28.11.2022

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Ernst Gierlich, Hans-Günther Parplies (Hg.) Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Nordosten. Persönlichkeiten, Konzepte, Schicksale, be.bra 2022, Hardcover, 224 Seiten, ISBN: 978-3-95410-288-4, 34 Euro
Ernst Gierlich, Hans-Günther Parplies (Hg.) Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Nordosten. Persönlichkeiten, Konzepte, Schicksale, be.bra 2022, Hardcover, 224 Seiten, ISBN: 978-3-95410-288-4, 34 Euro

Widerstand

Tiefe Einblicke in einen inneren und äußeren Kampf

Ein Sammelband trägt die Beiträge einer wissenschaftlichen Tagung in Göttingen zusammen und leistet einen wichtigen Schritt zur Erforschung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus im Nordosten

Peter Steinbach
16.07.2022

Wenn in der allgemeinen Wissenschaft immer wieder behauptet wird, die Geschichte des Widerstands sei „ausgeforscht“, so muss das nicht richtig sein. Dies beweist nicht nur die Erweiterung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, sondern auch eine neue Veröffentlichung über den nordostdeutschen Widerstand.

Doch ganz so unbekannt ist der Widerstand in der zeitgeschichtlichen Forschung nicht. Im Zusammenhang mit der Gedenkstätte in Berlin sind viele Bereiche der Widerstandsgeschichte erschlossen worden. Dies wird etwa an der ehemaligen Hinrichtungsstätte in Berlin-Plötzensee deutlich, wo auch viele aus dem Osten stammende Regimegegner ihr Leben lassen mussten. Und am Hackeschen Markt erinnert die Ausstellung „Blindes Vertrauen“ in der ehemaligen Blindenwerkstatt von Otto Weidt an den Mut und den Erfolg eines Einzelnen, der sich entschloss, Menschenleben zu retten. Im Rahmen der Recherchen über die „unbesungenen Helden“ sind viele Judenretter aus den Ostgebieten und dem Baltikum hinzugekommen. Ihre Geschichten wurden akribisch erforscht und schlagen sich inzwischen in einer vielbändigen Reihe über die deutschen und europäischen „Stillen Helfer“ nieder.

In Schlesien befand sich auf dem Gut Kreisau sogar eine Art heimlicher deutscher Hauptstadt des Widerstands, denn hier wurden von ostdeutschen Regimegegnern wie Peter Yorck von Wartenburg – dazu ungemein berührend und tiefschürfend Wladimir Gilmanow in dem hier angezeigten Buch – Überlegungen über das „Danach“ angestellt.

Anregende Tiefenbohrungen

Gleichwohl bietet der Sammelband höchst anregende Tiefenbohrungen, die ein neues Licht auf den Widerstand in Pommern, West- und Ostpreußen sowie im Baltikum werfen und die allgemeine Widerstandsgeschichte bereichern.

In der Tat war der „ostdeutsche Anteil“ am Widerstand beträchtlich. Hier ist dem Geleitwort des Ehrenvorsitzenden der Kulturstiftung der Vertriebenen, Hans-Günter Parplies, zuzustimmen. Dabei geht es nicht nur um Adelige, die sich in den Widerstand anderer Gruppen und Schichten des Bürgertums und der Arbeiterschaft einbinden ließen und ihre Leben riskierten. Dies wird unter anderem an der Widerstandsgruppe um Arvid Harnack und Harro Schultze-Boysen deutlich, die Unterstützung in ganz unterschiedlichen Kreisen fand, wie Margot Terwiel, die 1931 in Stettin ihr Abitur abgelegt hatte, als Halbjüdin aufgrund der Nürnberger Gesetze kein Rechtsreferendariat angeboten bekam, die bereits vorgelegte Dissertation nicht im Rigorosum verteidigen durfte und 1942 als Katholikin zur „Roten Kapelle“ gestoßen war und Flugblätter abtippte und verteilte. Terwiel wurde am 5. August 1943 geköpft, nachdem Hitler zuvor die Begnadigung dieser jungen Frau abgelehnt hatte.

Die Göttinger Tagung kommt einen wichtigen Schritt in Richtung auf eine regionalgeschichtliche Widerstandsforschung voran, die sich in ihrer ganzen Breite und Vielfalt, auch in ihrer Widersprüchlichkeit und vielschichtigen zeitlichen Entwicklung den an der deutschen Teilung orientierten Maßstäben vergangener Jahrzehnte entzieht. Es war Klaus von Dohnanyi, der sich gegen Monopolisierungsversuche im Teilungskampf des Widerstands wandte und sagte, dass keiner der Regimegegner für einen Teil Deutschlands gestorben sei. Insofern markiert sie eine erfolgreich bewältigte Schwelle, die den Blick auf die nordostdeutsche Widerstandsgeschichte lenkt und eine gesamtdeutsch-historische Sicht prägt.

Bemerkenswert ist die Würdigung Werner Bergengruens, neben Reinhold Schneider und Jochen Klepper einer der wichtigsten Repräsentanten der – immer auch von der Gestapo misstrauisch beobachteten – „inneren Emigration“. In diesem Sammelband erinnert Frank-Lothar Kroll an den 1892 in Riga geborenen, im Baltikum aufgewachsenen und durch baltendeutsche Erfahrungen und Traditionen geprägten, dann bis zu seinem Tode 1964 in Baden-Baden lebenden Schriftsteller. Bergengruen verdanken wir in dem Roman „Der Großtyrann und das Gericht“ von 1935 eines der wichtigen Zeugnisse eines geistig mobilisierenden Widerstands. Der Schriftsteller wollte „von den Versuchungen der Mächtigen und von der Leichtverführbarkeit der Unmächtigen und Bedrohten“ berichten und so seinen Zeitgenossen den Spiegel ihres angepassten Verhaltens vorhalten. In jenen Zeiten war dies kein einfaches Unterfangen. Schriftsteller eröffneten Mitmenschen die Möglichkeit, sich mit Hilfe der Literatur zu wappnen, vor allem: die Wirklichkeit zu durchschauen.

Wer im „Dritten Reich“ seinem Gewissen folgte, landete irgendwann bei der Frage, wie der Unrechtsstaat zu überwinden, wie Deutschland von seinem verbrecherischen Herrscher zu befreien war. „Hitler muss weg“, das war der vereinigende Wunsch aller Regimegegner. Manche dachten über die Umstände und die Rechtfertigung des Tyrannenmords nach. Gilbert Gornig hat mit der Zusammenfassung nahezu aller einschlägigen diesbezüglichen Stellen von Theologen, Philosophen und Juristen eine übersichtliche und klare, grundlegende Synopse vorgelegt, die zeigt, wie nah Geschichte und Theologie letztlich sind. Dabei spielen Kategorien keine Rolle mehr, denn es geht um Prinzipien und Rechtfertigung einer Tat, die höchstes Risiko bedeutete sowie Verhaftung, Einsamkeit und Verlassenheit, schließlich Folter und den Tod am Galgen oder unter dem Fallbeil nach sich zog.

Gornig dringt tief in moralische und ethische Reflexionen ein und entgeht so einer anekdotischen oberflächlichen Beschreibung eines moralischen Dilemmas, der Verstrickung durch Einsicht und ethische Grundierung zu entkommen und zugleich auf neue Weise schuldig zu werden. Widerstand wurde geleistet, weil man sein Land liebte, nicht, um ihm zu schaden; und dies umso entschiedener, als irgendwann deutlich wurde, dass die Flucht, der Verlust von Heimat und Besitz, von Angehörigen und Sicherheit die Folge war. Dies wäre sogar ein besonderes Kennzeichen des ostdeutschen Widerstands, denn mit Flucht und Vertreibung wurde deutlich, dass alles verloren schien, was Behausung und Beheimatung ausmachte.

Ostelbische Lebenswelten

Ulrich Hutter-Wolandt beschreibt die Konflikte zwischen Deutschen Christen und der Bekennenden Kirche in der Evangelischen Landeskirche Pommerns. Die Bedeutung Hinterpommerns als Rückzugsgebiet der Bekennenden Christen wird in den Bemühungen der Lutheraner um Dietrich Bonhoeffer deutlich, die in Pommern Unterschlupf finden. Leider übersieht er die Unterstützung dieser entschieden bekennenden Christen durch erhebliche Teile der ländlichen Adelsgesellschaft Pommerns. Von hier stammt etwa Dietrich Bonhoeffers Verlobte Maria von Wedemeyer, aus einer nicht zu beirrenden Familie, die aus der Ablehnung der Deutschen Christen ihre Kraft zum Widerstand zog. Sie sollte unbedingt auf einer Fortsetzungstagung gewürdigt werden.

Eberhard Bethge hat diese Lebenswelt liebevoll geschildert, ebenso die Kinder des dann an der Ostfront gefallenen Pätziger Gutsherrn Hans von Wedemeyer, der 1932 versuchte, Hitler zu verhindern und dann im Herbst 1942 vor Stalingrad fiel. Wedemeyer führt in beeindruckender Weise ein Kennzeichen des nordostdeutschen Widerstands vor Augen, das sich an den Grundsätzen eines Verantwortungsadels ausrichtete und sich von einem fordernden Anspruchsadel unterschied. Dieser Unterschied zwischen Anspruch und „verdammter Pflicht“ (Stahlberg) kann erklären, weshalb sich im Widerstand viele ostelbische Adelige fanden, die Hitler und seine „Gossenbewegung“ nicht aus ständischer Überheblichkeit, sondern aus politischer Einsicht verachteten.

Dass sie über konfessionelle, politische und landmannschaftliche Grenzen hinweg dachten und deshalb auch zu agieren wussten, machen die erneut abgedruckten Überlegungen Horst Mühleisens über Hellmuth Stieff klar, der mehr als ein Zauderer, sondern ein Offizier war, der klar und früh den verbrecherischen Charakter nationalsozialistischer Besatzungsherrschaft durchschaute und seine Frau vor der heraufziehenden auch moralischen Katastrophe warnte. Am 20. Juli 1944 war Stieff unmittelbar vor Ort, in der Wolfschanze, die durch Stauffenbergs Attentat zu einem zentralen deutschen Erinnerungsort wurde. Warum wurde auf der Tagung verzichtet, das Interaktionsgefüge deutlich zu machen, das auf die Wolfschanze zielte und im entscheidenden Augenblick durch eine sekundenkurze Fehlleistung Hitler die Möglichkeit gab, das Blatt zu wenden und Berlin als stundenkurzes Zentrum des Umsturzversuches auszuhebeln? Johannes Tuchel hat sekundengenau die Ereignisse und die Akteure rekonstruiert.

Wiederholt erschließen Beiträger grundlegend Neues und erreichen so in bemerkenswerter Weise das Erkenntnisziel, das die Tagung anzusteuern suchte. Mit einer profunden Zusammenstellung zugleich wichtiger und schwer zugänglicher, weitgehend übersehener Dokumente aus dem Glaubenskampf der Katholiken im Nordosten reichert Bendel seine grundlegende Studie über Bischof Maximilian Kaller an. Hier wird kein Heiligenbild gezeichnet, sondern ein Mensch gezeigt, der den Sogströmungen seiner Zeit zu widerstehen hatte, der nicht vor Illusionen und Fehldeutungen gefeit war, der sich aber zu korrigieren vermochte und die Größe hatte, sich selbst zu seinen Fehleinsichten zu bekennen. Er scheute sich nicht, als Kirchenmann, der den Nationalsozialismus 1933 als angeblichen Beginn eines ersehnten Weltenumbaus begrüßt hatte, zu einem entschiedenen Gegner zu werden, der Geistlichen wie Kardinal Preysing oder Bischof Sproll an Bedeutung gleichkommt.

Kaller ist ein entschiedener Vertreter der Katholischen Aktion, also des Versuchs, handelnd den Nationalsozialisten entgegenzutreten und ihrem weltanschaulichen Führungsanspruch eine ebenso „totale Forderung“ aus christlicher Überzeugung und Verpflichtung entgegenzusetzen. Er traute der Kirche und den Gläubigen zu, die Kraft zu einer „Gegenwelt“ zu entwickeln. Hier wird ein Widerstandsbegriff deutlich, der nicht nur auf den Umsturz im Zentrum der Macht zielt, sondern im Sinne der Kreisauer Gefühle und Bewusstsein, auf Moral und Ethik, auf Glauben und Zuversicht. Diese schlugen sich in Wallfahrten und Gottesdiensten nieder, die Kallers Bistum zu einem Zentrum eines ostdeutschen Glaubenswiderstands machten.

Zentrale Region des Widerstands

Weshalb wurde Nordostdeutschland als Region der Widerständigkeit in dieser Breite bisher übersehen? Eine Erklärung ist die Fokussierung auf den ostpreußischen Landrat, auf den Gutsherren und Verwaltungsbeamten, auf den ostpreußischen Adel, etwa in den Arbeiten der angesehenen Journalistin Marion Gräfin Dönhoff. Dabei handelte es sich um einen viel breiteren Widerstand, wie er sich dann in der vergleichsweisen breiten Unterstützung des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 manifestierte. Es ist gut, dass an die ostpreußische Herkunft Carl Goerdelers und seines Bruders erinnert wird, weil dieser Name in der Regel mit Leipzig verbunden wird. Barbara Kämpfert schildert in ihrer Annäherung an Goerdeler ein Spezifikum des regional geprägten, im Kern bürgerlichen Widerstands, der durch den Umgang mit Militärs und angesehenen Adelsfamilien geprägt wurde. Nach dem Krieg hatte die deutsche Gesellschaft Probleme, gerade im „Honoratiorenwiderstand“ (Margret Boveri) den Ausdruck einer „preußisch-bürgerlichen“ Tradition wahrzunehmen und anzuerkennen.

Was diese Haltung moralisch bedeutete, macht kongenial Wladimir Gilmanow deutlich, der sich an einer Theologie des Widerstands versucht und daran erinnert, dass auch eine tief empfundene Religiosität in Form eines bis in die letzten Konsequenzen nicht zu erschütternden Gottvertrauens hinein Verantwortung forderte und damit die Bereitschaft zur entscheidenden Tat voraussetzte.

So bleibt nach der Lektüre nicht das Bedauern des Rezensenten darüber, dass hier nicht auch die ostpreußischen „Stillen Helfer“ verfolgter Juden, nicht eine Familie von Klitzing, nicht die Stettiner Geistlichen und die Widerständigen der letzten Stunde im ostpreußischen Inferno berücksichtigt wurden, die sich den Aufforderungen der Nationalsozialisten widersetzten, nicht zu früh oder gar nicht vor der russischen Armeen zu fliehen – sondern vielmehr der Wunsch nach einer Fortsetzung dieser verdienstvollen Arbeit.

• Prof. Dr. Peter Steinbach ist gemeinsam mit Johannes Tuchel Wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin.
www.gdw-berlin.de



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