21.04.2024

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Trauer

Über den Tod hinaus verbunden

Der historische Friedhof in der niederländischen Stadt Roermond – Ein Doppelgrab und seine überkonfessionelle Geschichte

Wolfgang Reith
19.11.2023

Der historische Friedhof in der niederländischen Stadt Roermond spiegelt noch immer die konfessionelle Ordnung des 19. Jahrhunderts wider: Es gibt separate Gräberfelder für verstorbene Katholiken, Protestanten und Juden, die untereinander durch hohe Backsteinmauern getrennt sind. Gleichwohl zieht ein Doppelgrab die Aufmerksamkeit auf sich, von dem der eine Teil auf dem katholischen Areal liegt und der andere auf dem evangelischen – beide über eine Mauer hinweg durch zwei sich berührende steinerne Hände miteinander verbunden.

Die Gräber gehören zu einem Ehepaar mit unterschiedlichen Religionen und von unterschiedlichem Stand, was seinerzeit für einen Skandal sorgte. Dabei handelt es sich um den bürgerlichen Jacob Waernerus Constantine van Gorkum, der am 10. Januar 1809 in Amsterdam geboren und dort auch in der reformierten Kirche getauft wurde.

Seine Ehefrau hingegen war die adlige Josephina Caroline Petronella Hubertine Freifrau van Aefferen, geboren am 28. Juni 1820 in Roermond und in der dortigen katholischen Kirche getauft. Es ist nicht bekannt, wie die beiden sich kennenlernten, doch verliebten sie sich und waren fest entschlossen zu heiraten, obwohl ihnen durchaus bewusst war, dass eine solche „Mischehe“ gegen alle Konventionen der damaligen Zeit verstieß.

Folglich fand sich in Roermond weder ein katholischer noch ein protestantischer Pfarrer bereit, die Trauung vorzunehmen – trotz der Tatsache, dass der Bräutigam immerhin Oberst der königlich niederländischen Kavallerie und Miliz-Kommissar von Limburg war –, und so schlossen sie den Bund der Ehe am 3. November 1842 in dem kleinen niederrheinischen Örtchen Pont bei Geldern.

38 Jahre lebten sie glücklich zusammen und bekamen fünf Kinder. Erwähnt sei noch, dass die Familie der Ehefrau als Angehörige des deutschstämmigen katholischen Adels politisch in Opposition zu den Niederlanden stand und das ungleiche Paar schon deshalb als berüchtigt galt. Roermond war von 1543 bis 1702 Teil der spanischen, seit 1716 der österreichischen Niederlande, zwischendurch ein selbstständiger Staat innerhalb der Republik der Vereinigten Niederlande, von 1794 bis 1814 französisch, danach bis 1830 wieder niederländisch, anschließend gehörte die Stadt bis 1839 zu Belgien.

In jenem Jahr wurde die Provinz Limburg geteilt. Der Westen blieb bei Belgien, der Osten mit Roermond kam als neugegründetes Herzogtum Limburg erneut zu den Niederlanden und gehörte bis 1866 auch zum Deutschen Bund.

Grenzen überwinden
Am 29. August 1880 starb Jacob van Gorkum in Roermond und wurde auf dem evangelischen Friedhof unmittelbar an der Steinmauer zur katholischen Seite beigesetzt, wo eigentlich ein Fußweg entlangführte. Acht Jahre später, am 29. November 1888, starb auch die Witwe van Gorkum, doch weil die Stadtverwaltung deren Bestattung im Grab ihres Gatten untersagte – selbst für Ehepaare gab es diesbezüglich keine Ausnahmen –, erfüllten die Kinder ihrer Mutter den letzten Wunsch und ließen sie nicht in der Familiengruft, die sich an einer zentralen Stelle auf dem Friedhof befand, beisetzen, sondern an der steinernen Umgebungsmauer auf der katholischen Seite vis-à-vis dem Grab des Vaters.

Die beiden Grabsteine ließ man so hoch errichten, dass sie die Mauer überragten, dann wurden steinerne Arme daran angebracht, die sich über die Mauer hinweg die Hände reichen. Dieses ungewöhnliche Doppelgrab stellt bis heute ein Zeugnis dar, das den Ausspruch „bis dass der Tod uns scheidet“ umkehrt und dokumentieren will, dass weder Mauern noch der Tod eine unsterbliche Liebe zu trennen vermögen, sondern diese vielmehr Grenzen überwinden und für immer währen kann.

Und so ruht das Ehepaar, dessen Liebe es zu ihren Lebzeiten eigentlich gar nicht hätte geben dürfen, spiegelbildlich Kopf an Kopf an der Friedhofsmauer zwischen dem katholischen und dem evangelischen Teil des Gottesackers und setzt damit zugleich ein dauerhaftes Zeichen der Ökumene.


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