22.06.2021

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Hohenzollern

Vierzehn Früchte einer Hassliebe

Nachdem Anna Eunike Röhrig die Geschwister des Alten Fritz bereits in ihrem neuen Buch „Der Clan Friedrichs des Großen“ vorgestellt hat, tut sie es nun auch in der PAZ

Anna Eunike Röhrig
27.03.2021

Es waren ihrer 14: sieben Mädchen und sieben Jungen, alle geboren von einer einzigen Mutter im Verlauf von 23 Jahren. Die Rede ist von Friedrich dem Großen und seinen Geschwistern, von denen vier die Kindheit nicht überlebten. Ihre Eltern, Preußens Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. und Sophie Dorothea von Hannover, waren Cousin und Cousine, einander in lebenslanger Hassliebe zugetan.

Vier Anläufe brauchte es, um einen Thronerben zu zeugen. Die ersten beiden Söhne, Friedrich Ludwig (1707–1708) und Friedrich Wilhelm (1710–1711), gingen elend an Fieberkrämpfen beim Zahnen zugrunde; noch war das Penicillin nicht erfunden. Wilhelmine (1709–1758) hingegen, später als Markgräfin von Bayreuth eine bedeutende Kulturmäzenin, hatte als Mädchen das „falsche“ Geschlecht, um dem Vater nachzufolgen. Erst der Viertgeborene Friedrich schaffte es, alle gefährlichen Krankheitsklippen zu umschiffen. Mit 28 Jahren König geworden, gelang es ihm, aus Preußen einen in Europa tonangebenden Staat mit funktionierender Verwaltung und Wirtschaft zu formen. Unter ihm wurde aus der „märkischen Streusandbüchse“ eine Militärmacht ersten Ranges.

Doch am Berliner Hof aufzuwachsen, war alles andere als ein Zuckerschlecken. Dem „preußischen“ Drill unterworfen, wurde selten nach individuellen Begabungen gefragt. Und für die Söhne des Königs kam nichts anderes als das Militärwesen als Lebensinhalt in Betracht. Prinz Friedrich, mit mancherlei musischem Talent gesegnet, wehrte sich dagegen und musste es bitter bezahlen. Vor den Augen des Hofes schlug sein Vater ihn immer wieder blutig. Viele von Friedrichs Geschwistern waren wie er musikalisch hochbegabt und sogar zum Komponieren befähigt. Sie durften jedoch erst nach dem Tod des jähzornigen und bildungsfernen Vaters ein Instrument erlernen.

Misstrauisch und bindungsunfähig

Die Mutter hingegen, so schrieb Tochter Wilhelmine in ihren Memoiren, „hat nie eines ihrer Kinder geliebt. Sie dienten ihr nur als Werkzeuge ihres Ehrgeizes.“ Sophie Dorothea aus dem Hause der Welfen träumte davon, ihre Töchter an Europas Königshäuser zu vermählen. Doch ihr Gatte band mit solchen Ehen lieber kleine Duodezfürsten rund um Preußen an sich, deren Gebiete man sich vielleicht später einverleiben konnte. Kein Wunder, dass die Eltern ihre Kinderschar gegeneinander ausspielten, sodass diese zu misstrauischen, bindungsunfähigen Menschen heranwuchsen. Wilhelmine wurde darüber hinaus noch Opfer eines besonderen Dilemmas: Zur Königin eines bedeutenden Reiches erzogen, musste sie schließlich in der Provinz versauern, wo die Untertanen zu arm für ihre hochfliegenden Pläne waren. Die dennoch errichteten Schlösser und Parks bewirkten schließlich Schulden von 3,8 Millionen Gulden – bei einem durchschnittlichen Jahresverdienst (etwa eines Handwerkers) von 300 Gulden.

Kaum war der große Friedrich 1740 dem Soldatenkönig nachgefolgt, behandelte er seine Geschwister ähnlich harsch, wie es ihm selbst widerfahren war. So zwang er beispielsweise den jüngeren Bruder Heinrich (1726–1802) in eine Ehe, obwohl er nur zu gut um dessen Homosexualität wusste. 1746 hatten sich die beiden sogar um denselben Liebhaber gestritten, den „schönen Marwitz“, Heinrichs Kammerjunker. Kaum besser erging es dem Bruder August Wilhelm (1722–1758), zuvor verhätschelter Liebling des Soldatenkönigs: Friedrich vermählte ihn gegen dessen Willen mit der Schwester seiner Frau und ließ nicht ab, in derben Worten die „Produktion“ zahlreicher Nachkommen zu fordern.

Nur ein einziges Familienmitglied schaffte es, eine Liebesehe einzugehen: Ferdinand (1730–1813), Jüngster der Preußen-Geschwister und heute als Bauherr von Schloss Bellevue bekannt. Er heiratete seine Nichte Luise, die nur acht Jahre jünger war als der Onkel.

Dass Luise Ulrike (1720–1782) im schwedischen König Adolf Fredrik einen zu ihr passenden Gefährten fand, war ein glücklicher Zufall. Und Philippine Charlotte (1716–1801), die an der Seite des Braunschweiger Herzogs Karl einen Mann wie Lessing fördern konnte, führte nur darum eine erträgliche Ehe, weil sie die Mätressen ihres Gemahls ignorierte.

Ferdinand ging eine Liebesehe ein

Schlimm erging es den Prinzessinnen wie Friederike Luise (1714–1784), die sich zwischen den Interessen ihres Ansbacher Gemahls und denen des tyrannischen Vaters zerrieb. Ähnliches widerfuhr ihrer Schwester Sophie Dorothea Marie (1719–1765), deren Mann ihr zeitweise nach dem Leben trachtete und sich als wahrer Landesvater zu insgesamt 36 unehelichen Kindern bekannte. Solchen Problemen entzog sich Anna Amalie (1723–1787), die als Einzige der Geschwister unvermählt blieb und Äbtissin des Stiftes Quedlinburg wurde. Dort konnte sie ungestört Interessen nachgehen, die man einer Frau ihrer Zeit sonst wohl kaum zugebilligt hätte. Amalie sezierte gerne Leichenteile und ließ Kirchengrüfte öffnen, um deren Inhalt zu untersuchen. Daneben glänzte sie als Instrumentalistin und Komponistin. Sie stiftete die heute noch existierende „Amalienbibliothek“ mit Notenmanuskripten des Barock. Dass sie tatsächlich eine Affäre mit dem Freiherrn Friedrich von der Trenck hatte – wie in Filmen und Romanen gern behauptet – ist derzeit nicht sicher nachweisbar.

Außer Friedrich Ludwig und Friedrich Wilhelm erreichten auch Charlotte Albertine (1713–1714) und Ludwig Karl Wilhelm (1717–1719) das Erwachsenenalter nicht. Die zehn übrigen Geschwister hielten alle mehr oder weniger Kontakt untereinander. Sie schrieben oft recht humorvolle Briefe, die ihre gemeinsame Neigung zu Ironie und Sarkasmus widerspiegeln. Sie machten sich aber auch teilweise gegenseitig das Leben schwer, reagierten mit Schadenfreude oder verrieten dem großen Bruder in Schloss Sanssouci intime Geheimnisse der anderen. Friedrich wiederum haute seine markgräfliche Schwester in Ansbach tüchtig übers Ohr: Nach dem Tod der Eltern zahlte er Friederike Luise ihr Erbteil in fast wertlosen Münzen aus. Als man die Getäuschte darauf aufmerksam machte, lehnte sie alle Gegenmaßnahmen entrüstet ab. Sie wollte sich wenigstens ihre Illusionen bewahren.

b Anna Eunike Röhrig ist als Schriftstellerin, Bibliothekarin und Übersetzerin tätig. Ihr jüngstes Werk, die 215-seitige Sammelbiographie „Der Clan Friedrichs des Großen. Ein König mit 13 Geschwistern“, ist dieses Jahr im Göttinger Verlag MatrixMedia des Kaiser-Wilhelm-II.-Urenkels Heinrich Prinz von Hannover erschienen.



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Kommentare

Chris Benthe am 31.03.21, 13:38 Uhr

Herzlichen Dank für diesen überaus erbaulichen Beitrag.

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