22.06.2021

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Natur, Kunst und Architektur im Einklang: Blütenpracht auf dem Landsitz Waddesdon Manor in der britischen Grafschaft Buckinghamshire
Foto: paNatur, Kunst und Architektur im Einklang: Blütenpracht auf dem Landsitz Waddesdon Manor in der britischen Grafschaft Buckinghamshire

Gartenkunst

Viktorianische Extravaganz

England blüht – zumindest auf dem Lande, wo die Gartensaison kunstvoll verspielte Blüten trägt

Helga Schnehagen
22.05.2021

Die Gartensaison ist eröffnet, und da kann ein Blick über den Kanal nach England mit seinen Hunderten im ganzen Land verteilten wunderschönen und einzigartigen Gärten lohnen. Dort sind inzwischen Besuche der Gärten des Landadels mit Zeitfensterkarten möglich. Zudem ist die Außengastronomie geöffnet.

Viele Gärten sind mit prominenten Namen verbunden. Ein herausragendes Beispiel viktorianischer Extravaganz ist Waddesdon Manor and Gardens, für das der frankophile Bankier, Politiker und leidenschaftliche Kunstsammler Baron Ferdinand de Rothschild (1839–1898) aus der berühmten Rothschild-Dynastie verantwortlich war. Im Herbst 1874 kaufte er vom Herzog von Marlborough Land im Dorf Waddesdon in Buckinghamshire, einer Grafschaft, die südöstlich an den Großraum London grenzt. Heute gehört Waddesdon der britischen Denkmalpflege-Organisation National Trust.

Aus dem „Nichts“ von Wiesen und Äckern gestaltete Baron Ferdinand einen Landsitz, der zur exklusiven Party-Destination wurde. Seine legendären Wochen­end-Einladungen wurden der Treffpunkt der damaligen Prominenz, sodass selbst Königin Victoria nicht umhinkam, den Baron als „eine der außergewöhnlichsten Figuren Englands“ zu bezeichnen.

Am 14. Mai 1890 machte sie persönlich einen Ausflug nach Waddesdon, nicht nur um ihre Neugier auf Ferdinands reiche Kunstschätze zu stillen, sondern auch um den ultramodernen Komfort des Herrenhauses zu bewundern: Es war zu jener Zeit bereits vollständig mit elektrischem Licht ausgestattet. Dies verhinderte jedoch nicht, dass auch die Königin nach altehrwürdigem Brauch vor ihrer Abreise einen Baum auf dem Gelände pflanzte.

Um seine Gäste aus dem Staunen nicht herauskommen zu lassen, hatte der verwitwete Baron das Herrenhaus Waddesdon Manor in Anlehnung an die Loire-Schlösser erbauen lassen. Auch den Garten ließ er ideenreich in Anlehnung an französische Gärten gestalten, mit Skulpturen bevölkern und künstlichen Fels­arbeiten bestücken. Neben mehreren Grotten boten andere Felsformationen Bergziegen und Lamas ein Zuhause. Ein wahres Schmuckstück wurde die gusseiserne Voliere. Gerne fütterte Ferdinand die darin lebenden exotischen Vögel vor seinen Gästen. Heute ist der vergoldete Vogelkäfig ein registrierter Zoo für gefährdete Arten samt Zuchtprogramm.

Ein Kapitel für sich sind die Beete, die regelmäßig neu bepflanzt werden. Erste Farbe in die Frühlingsbeete bringen im März Blausterne, während auf den Wiesen frühe Narzissen blühen. Im April präsentiert sich der Parterre- und Volierengarten in einer Mischung aus Tulpen und Vergissmeinnicht. Andernorts leuchten zahllose Mauerblümchen, Narzissen und Gänseblümchen.

Ende Mai werden die Beete mit Sommerblumen bepflanzt. Außerhalb sprießen Glockenblumen und Maiglöckchen. Im Juni besticht das Parterre mit einem Mix aus Grün, Rosa und Gelb. Dabei erblüht jedes Jahr auch ein neues Teppichmotiv, das entweder der Sammlung entnommen ist, wie etwa schon der Apollo-Kopf aus dem hauseigenen Savonnerie-Teppich, oder sich auf kommende Ausstellungen bezieht. Dazu steht der Rosengarten in voller Blüte.

Im Juli und August entfalten die Zierbeete ihre größte Pracht. Im September bestimmen Herbstzeitlose das Parterre. Im Oktober entfernt man die Sommerpflanzen, setzt Frühlingszwiebeln und Blütenpflanzen – und der Kreislauf beginnt von vorn.

Sissinghurst Castle Garden

Mitten auf dem Land liegt Sissinghurst Castle Garden. Dennoch zieht es pro Jahr über 180.000 Besucher nach Südostengland, um das Lebenswerk des legendären Ehepaars Vita Sackville-West (1892–1962) und Harold Nicolson (1886–1968), zwei Schriftsteller aus dem englischen Adel, zu bewundern.

Auf der Suche nach einem alten Haus mit genügend Land für einen großen Garten war Vita an einem regnerischen Tag im April 1930 mit ihrem Sohn Nigel nach Sissinghurst gekommen und verliebte sich sofort in das verfallende elisabethanische Anwesen. Innerhalb von drei Wochen war sie stolze Besitzerin des Hauses sowie des umliegenden Ackerlandes von über 160 Hektar in der unberührten Landschaft von Kent.

Der Doppelturm aus dem 16. Jahrhundert ist alles, was von dem großen Herrenhaus übrig geblieben ist. Er wurde Vitas Zuflucht, wo sie Ruhe fand und ihre Bücher schrieb. Der Weg zur Aussichtsplattform erlaubt einen Blick in ihr Refugium. Das South Cottage hingegen wurde zu Harolds Bereich.

Vom Turm überblickt man das gesamte fünf Hektar große Areal und seinen „natürlichen“ Übergang in die umgebende Landschaft. Besser als am Boden erkennt man die Unterteilung des Gartens durch Mauern und Hecken in zehn geschlossene thematische Räume wie etwa den Weißen Garten, den Rosengarten, den Kräutergarten, den Lindenweg und den Cottage Garden. Durch diese Aufteilung wirkt der Garten größer als er mit seinen 2,5 Hektar ist.

Eine Berühmtheit ist der Weiße Garten, der inzwischen vielerorts Nachahmer gefunden hat. Rosen, Clematis, Tränende Herzen, Anemonen und andere Pflanzen mehr blühen hier in allen Schattierungen von Weiß. Das Ehepaar suchte den Garten gerne in der Dunkelheit auf, um sich von der Leuchtkraft der Pflanzen verzaubern zu lassen. Der Rosengarten zeugt von Vitas Schwäche für alte Rosensorten. Die dazu gepflanzten Stauden setzen diese geschickt in Szene und erlauben gleichzeitig eine längere Blütezeit des Gartens. 1967 überschrieb Harold dieses Idealbild eines Gartens des britischen Landadels dem National Trust.

Europas größtes Gartenbauprojekt

In Salford in Englands Nordwesten eröffnet die renommierte Royal Horticultural Society (RHS) am 18. Mai 2021 mit dem Garden Bridgewater Europas aktuell größtes Gartenbauprojekt. Es ist der fünfte RHS-Garten auf der Insel. Der 154 Hektar große Leuchtturm für Garten-Inspirationen, Schulung und Beratung liegt nur rund 13 Kilometer von Manchester entfernt. Mehr als eine Viertelmillion Pflanzen sind vor der Eröffnung in den Boden gesetzt worden, was einen enormen Schub für die biologische Vielfalt in der Region bedeutet. Die Wiederbelebung der Gärten des historischen Worsley New Hall Estate mit Küchengarten, Obstgarten, therapeutischem Garten und als Herzstück dem ummauerten Garten umschließen alle wieder weitere Gärten.

• Virtuelle Besichtigungen
www.waddesdon.org.uk
www.nationaltrust.org.uk/sissinghurst-castle-garden/features/sissinghurst-castle-virtual-tours
rhs.org.uk/gardens/bridgewater



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