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Viel Lorbeer für ein Haus der Kunst

Vor 125 Jahren schlossen sich Wiener Künstler zu einer Vereinigung zusammen – Das Secessionshaus ist ihr stilvolles Symbol

Stephanie Sieckmann
16.11.2023

Das Wiener Secessiongebäude ist nicht nur ein architektonisches Meisterwerk, es ist auch Zeugnis der künstlerischen Revolution, durch die dieses bauliche Kunstwerk erschaffen wurde. In den geschwungenen Linien und goldenen Akzenten spiegelt sich die kreative Freiheit und der avantgardistische Geist wider, der die Wiener Secession zu einem Zentrum der Moderne machte.

Das prachtvolle Bauwerk feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Rechtzeitig vor dem Anlass, der nicht nur in Wien würdig begangen wird, konnten im Jahr 2021 die beiden wichtigsten Jahreszahlen an den Seiten des Eingangs (wieder) angebracht werden: 3. April 1897 und 12. November 1898. Diese beiden Daten gelten als Meilensteine der österreichischen Kunstgeschichte. Dass diese beiden Daten ursprünglich den Eingang des Gebäudes verzierten, wurde eher zufällig auf historischen Fotografien entdeckt.

Auch in Berlin wird, wie in Wien, ein 125. Jubiläum gefeiert und der Jahrestag zum Thema einer Ausstellung gemacht. Die Künstlergruppe der Wiener Secession, gegründet im April 1897, stand im Austausch mit den Künstlern der Münchner Secession, die bereits 1892 ins Leben gerufen worden war. Auch in Berlin brodelte es in der Kunstszene. Wie in Wien beschlossen Berliner Künstler im Jahr 1898 die Lossagung vom etablierten Kunstmarkt und gründeten die Berliner Secession (siehe PAZ vom 29. September).

Zurück zum Ausstellungsgebäude der Wiener Secession in Wien. Die stilistische Pracht des Jugendstils wird hier architektonisch auf eindrucksvolle Weise verkörpert. Die Fassade präsentiert sich mit einer symmetrischen Struktur, die von sanften Kurven und verspielten Ornamenten durchzogen ist. Das markanteste Merkmal ist zweifellos die vergoldete Kuppel, die wie eine strahlende Krone auf dem Gebäude thront. Sie ist eine Anspielung auf die Karlskirche, die dem Kunsthaus gegenüber liegt.

Im ursprünglichen architektonischen Entwurf war die Kuppel nicht vorgesehen. Das erste Grundstück, das für den Bau des neuen Ausstellungshauses zur Verfügung gestellt wurde, lag an der Ringstraße, genauer gesagt am Stubenring, schräg gegenüber dem Stadtpark und dem Museum für Angewandte Kunst. Dort, wo heute das Karl-Lueger-Denkmal steht.

Vermutlich hatte Architekt Otto Wagner als Wiener Baurat den Plan unterstützt, an genau dieser Stelle ein weiteres Ausstellungshaus zu errichten, nachdem am 10. Januar 1897 ein entsprechendes Baugesuch beim Innenministerium beantragt wurde. Zu den Unterzeichnern gehörten damals bildende Künstler, unter anderem auch Gustav Klimt.

Gemeinsam mit 39 Gleichgesinnten gründete der Maler im April 1897 die Künstlergruppe „Wiener Secession“. Das Ziel der Künstlergruppe war mit der Wahl des Namens klar definiert: Secession bedeutet Abtrennung, Abwendung. Der Weg sollte wegführen von den traditionellen Pfaden der etablierten Kunst. Der Name wurde in Anlehnung an die bereits 1892 gegründete Münchner Secession gewählt. Ein Signal für den Bruch mit den künstlerischen Traditionen und den Beginn einer künstlerischen Rebellion.

Für die Umsetzung der eigenen künstlerischen Freiheiten und Ziele wünschte sich die Künstlergruppe einen eigenen Ausstellungsraum. Und als deren baulichen Aushängeschild galt es, dem künstlerischen Grundsatz bereits bei der Architektur des Gebäudes Rechnung zu tragen.

Gustav Klimt führte ersten Vorsitz
Der Architekt Joseph Maria Olbrich, damals gerade erst 29 Jahre alt, Mitarbeiter von Otto Wagner und einer der bildenden Künstler, die mit Klimt befreundet waren, hatte die Pläne für das Ausstellungshaus der Wiener Secession entworfen. Er unterbreitete seinen ersten Entwurf am 30. März 1897 und erhielt die Genehmigung für die Umsetzung bereits am 2. April, nur wenige Tage später. Am Tag darauf erfolgte die offizielle Gründung der Künstlervereinigung, und zwar mit Klimt als erstem Vorsitzenden.

Die weitere Ausgestaltung der Planung nahm ihren Lauf. Auch Klimt brachte sich bei der Gestaltung mit ein. Doch im Frühjahr 1998 gab es erste Kritik an den mutigen Entwürfen zum Ausstellungshaus der Secessionisten. Der Vorwurf wurde laut, der Neubau mit seiner modernen Architektur würde die angrenzenden Grundstücke entwerten. Schließlich wurde eine Petition mit der Bitte um Zuteilung eines neuen Baugrundstücks eingereicht. Von der Gemeindevertretung in Wien wurde daraufhin ein anderer Bauplatz zugewiesen – am Karlsplatz.

In der Auseinandersetzung mit dem neuen Umfeld und der gegenüber dem neuen Standort liegenden Karlskirche fügte Architekt Olbrich seinem Entwurf die heute so eindrucksvolle Kuppel mit den goldenen Lorbeerblättern hinzu. Direkt unter der Kuppel ist in goldenen Lettern der Wahlspruch der Künstlervereinigung festgehalten: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“.

Unter Hochdruck und mit Unterstützung durch die niederösterreichische Landesregierung gelang es, den Bau in großer Eile zu errichten. Bereits am 12. November 1898 konnten die Künstler die Eröffnung feiern. Während die erste Ausstellung noch im Pavillon abgehalten werden musste, konnten die Bilder der zweiten Secession-Ausstellung bereits an den Wänden im eigenen Kunsthaus ausgestellt werden. Die Secession konnte fortan ihrem Wahlspruch „Ver sacrum“ (heiliger Frühling) gemäß der neuen Kunst zu ihrer Blüte verhelfen. Auch das Ausstellen von Künstlern aus anderen Ländern gehörte damals wie heute dazu.

Ein maßgebliches Element der Wiener Secession, das heute untrennbar mit dem Gebäude verbunden ist, wurde jedoch erst später erschaffen. Klimts Beethovenfries, das seinerzeit ebenfalls als Provokation aufgefasst wurde, gestaltete der Maler erst im Jahr 1902.


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