerzeichen aus der Marienkapelle bei Tangermünde (Sachsen-Anhalt). Die Ausstellung präsentiert dazu die Erztaufe mit Pilgerzeichenabgüssen aus der Johanneskirche von Tostedt (Niedersachsen) und den Kelch aus St. Martini et Nicolai in Steinkirchen (Niedersachsen) mit einer Hulpe-Darstellung.
Die Erfolgsgeschichte eines Wallfahrtsorts sowie die ökonomische Bedeutung des Wallfahrtsbetriebs für das Kirchspiel offenbart ein Rechnungsbuch aus dem Kirchspiel Gettorf (Schleswig-Holstein). Als seltenes spätmittelalterliches Zeugnis wird es hier erstmals ausgestellt.

Ohne wundersame Rettung aus irdischen Notlagen und Ablässen als Ausgleich für jenseitige Fegefeuerstrafen funktionierte das Geschäft nicht. Norddeutsche Mirakelbücher haben sich jedoch nicht erhalten. Ersatz stellt das Mirakelbuch aus Thann (Elsass) dar, das im Zuge der Ausstellung digitalisiert wurde und erstmals online abrufbar ist. Die Hörstation vor Ort bietet drei Auszüge über Dankeswallfahrten norddeutscher Pilger.

Besiegelte Ablassbriefe für die Besucher der Marienkapelle in Buxtehude, des Michaelsklosters in Hildesheim oder der Marienkapelle in Wohlde, heute Ortsteil von Bergen, Landkreis Celle, ergänzen die wertvollen Dokumente. Darüber hinaus setzt die Ausstellung weitere Wallfahrtsorte eindrucksvoll in Szene. Eine Kunstwallfahrt nach Stade ist dank beider Ausstellungen daher sehr lohnenswert.

• Ziemlich beste Freunde bis 5. April im Kunsthaus Stade, Wasser West 7. Wege in den Himmel verlängert bis 16. Mai im Schwedenspeicher, Wasser West 39. Eintritt: je 8 Euro. Für den Besuch ist wegen der Corona-Verordnung eine Terminbuchung erforderlich unter Telefon (04141) 797730 oder: info@museen-stade.de.
In Neu-Ulm ist „Ziemlich beste Freunde" vom 24. April bis 19. September im Edwin-Scharff-Museum zu sehen. Für den Besuch ist vorerst eine Anmeldung erforderlich unter esm-buchungen@post.neu-ulm.de oder Telefon (0731) 70502520. Weitere Infos unter: www.edwinscharffmuseum.de



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