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Auf dem Flugplatz in Léopoldville kurz vor Antritt des Todesfluges: Dag Hammarskjöld (l.)
Foto: AS Syndication/ullstein bildAuf dem Flugplatz in Léopoldville kurz vor Antritt des Todesfluges: Dag Hammarskjöld (l.)

Dag Hammarskjöld

Unfall oder Mord?

Vor 60 Jahren stürzte der UN-Generalsekretär mit seinem Flugzeug unweit des Zielflughafens Ndola in den kongolesischen Dschungel

Wolfgang Kaufmann
17.09.2021

Vor sechs Jahrzehnten herrschte in dem gerade aus der belgischen Kolonialherrschaft entlassenem Kongo Krieg. Es bekriegten sich die Zentralregierung der Republik Kongo in Léopoldville und die vom Westen unterstützte Separatisten-Regierung von Moïse Tschombé in der rohstoffreichen Provinz Katanga, aus der die USA seinerzeit unter anderem das Uran für ihr Atomwaffenprogramm bezogen. Bedrängt durch die Separatisten wandte sich die Zentralregierung an die Vereinten Nationen.

An der Spitze der UN stand damals Dag Hammarskjöld. Der 1905 in Jönköping geborene Sohn des von 1914 bis 1917 amtierenden schwedischen Ministerpräsidenten Hjalmar Hammarskjöld hatte seinem Heimatland unter anderem als stellvertretender Außenminister sowie Finanzminister gedient, bevor er am 7. April 1953 zum UN-Generalsekretär gewählt worden war.

Am Abend des 17. September 1961 startete Hammarskjöld mit einer von den UN angemieteten viermotorigen Douglas DC-6B der Charterfluggesellschaft Transair Sweden namens „Albertina“ in Kongos Hauptstadt Léopoldville, dem heutigen Kinshasa, in Richtung des Flughafens von Ndola an der Grenze zwischen Katanga und Nordrhodesien, dem heutigen Sambia, um dort Tschombé zu treffen. Jedoch stürzte die „Albertina“ um 0.13 Uhr des Folgetages beim Landeanflug auf Ndola in rund 15 Kilometern Entfernung von der Piste in den Dschungel. Hierdurch kamen Hammarskjöld und alle 15 übrigen Insassen der Maschine ums Leben. Ob der UN-Generalsekretär sofort tot war, ist ungewiss. Augenzeugen zufolge soll seine Leiche aufrecht an einem Termitenhügel gelehnt haben.

Indizien für einen Anschlag

Als Ursache für den Absturz wurden zunächst mangelhafte Navigationsunterlagen, ein Pilotenfehler aufgrund von Übermüdung oder technische Probleme vermutet. Mit der genauen Klärung der Umstände des Todes von Hammarskjöld und seiner Begleiter befassten sich zwischen 1961 und 2019 insgesamt acht Untersuchungskommissionen der Vereinten Nationen, Nordrhodesiens und des Hammarskjöld Inquiry Trust. Hierbei kristallisierte sich immer deutlicher heraus, dass ein „Angriff“ durch katangische Rebellen zu den plausibelsten Erklärungen für den Vorfall zählt. So steht es unter anderem in zwei Berichten an den derzeitigen UN-Generalsekretär António Guterres vom Oktober 2017 und September 2019, für deren Abfassung der international hochangesehene UN-Sonderermittler Mohamed Chande Othman aus Tansania verantwortlich zeichnet.

Noch deutlicher wurden die britische Zeitung „The Guardian“ im April 2014 und der dänische Filmemacher Mads Brügger in seiner 2019 erstmals gezeigten Dokumentation „Cold Case Hammarskjöld“: Nach Recherchen des schwedischen Privatdetektivs Göran Björkdahl habe der belgisch-britische Kampfpilot Jan van Risseghem alias „Lone Ranger“ die „Albertina“ im Auftrag der katangischen Separatisten, aber ohne Wissen um die Identität der Insassen der Maschine vom Himmel geholt. Das gehe aus einem Geständnis des Söldners kurz vor dessen Tode im Jahre 2007 hervor.

Fakt ist, dass van Risseghem 1961 dadurch bekannt geworden war, dass er Luftangriffe gegen die UN-Friedenstruppen flog, um die Tschombé-Regierung zu unterstützen. Von diesen Aktivitäten wussten auch die anglo-amerikanischen Auslandsgeheimdienste CIA und MI6. Dennoch weigerten sich die USA und Großbritannien, der Bitte der UN zu entsprechen, Hammarskjölds Maschine durch NATO-Kampfflugzeuge eskortieren zu lassen. Stattdessen erklärten Washington und London, über gesicherte Erkenntnisse zu verfügen, dass der „Lone Ranger“ am 17./18. September nicht in der Luft sein würde.

Interessen auf Seiten des Westens

Für eine Verwicklung westlicher Geheimdienste sprechen darüber hinaus weitere Indizien. Der US-amerikanische Sergeant Harold Julien hatte den Absturz zunächst schwerverletzt überlebt. Obwohl er als äußerst wichtiger Zeuge galt, wurde seine Verlegung in ein besser ausgestattetes Krankenhaus sabotiert. Fünf Tage nach dem Vorfall starb er in Ndola an Nierenversagen.
1998 veröffentlichte die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission Kopien von geheimen Dokumenten über eine Operation namens „Celeste“, denen zufolge es konkrete Überlegungen gegeben hat, Hammar­skjöld auszuschalten. In diesen Unterlagen findet auch folgende Äußerung des CIA-Chefs Allen Welsh Dulles: „Dag wird lästig ... und sollte entfernt werden.“ Allerdings gibt es keine Beweise für die Echtheit der Papiere.

Am ehesten könnte wohl die US-amerikanische National Security Agency (NSA) die Mordthese verifizieren. Denn der größte Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten verfügt offenbar über Aufzeichnungen des abgehörten Funkverkehrs im Luftraum von Ndola während der Nacht vom 17. zum 18. September 1961. Nach verschiedenen übereinstimmenden Aussagen ehemaliger US-amerikanischer, britischer und griechischer Geheimdienstler und Diplomaten sollen diese belegen, dass die „Albertina“ von einem katangischen Düsenjet vom Typ Fouga CM.170 Magister abgeschossen wurde. Die Freigabe der Bänder der Abhörstation auf Zypern lehnt die NSA jedoch bis heute unter Verweis auf ihre 50-jährige Geheimhaltungsfrist ab. Dabei ist letztere bereits 2011 abgelaufen.

Soweit die Indizien. Die Antwort auf die Frage Cui bono? (Wem zum Vorteil?) verweist in die gleiche Richtung. Die Friedensbemühungen des Schweden widersprachen den Interessen diverser westlicher Regierungen und Bergbaukonzerne, erleichterte ihnen doch die Fortsetzung der Konfrontation zwischen der Zentralregierung in Léopoldville und den Separatisten in Katanga und die damit einhergehende Schwächung der kongolesischen Zentralregierung einen günstigen Zugang zu den Bodenschätzen des Kongos im Allgemeinen und Katangas im Besonderen.



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Kommentare

Siegfried Hermann am 17.09.21, 09:01 Uhr

Es gilt immer noch der Rat von
Giovanni Falcone: Folge der Spur des Geldes.

Was Kantanga an geht, da gabs damals viele pöse, sehr pöse Buben. Es muss nicht immer die CIA gewesen sein, allerdings sehr wahrscheinlich. Die beteiligten Rohstoffhändler haben auch gerne
solche Jungs vom Schlage Blackwater engagiert und wurde sehr erfolgreich von Hollywood a la Wildgänse thematisiert.

Was früher die CIA war ist heute MfS_C # 2. Büro.
Das Thema ist das gleiche.
In Katanga wird wohl erst in ca. 50 Jahre Ruhe einkehren, wenn die Rohstoffvorkommen erschöpft sind. Traurig, aber wahr.

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