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Östlich von Oder und Neiße

Trauerarbeit in Polen richtig, in Deutschland falsch verstanden

Auf dem Stettiner Hauptfriedhof werden deutsche Grabmale wieder geachtet

Till Scholtz-Knobloch
19.04.2024

Die Stettin-Kennerin Joanna Olszowska bietet Führungen über den Stettiner Hauptfriedhof – im Polnischen Zentralfriedhof genannt – an. Teilnehmer passieren das zwischen 1901 und 1903 erbaute neoromanische Haupttor mit seinen symmetrisch angeordneten Arkaden und seitlichen Durchgängen. Ursprünglich war der mittlere Teil mit einer achteckigen Kuppel gekrönt. Diese wurde während des Nachkriegsumbaus jedoch entfernt, weiß Olszowska bereits am Eingang zu berichten. In den seitlichen Flügeln der Arkaden sind heute Blumengeschäfte untergebracht.

Die riesige Anlage wurde in ihrer Größe einst nur vom Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg übertroffen, der bei der Anlegung des Areals 1901 auch Pate stand. Auf der etwa eineinhalbstündigen Tour geht es nicht allein um die architektonischen-kulturgeschichtlichen Elemente, denn über die Gräber erfolgt ein Zugang zu Persönlichkeiten der Stadt wie beim Grabmal des berühmten Fleischers und Wurstproduzenten Otto Freybe. Ein eindrucksvoller Felsen markiert das Familiengrab Stoewer. Die Fabrik des Automobil- und Fahrradproduzenten sowie Herstellers von Näh- und Schreibmaschinen wurde nach dem Krieg demontiert und in die Sowjetunion verbracht. Besonderes Ansehen genoss Hermann Haken, der von 1878 bis 1907 in der Zeit des Aufblühens der Stadt Oberbürgermeister war. Nach ihm ist das Wahrzeichen der Stadt, die sogenannte Hakenterrasse mit Museumsgebäude und Regierung, benannt. Der polnische Name Wały Chrobrego verweist hingegen nur auf die in „urpolnischer“ kurzer Zeit bestehenden Anknüpfungspunkte an die Republik Polen. Ein Besuch am Grab von ihm und seiner Ehefrau Johanna darf beim Besuch des Hauptfriedhofes ebenso wenig fehlen wie an dem von Georg Michaelis, der den Verein zur Förderung von Feuerbestattungen führte.

Der Autor dieser Zeilen war als erster vom in Stuttgart und Berlin sitzenden ifa – Institut für Auslandsbeziehungen zu einer Gliederung der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen Entsandter beim Bezirksverband der Deutschen Minderheit an der Grünen Schanze in Stettin tätig. Da Veranstaltungen auch damals meist nur abends stattfanden, konnte er im Juni und Juli 1994 eine Komplettbegehung und Kompletterfassung des damals in häufig jämmerlichen Zustand befindlichen Bestandes deutscher Gräber auf dem Hauptfriedhof vornehmen. Hinweisgeber für die Notwendigkeit einer solchen Erfassung war damals ein emeritierter Professor am Staatsarchiv. Olszowska kam erst 1995 aus dem oberschlesischen Hindenburg [Zabrze] nach Stettin, wo sie der Weg alsbald ebenso ans Staatsarchiv führte.

Viele 1994 noch als verwildert und geborsten vorgefundene Grabmale konnten mittlerweile akribisch nach historischen Fotos rekonstruiert werden. Denn im Staatsarchiv gibt es noch viele Abbildungen aus der Vorkriegszeit. Monika Szpener ist die Künstlerin, die aufgrund eines solchen Abgleichs die Rekonstruktionen vorgenommen hat und auch weitere Grabmale zu altem Glanz zurückführen möchte. Am 14. April hatte Olszowska eine Führung, die für Kriegsflüchtlinge simultan ins Ukrainische übersetzt wurde. Aber es können sich auch weiterhin Deutsche an sie wenden, um eine Spurensuche zu betreiben. Auch bei Begehungen mit Deutschen wird simultan übersetzt. Für 27 Złoty (gut 6 Euro) kann man von Juni bis Ende September jeden Sonnabend eine Stadtführung buchen. Die Kontakte findet man unter www.zstw.szczecin.pl/de/kontakt.

Die Entsendung von ifa-Kulturassistenten nahm wie so viele Aspekte kulturpolitischer Auslandstätigkeit indes über die Jahre oft eher skurrile Formen an. In den Gliederungen der Deutschen Minderheit in der Republik Polen fanden so etwa Workshops mit Rap-Musik durch Entsandte statt, bei denen junge Angehörige der Volksgruppe über Minderheitensituationen musikalisch dichteten. Aufgrund des Zustands des heutigen Bildungsniveaus entsandter und anleitender junger Bundesdeutscher oder mangelnden Gespürs für Trauerarbeit am eigenen Volk ist es dann zu verstehen, wieso sich Texte mit der Situation von Sinti und Roma in Deutschland beschäftigten und weniger mit eigener nationaler Stigmatisierung.

Auch in der Redaktion der landesweiten Wochenzeitung der deutschen Minderheit spielten ifa-Entsandte oft eher die Rolle eines „Kundschafters“, ob man jenseits von Oder und Neiße auf keine dummen Gedanken kommt, die einem Kulturverständnis etwa von Claudia Roth widersprechen. Aber diese Gefahr haben Verantwortliche bei der Deutschen Minderheit bis heute nicht erkannt und setzten immer wieder gerne auf diese Personal-„Geschenke“.


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Kommentare

Heiko Roland Kressin am 19.04.24, 16:07 Uhr

Es wäre wünschenswert, wenn der Autor auch mal ins ehemalige Memelland kommen würde. Die Situation ist hier genau umgekehrt, Rettung von deutschen Friedhöfen ist nur durch Privatinitiative möglich, es wurde sogar ein Friedhof "privatisiert" ( sprich Verkauft verbunden mit dem Verweigern des Besuches, da ja Privatbesitz), die großen Friedhofe in Heydekrug/ Šilute und Memel/ Klaipeda im jämmerlichen Zustand bzw. zum Skulpturenpark umfunktioniert. Von den kleinen Friedhöfen suf den Dörfern nicht zu reden. Der einzige Lichtblick ist der Friedhof in Karkelbeck/ Karkle, der noch gepflegt wird und noch für Beerdigungen dient. Informationen können Sie gerne bekommen über den Deutschen Kulturverein "Memel" .

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