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Planwirtschaft

„Verkaufskultur“ à la DDR

Vor 75 Jahren wurde in der sowjetischen Besatzungszone das staatliche Einzelhandelsunternehmen Handelsorganisation (HO) gegründet

Heidrun Budde
11.11.2023

Am 15. November 1948 wurde das staatliche Einzelhandelsunternehmen Handelsorganisation (HO) in der sowjetischen Besatzungszone mit dem Anspruch gegründet, die schwierige Versorgungslage nach dem Krieg zu verbessern und den Schwarzmarkt zu bekämpfen. Die erste Verkaufsstelle für Textilien und Schuhe eröffnete in Berlin-Friedrichshain, und am 16. November 1948 konnten die Bürger ohne Bezugsschein, aber zu hohen Preisen, Süßwaren in einem zweiten Laden einkaufen. Die staatliche Handelskette wuchs rasant. 1950 existierten bereits 2300 HO-Läden, und zusätzlich wurden Hotels wie Gaststätten betrieben. Neben der HO gab es die Konsumgenossenschaft und wenige selbstständige private Verkaufseinrichtungen.

Doch egal, welche Eigentumsform die Verkaufsstelle hatte, freizügige Bestellungen im Großhandel gab es nicht. Alle Anbieter konkurrierten um den begehrten „Warenfonds“, der nach „einer bestätigten Rang- und Reihenfolge und der Grenzversorgung auf die Territorien differenziert“ staatlich zugeteilt wurde. Nachzulesen in einem Dokument des Rates des Bezirkes Rostock vom 26. Oktober 1982, das als „Persönliche Verschlußsache – Vorlagen – BL 04 Tgb.-Nr. 22x“ archiviert wurde.

Hier ist auch zu entnehmen, wie das Verteilungsverfahren ablief: „Dem Bezirk Rostock wurden durch das Ministerium für Handel und Versorgung auf der Grundlage des Politbürobeschlusses vom 19.10.1982 nachfolgende Warenfonds zu den bestätigten Versorgungsgrößen übergeben.“ Weihnachten stand vor der Tür, und so wurden Zusatzfonds für „Butter, Schmalz, Fleisch, Fleisch- und Wurstwaren, Fettkäse, Hühnereier, Nüsse, Mandeln, Kakaoerzeugnisse, Wein, Sekt, Spirituosen, Inlandfilterzigaretten, Reis und Orangen“ verteilt, weil es das Politbüro der SED so wollte.

Das war allerdings eine politisch gesteuerte Zusatzversorgung „auf Pump“: „Die kurzfristig zur Verfügung gestellten Warenfonds werden zusätzlich importiert, planmäßig vorgesehene Exporte und die Bestände der Staatsreserve werden reduziert. Das sind die Quellen dieser zusätzlichen Warenfonds. Sie sind also nicht als Geschenk aufzufassen, sondern bedeuten einen Vorgriff auf die Warenfonds des Jahres 1983. Damit wird zunächst etwas verbraucht, was wieder zusätzlich für eine planmäßige Verwendung produziert werden muß.“

Doch trotz angeordneter Aufstockung der Waren konnte der Bedarf nicht gedeckt werden. So heißt es in der Vorlage: „Bei Speck ist nach wie vor kein ständiges Angebot in den Verkaufsstellen vorhanden.“ Und bei Fleisch und Wurstwaren wurde kritisch vermerkt: „Es wird eine weitere Stabilität im Angebot des Einzelhandels erreicht, ohne jedoch ständig ein durchgängiges Angebot zu sichern.“ Besonders prekär war die Bereitstellung von Nüssen zu Weihnachten: „Die Versorgung mit Nüssen wird mit 76,7% zum vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres (November/Dezember) gewährleistet.“ Das Angebot wurde von Jahr zu Jahr schlechter, denn Nüsse waren überwiegend Importware.

Organisierter Mangel
Die vorhandenen Raritäten mussten den Verkaufseinrichtungen zugeteilt werden, und wie das zu erfolgen hatte, legte der Rat des Bezirkes bei Nüssen so fest: „Auf der Grundlage dieser verfügbaren Menge wird der Vorschlag unterbreitet, 40% in Schwerpunktbetrieben und 60% in ausgewählten Versorgungseinrichtungen zu verkaufen. Die örtlichen Räte legen die Schwerpunktbetriebe und die ausgewählten Verkaufsstellen (Kaufhallen, ländliche Einkaufszentren, Spezial-Verkaufsstellen sowie Obst- und Gemüsemärkte) fest. Der Verkauf erfolgt in Kleinpackung (250 g) und zu einem einheitlichen Verkaufstermin ab 1.12.1982.“

Die Mangelware wurde in Kleinverpackungen aufgewertet, und 40 Prozent bekamen Verkaufsstellen von „Schwerpunktbetrieben“ wie beispielsweise die Werften, das Dieselmotorenwerk oder das Wohnungsbaukombinat. Die restlichen 60 Prozent landeten in Verkaufsstellen, die der örtliche Rat festlegen durfte. Das staatliche Handelsunternehmen HO wurde bevorzugt bedient, aber auch „Spezial-Verkaufsstellen“ wurden besser versorgt. Dazu gehörte beispielsweise die „Militär-Handelsorganisation“ (MHO). In den Kasernen durften sich Offiziere, Soldaten und Zivilbeschäftigte über Einkaufsmöglichkeiten freuen, die es im Zivilleben nur selten gab. Staatsdiener wurden mit einem privilegierten Einkauf bei Laune gehalten.

Der klägliche Rest landete dann in ausgewählten öffentlichen Läden. Doch wohl dem, der zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen HO-Kaufhalle war, denn der Rat des Bezirkes legte „Verkaufstermine“ fest: „Für nachfolgende festtagstypische Sortimente werden einheitliche Verkaufstermine vorgeschlagen: Kakaoerzeugnisse darunter Hohlkörper 29.11.1982 (20%), 8.12.1982 (80%), Zuckerwaren 29.11.1982, Lebkuchen ohne Schokoüberzug 25.10.1982, Lebkuchen mit Schokoüberzug 15.11.1982, Enten und Kaninchen 8.12.1982, Puten und Gänse 15.12.1982.“

An diesen Verkaufstagen setzte der Verteilungskampf unter den Kunden ein, der vom Verkaufspersonal gesteuert wurde. Wie viel unter den Angestellten selbst vorher abgezweigt wurde oder an gute Freunde ging, blieb der Öffentlichkeit verborgen. Jeder wollte Raritäten für das Weihnachtsfest haben, und bei Kakaoerzeugnissen räumte die Staatsmacht Defizite ein: „Der Einsatz dieser Ware wird keine Stabilität des Angebots sichern.“ Schokoladenweihnachtsmänner (Hohlkörper) wurden nur an zwei Tagen angeboten. Wer diese Termine verpasste, hatte Pech.

Autoritärer Umgang mit den Kunden
Der Umgang mit den Kunden im Verteilungskampf war autoritär. So wurde einer Frau an der Kasse der HO-Kaufhalle ein Schokoladenweihnachtsmann aus dem Einkaufskorb genommen. Als die Frau protestierte, blaffte sie die Verkäuferin mit den Worten an: „Sie haben nur zwei Kinder!“ Der Einwand der Kundin, dass sie eine Süßigkeit verschenken wollte, prallte an der Aufsichtsperson ab. Nach einem heftigen Wortgefecht verließ die verärgerte Frau die HO mit der zugeteilten Ware. Erlebte „Verkaufskultur“ der 80er Jahre.

Die Mangelwirtschaft funktionierte nach eigenen Regeln und erzeugte großen Frust in der Bevölkerung, denn es gab nicht nur bei Nahrungsmitteln ein Versorgungsdefizit. Auch die Industrie hatte erhebliche Lieferrückstände im Bezirk Rostock. So fehlten per 31. Oktober 1982 1190 Waschmaschinen, 915 Kühlschränke, 226 Tiefkühltruhen, 300 E-Herde, 2350 Kaffeemaschinen, 6520 Regelbügeleisen, 4535 Handrühr- und Mixgeräte sowie 3000 Tauchsieder.

Die Bürger kauften nicht, wenn sie etwas brauchten, sondern wenn sie das Glück hatten, eine Rarität zu bekommen. Die Akten zeigen auf, dass die Versorgungslage immer schwieriger wurde. Doch die SED-Funktionäre weigerten sich hartnäckig, die eigene Misswirtschaft zur Kenntnis zu nehmen. Sie verlangten, dass eine bessere „politisch-ideologische Arbeit“ mit den Kollektiven in den Verkaufsstellen zur Problemlösung beitragen sollte. Das war lächerlich und realitätsfern. Den Zusammenbruch des SED-Staates und der HO-Betriebe konnten sie damit nicht aufhalten.


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Kommentare

Kersti Wolnow am 13.11.23, 12:36 Uhr

Ich verstehe die Mangelwirtschaft als selbsterzeugte. Warum gab es alles nur "wie"? Wie Schokolade, wie Holz, wie Leder? Holz und Leder hätte es geben können wie in der brD auch. Kristall war auch Mangelware. Da fuhr man aus der Provinz nach Berlin und stellte sich früh in eine Reihe. Und warum Kleidung aus Dederon sein mußte und nicht aus Hanf oder Leinen, was man hätte selbst erzeugen können, kann mir bis heute keiner erklären. Dasselbe Bild gab es in der UdSSR. Die hatten sämtliche Klimazonen, aber selbst den Schwarztee importierten sie aus Indien, überteuerte Südfrüchte gab es nur auf dem "Rynok", dem Privatmarkt. War der gesamte Osten ein Experiment für den kommenden Globalkommunismus?

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