23.10.2021

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Beutekunst

Unantastbare Kunsträuber

In Russland liegen noch eine Million Kunstgegenstände aus Deutschland. Ihre Rückgabe bleibt ungewiss

Veit-Mario Thiede
06.01.2021

Ende November 2020 starb mit 98 Jahren Irina Antonowa infolge einer Corona-Infektion. Die als „Hüterin der Beutekunst“ bekannte russische Kunsthistorikerin war ab 1945 am Moskauer Puschkin-Museum tätig, leitete es von 1961 bis 2013 und war anschließend dessen Ehrenpräsidentin. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), erinnerte in einem Nachruf daran, dass Antonowa keinen Hehl daraus machte, „dass sie es für gerecht hielt, kriegsbedingt verbrachte Kulturgüter aus Deutschland als Entschädigung in Russland zu behalten“.

„Kriegsbedingt verbrachte Kulturgüter“ werden von deutscher Seite auch als „Beutekunst“ bezeichnet, während sie in Russland als „Trophäenkunst“ bekannt sind. Von 1945 bis 1947 waren in der sowjetischen Besatzungszone Stalins „Trophäenbrigaden“ unterwegs. Sie erbeuteten sechs Millionen Bücher, drei Regalkilometer Archivalien und 2,5 Millionen Kunstwerke aus dem Besitz öffentlicher und privater Sammlungen. Der Großteil der Kunst, die vielfach auch aus preußischen Museen stammte, ging an die Leningrader Eremitage und das Moskauer Puschkin-Museum. Die Werke durften nicht ausgestellt werden und alle Informationen über sie galten von 1948 an als Staatsgeheimnis.

Die befreundete DDR profitierte

Jedoch gab die Sowjetführung 1955 zu, deutsches Kulturgut „in Sicherheit gebracht zu haben“. Zur Besiegelung des im selben Jahr abgeschlossenen deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrages mit der befreundeten DDR begann die Rückführung von etwa 1,5 Millionen Kunstwerken. Sie war 1960 abgeschlossen. Dresden zum Beispiel bekam Raffaels „Sixtinische Madonna“ und das Inventar des Grünen Gewölbes wieder, während erbeutete Teile des Pergamonaltars auf die Berliner Museumsinsel zurückkehrten. Damit war das Thema zunächst erledigt.

Erst nach der deutschen Vereinigung setzte die groß angelegte Fahndung nach dem Verbleib der Güter ein, die auf den Verlustlisten der mitteldeutschen Museen stehen. Zunächst leugneten Antonowa und ihre Museumskollegen die Existenz von Geheimdepots mit Beutekunst. Bald jedoch bröckelte die Front der Leugner. Die erste Schau mit Beutekunst war 1992 in der Eremitage zu sehen. Antonowa ging nun in die Offensive, barg aus dem Geheimdepot den vom Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte vermissten „Schatz des Priamos“ und integrierte ihn 1996 in die Dauerausstellung des Puschkin-Museums.

Auf politischer Ebene standen die Zeichen zunächst auf Rückgabe der Beutekunst. Doch dann war die Duma mehrheitlich anderer Meinung und verabschiedete das 1998 in Kraft getretene „Beutekunstgesetz“, welches die geraubten Kulturgüter zu russischem Staatseigentum erklärt. Es wird von der Bundesregierung nicht anerkannt. Sie fordert die Rückgabe der Kulturgüter mit Hinweis auf die Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung von 1907, der 1954 verabschiedeten Haager Konvention sowie die deutsch-russischen Vereinbarungen im 1990 geschlossenen Friedens- und Nachbarschaftsvertrag und im Abkommen über kulturelle Zusammenarbeit von 1992.

Die Rückführung der in Russland vermuteten deutschen Kulturgüter gehört zum Zuständigkeitsbereich von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Ihre Pressestelle tut kund: „Auf dem Gebiet der Russischen Föderation werden nach groben Schätzungen noch über eine Million kriegsbedingt aus Deutschland verbrachter Kunst- und Kulturgüter (sogenannte „Beutekunst“) vermutet, darunter zirka 200.000 Kunst- und Kulturschätze von besonderer musealer Bedeutung.“
Grütters betont, dass sie das Gespräch mit der russischen Seite sucht. Aber sie weist auch darauf hin, dass die Rückgabeforderungen zu den Themen der Deutsch-Russischen Regierungskonsultationen gehören - die allerdings seit der Krimannexion 2014 ausgesetzt sind. Die gegenwärtigen Sanktionen gegen Russland bilden da keine gute Verhandlungsgrundlage.

Bereits 2005 riefen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Kulturstiftung der Länder den „Deutsch-Russischen Museumsdialog“ (DRMD) ins Leben, „weil bezüglich Restitution auf politischer Ebene in absehbarer Zeit keine konkreten Ergebnisse zu erwarten sind“. Der DRMD, dem sich 87 deutsche Museen angeschlossen haben, bemüht sich um partnerschaftliche Zusammenarbeit mit russischen Museumsleuten. Im Zentrum steht die Erforschung der Kriegsverluste, die sowohl die deutschen als auch die russischen Museen zu beklagen haben.

Der DRMD erklärt: Ihm gehe „es nicht um die physische Restitution von Kulturgütern – das ist Sache der Regierungen –, sondern um deren öffentliche und wissenschaftliche Zugänglichkeit und Wahrnehmung“. Das sei viel wert, wenn man sich bewusst mache, dass die Beutekunst über Jahrzehnte achtlos in den Geheimdepots „verstaubte“.

Eisiges politisches Klima

Insbesondere die von deutschen und russischen Wissenschaftlern gemeinsam verwirklichten Ausstellungsprojekte bringen Licht ins Dunkel der ehemaligen Geheimdepots. Für sie werden bislang vernachlässigte Stücke der Beutekunst identifiziert, restauriert und erforscht. Freilich sind sie nur in Russland zu sehen, da dessen Regierung befürchten muss, dass die Beutekunst von Gastspielen in Deutschland nicht zurückkehren würde.

Zu den bisherigen Ausstellungshöhepunkten gehört die in der St. Petersburger Eremitage 2013 präsentierte „Bronzezeit“, bestückt mit dem „Goldschatz von Eberswalde“ und 600 weiteren Objekten der Beutekunst. Anlässlich der Eröffnung sagte Bundeskanzlerin Merkel damals: „Wir sind der Meinung, dass diese Ausstellungsstücke wieder zurück nach Deutschland kommen sollen.“

Damit ist in absehbarer Zeit allerdings nicht zu rechnen. Derweil bemühen sich die von Kriegsverlusten betroffenen deutschen Museen um Pragmatismus und unterstützen die russischen Ausstellungen sogar mit Leihgaben. Jüngstes Beispiel ist die in der Eremitage gezeigte Schau „Eisenzeit“. Schirmherrin ist Kulturstaatsministerin Grütters. Die im November des zurückliegenden Jahres eröffnete Präsentation umfasst 1600 Objekte, darunter fast 800, die zum Vorkriegsbestand des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte gehörten.

Zudem hat dieses Museum 250 Leihgaben nach St. Petersburg geschickt. SPK-Chef Parzinger freut sich als Sprecher des DRMD über die Zusammenarbeit mit den Russen: „Durch das fruchtbare Klima erhalten die deutschen Wissenschaftler immer öfter ungehindert Einblick in die russischen Depots, ein für weitere Lokalisierung und Identifizierung verlagerter deutscher Kulturgüter unerlässlicher Schritt.“



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