14.04.2024

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Pommern

Unter kaschubischen Bauern

„Zufriedenheit im Herzen ist Sonnenschein im Haus“ – Mit dem Rad entlang der Ostseeküste von Swinemünde bis Danzig

Anne Martin
29.09.2023

Das Regencape klebt am Fahrradsattel, die Gamaschen triefen vor Nässe, wer eine Brille trägt, wünscht sich jetzt dringend Scheibenwischer: Regensturm in Swinemünde, Land unter in Cammin. Die polnische Ostseeküste versinkt in einer Regenwand, die so mancher dem Klimawandel zuschreibt, aber vielleicht ist es doch nur eine Kapriole dieses Sommers.

Eine Woche lang werden wir radelnd in Pommern unterwegs sein, dem Land am Meer. Wir werden Städte wie Kolberg, Stettin und Danzig passieren. Bis auf einige Hinweisschilder, die deutsche Untertitel tragen, ist die deutsche Vergangenheit von den Polen ausgelöscht. Am Stettiner Hauptbahnhof, derzeit eine einzige Baustelle, kommt auf die auf Deutsch gestellte Frage nach einem Taxi nur ein Kopfschütteln. Die Wiederholung auf Englisch: Schulterzucken.

Was einmal war, scheint weitgehend vergessen. Der Beitritt zur EU hat zwar Geld in das Land gespült, aber das Flair ist osteuropäisch. Zu einem gepflegten Auftritt gehören bei jungen Polinnen modisch lange Nägel und falsche Wimpern, die Männer tragen bunt bedruckte T-Shirts über prallen Muskeln. Jeder noch so kleine Badeort stellt bunte Karussells auf oder lässt lärmende Autoscooter in Strandnähe rattern.

Deutschen Touristen fällt es schwer, die fremde Sprache mit den vielen Konsonanten bröckchenweise zu verstehen. Nichts lässt sich erschließen, nur wenige deutsche Vokabeln haben es ins Polnische geschafft. „Szlafrok“, etwa für Bademantel. Gut, dass man mit einer Übersetzungsapp auf dem Smartphone die QR-Codes auslesen kann, die in vielen Einrichtungen angebracht sind, und hilfreich, dass einige von uns einen Zettel dabeihaben, auf dem „Dzieki“ steht für „Danke“.

Was auffällt: Die Polen sind ungeheuer stolz auf ihr Land. Stadtführerin Danuta in Stettin spricht viel von „wir“. Wenn sie etwa auf das Denkmal zeigt, das an Lech Walesa erinnern soll, den Elektriker und späteren Friedensnobelpreisträger, der das Land mit seiner Gewerkschaft „So­li­darność“ aus dem Klammergriff der Kommunisten befreite. Oder wenn sie mit großer Geste über die Hakenterrasse weist, wo man weit über die Oder blicken und in einem gut besuchten Restaurant zu Abend essen kann.

Moderne trifft Tradition
Vom dritten Tag an zieht sich die Regenwand zurück, wir radeln durch lichte Wälder, schließen unterwegs immer mal wieder die Räder an und lassen die Füße im silberweißen Geriesel des Ostseesandes versinken. In Leba stapfen wir frühmorgens auf die berühmte Wanderdüne, 42 Meter hoch, die langsam ostwärts verweht und an die Sahara erinnert. Unten glitzert die Ostsee mit unberührtem Strand – jedenfalls bis um zehn Uhr morgens, bevor die Feriengäste kommen.

Im Naturschutzgebiet rund um die Wanderdünen sieht man Familien umherstreifen, auf der Suche nach Beeren und Pilzen. Pilzesammeln hat Tradition in Polen, genauso wie das Einkochen von Marmelade und das Einwecken von Gurken. In Städten wie Rewahl sitzen Frauen mit ihren Gemüse- und Obstschätzen vor einem Drogeriemarkt, die Röcke um sich gebauscht wie einst kaschubische Bäuerinnen. Moderne trifft Tradition.

Dreht man die Zeit zurück wie im Freilichtmuseum von Klucken, dann nimmt das bäuerliche Leben Gestalt an wie auf vergilbten alten Postkarten: Zwischen Reetdachhäusern watscheln rundliche Gänse, in den dunklen Stuben mit den kurzen Betten finden sich sogar noch Küchentücher mit deutschen Aufschriften: „Zufriedenheit im Herzen ist Sonnenschein im Haus“. Die Relikte der Vergangenheit sind ungleich schöner als die oft mit billigen Materialien errichteten Profanbauten der kommunistischen Ära. Im ehemaligen Kurhaus von Leba, dem heutigen Hotel „Neptun“, das mit seinen Türmchen an ein Schloss erinnert, versinken wir in tiefen Sesseln und genießen den Charme der Jahrhundertwende.

Der freie Blick über die Ostsee und das Klirren der Cocktailgläser versöhnt mit dem Rummel des Ortes. Oder am Abend zuvor das alte Herrenhaus von Wusseken, verwunschen am Ende des Ortes gelegen. In der Empfangshalle blaken Kerzen, eine geschwungene Treppe führt in die oberen Geschosse, an den Speisesaal schließt sich ein Tanzboden an. Wer unterm Dach kurz vorm Einschlafen ist, meint sie trappeln zu hören, die Pferdekutschen, die hier früher eintrafen, um Gäste zum großen Ball zu bringen.

Abschied im „Goldwasser“
Die letzte Etappe führt über die Halbinsel Hela, durch lichte Wälder blitzen Schaumkronen, oft kreuzen Surfer unseren Blick, am Ende wartet die Fähre nach Danzig. Die Überfahrt dauert gut zwei Stunden und ist spektakulär: zur Linken das ehemalige Militärgelände der Westerplatte, wo am 1. September 1939 ein polnisches Munitionsdepot von einem deutschen Schiff beschossen wurde – der Angriff gilt als Auslöser des Zweiten Weltkrieges. Dann tauchen schon die Türme der einstigen Hansestadt auf, die im Krieg im Bombenhagel zerfiel und nun in perfekt restaurierter Schönheit erstrahlt. An der Stadteinfahrt das Hilton-Hotel mit Dachterrasse, daneben ein nostalgisches Karussell, nicht aus Plastik, sondern alten Vorbildern nachempfunden. Kurz davor ankert die Fähre. Wir schieben unsere Räder am Kai entlang, an dem „Westerplatte“ benannten Schiff vorbei, das Besucher täglich im Pendelverkehr zur geschichtsträchtigen Werft fährt.

Danzig ist in diesen Tagen ein Sommermärchen. Die Stadt wird von Touristen geflutet, die alles sehen wollen: Die Marienkirche und die „Lange Gasse“ mit dem Neptunbrunnen, dem Artushof und den hochherrschaftlichen Bürgerhäusern. Die „Frauengasse“ mit den vielen erhöhten Terrassen, den Beischlägen, die typisch sind für die Stadt. Bernstein überall – Ketten, Ringe, Ohrringe, Skulpturen.

Ein Bummel durch den überdachten Markt zeigt die Fülle der polnischen Lebensmittel. Und dann die Brigittenkirche mit dem Bernsteinaltar, an dem sich die Danziger Bürger bis heute mit ihren Fundstücken beteiligen können. Wer für einige Minuten in einer der Kirchenbänke Platz nimmt, erlebt die tiefe Religiosität der Polen. Junge Mütter bedeuten ihren Kleinkindern, wie man sich korrekt bekreuzigt. Männer mit tätowierten Armen knien im Gebet versunken vor den Heiligenbildern. Und als ein junges Paar einzieht, das sich trauen lassen will, wird der goldene Altar doch tatsächlich noch von innen erleuchtet.

Abschiedsessen im Restaurant „Goldwasser“, das nach dem berühmten Likör mit den Blattgoldpartikeln benannt ist, der – so hatte die Stadtführerin verschwörerisch geraunt – in Deutschland billiger zu erstehen sei als in Polen. Das Mitbringsel steht fest: ein Bernsteinarmband. Das Gold der Ostsee, das alle Zeitenwenden überdauert hat.


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