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Volksfest der deutschen Katholiken

Die Geschichte der Deutschen Katholikentage begann vor 175 Jahren mit einer Generalversammlung der Katholischen Vereine Deutschlands in Mainz. In der barocken Peterskirche fand der feierliche Eröffnungsgottesdienst statt

Jörg Koch
01.10.2023

Die Französische Revolution von 1789 erschütterte auch die Autorität der katholischen Kirche. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts rangen Freiheitsbewegungen des sogenannten Vormärz mit Kräften der politischen Restauration um die staatliche Ordnung. Dies erstreckte sich auch auf kirchliche Fragen. Papst Gregor XVI. hatte 1831 viele revolutionäre Errungenschaften wie Vereins-, Versammlungs-, Presse-, Gewissens- und Religionsfreiheit als „pesthaften Irrtum“ verdammt.

Vor diesem Hintergrund wirkt es erstaunlich emanzipiert, dass sich am 23. März 1848 in Mainz der erste „Piusverein für religiöse Freiheit“ nach revolutionärem, bürgerlichem Vereinsrecht gründete. Nach und nach wurden im gesamten deutschsprachigen Raum weitere Vereine gebildet, allein im Großherzogtum Baden kam es bis zum Herbst des Jahres 1848 zur Gründung von rund 400 Vereinen mit mehr als 100.000 Mitgliedern. Bis zur Jahrhundertwende entwickelten sich die Piusvereine zur größten katholischen Massenbewegung. Benannt waren sie nach Papst Pius IX., der zu Beginn seiner Amtszeit als Vertreter liberaler Ideen galt.

Um die kirchlichen Interessen in Staat und Gesellschaft wirkungsvoll zu äußern, organisierten sich die Piusvereine in einer Generalversammlung der deutschen Katholiken, dem Katholikentag. Der erste Deutsche Katholikentag fand vom 3. bis zum 6. Oktober 1848 in Mainz statt – vor 175 Jahren. In der Provinzhauptstadt des Großherzogtums Hessen(-Darmstadt) lebten damals rund 35.000 Menschen, annähernd 28.000 von ihnen waren Katholiken. Wie alle späteren des 19. Jahrhunderts war schon der erste Katholikentag eine öffentliche Kundgebung des sozialen und politischen Katholizismus. Die Teilnehmer waren papsttreu und zugleich revolutionär. Die Verbesserung der Lage der sozial Schwachen war ein Schwerpunkt ihrer Diskussion, ebenso die Unabhängigkeit der Religion und der Kirche vom Staat sowie die Freiheit aller religiösen Vereinigungen. Katholikentage sind damit die frühesten Wurzeln unseres Sozialstaates. Beschlüsse, die gefasst wurden, fanden Widerhall in der gesellschaftlichen Diskussion.

1367 Eintrittskarten
Die 87 Abgeordneten der Piusvereine sowie weitere rund hundert Geistliche und Laien versammelten sich am 3. Oktober 1848 in der barocken Peterskirche zum feierlichen Eröffnungsgottesdienst. Von Schlesien und Tirol, Berlin und Wien, vom Bodensee bis zur Ostsee und der Steiermark waren viele Theologen anwesend, die im katholischen Leben einen Namen hatten. Die offiziellen Versammlungen der Vereinsmitglieder und Delegierten fanden im Akademiesaal des Kurfürstlichen Schlosses statt, den der Mainzer Stadtrat dem Piusverein zur Verfügung gestellt hatte. Zu einigen Veranstaltungen, beispielsweise der konstituierenden Sitzung, waren Gäste zugelassen, Frauen durften von eigenen Emporen aus zusehen. Insgesamt wurden 1367 Eintrittskarten ausgegeben, ein Ergebnis, das alle Erwartungen übertraf. Der Vorsitzende des Mainzer Piusvereins, Domkapitular Adam Franz Lennig, eröffnete den Katholikentag. Nicht die kirchliche Hierarchie, sondern die katholischen Laien waren zur Selbstbesinnung gekommen und forderten das Recht zur freien Entfaltung der Kirche nach ihren eigenen Grundsätzen.

Am 4. Oktober 1848 erhielt die Versammlung Besuch von 23 katholischen Parlamentariern aus der Frankfurter Paulskirche. Die Abgeordneten der seit Mai bestehenden Nationalversammlung hatten sich zum „katholischen Klub“ zusammengeschlossen. Unter ihnen waren auch Joseph Ambrosius Geritz, Bischof von Ermland und Abgeordneter für Marienburg, sowie Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler, damals noch Pfarrer von Hopsten in Westfalen, ab 1850 Mainzer Bischof. Die Lösung der sozialen Frage stellte Ketteler in seiner Rede als dringende Aufgabe der Piusvereine dar.

Am 6. Oktober 1848, dem letzten Tag der Generalversammlung, berieten die Delegierten über das Selbstverständnis des Katholikentags. Man betonte den Charakter als ausgesprochene Laienvereinigung. Innere Strukturen der Kirche kamen (noch) nicht auf die Agenda, man unterstellte sich dem Papst und dem deutschen Episkopat. Aus diesem Selbstverständnis richtete man ein Protestscheiben an die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung. Gefordert wurde die kirchliche Freiheit gegenüber dem Staat, das kirchliche Aufsichtsrecht über den Religionsunterricht beziehungsweise Konfessionsschulen. Mit ihrem Protest hatte die Versammlung Erfolg. Ebenso erfolgreich war die Gründung des Katholischen Vereins Deutschlands als Zentralorganisation durch die Mitglieder der Piusvereine auf dem ersten Katholikentag. Diese Interessenvertretung war der Vorläufer des seit 1952 bestehenden Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), das seit 1970 Träger des Katholikentages ist.

Zweiter Katholikentag in Breslau
Der nächste Katholikentag fand bereits im Mai 1849 in Breslau statt, das erste Mal auch offiziell unter dieser Bezeichnung. Das niederschlesische Breslau, sechstgrößte Stadt im Kaiserreich, war auch in den Jahren 1872, 1909 und 1926 Austragungsort eines Katholikentages. In Mainz, Sitz eines der ältesten und bedeutendsten Bistümer Deutschlands, fanden weitere Katholikentage in den Jahren 1851, 1871, 1892, 1911, 1948 und 1998 statt. Bis zur Reichsgründung 1871 fanden Katholikentage auch in Österreich statt, so in Linz, Wien, Salzburg, Prag und Innsbruck. Ab 1877 gab es in der Donaumonarchie eigene Katholikentage. Eine verkehrsgünstige Lage und ein überwiegend katholisches Umfeld waren ausschlaggebend für die Wahl des Veranstaltungsortes. Eine Abweichung von dieser Regel stellte Danzig dar. In der westpreußischen Metropole fand 1891 der Katholikentag statt.

In den ersten Jahrzehnten waren die Katholikentage reine Delegiertenversammlungen. Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts stehen sie allen Interessierten offen. Bis 1932 fanden sie fast jedes Jahr, während der NS-Zeit überhaupt nicht und seit dem Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg jedes zweite Jahr statt. Bis heute wurden 102 Katholikentage veranstaltet. Wie die Kirche insgesamt, haben sich auch diese Versammlungen inhaltlich verändert, doch in den nunmehr 175 Jahren stand stets der Mensch mit seinen Ängsten und Nöten im Vordergrund.

Bereits 1869, anlässlich des 20. Katholikentages in Düsseldorf, brachte Karl Marx sein Missfallen über das politische Engagement der Katholiken zu Papier: Er schrieb: „Die katholischen Hunde kokettieren ... wo es passend erscheint, mit der Arbeiterfrage.“
Mit der Gründung der Zentrumspartei 1870 erhielt der politische Katholizismus eine eigene Partei. Damit hatte sich das große Ziel der Piusvereine, die Rechte der Kirche gegenüber dem Staat zu sichern, erfüllt. Die Katholikentage unterstützten fürderhin die Forderungen des Zentrums, in dem schließlich die Piusvereine aufgingen, und sahen ihr Betätigungsfeld vornehmlich in der Sozial- und Bildungspolitik, boten also ebenfalls ein Gegenangebot zur Sozialdemokratie.

Reger Besuch von Politikern
Wie präsent die Politik auf den Katholikenversammlungen war und ist, zeigt sich daran, dass bereits seit Jahrzehnten prominente aktive oder ehemalige Politiker als Gastredner auftraten oder gar als Präsidenten fungierten. 1922 etwa hielt Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister von Köln und Präsident des Preußischen Staatsrats, als Präsident des Katholikentages in München die Eröffnungs- und Schlussansprache. Der damalige Zentrumspolitiker, dessen Stadt mit dem übrigen linksrheinischen Deutschland damals von französischen Truppen besetzt war, nahm Bezug auf die Tagespolitik und kritisierte den 1920 in Kraft getretenen Versailler Frieden heftig.

In späteren Jahren waren unter anderem Karl Arnold, vormaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Bundesbauminister Paul Lücke und der rheinland-pfälzische Kultusminister Bernhard Vogel Präsidenten des Kirchentages. Ab 1970 war der amtierende Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zugleich Präsident des Katholikentages. Zu den Spitzenpolitikern, die als Gastredner auftraten, zählten in den letzten Jahren Bundeskanzlerin Angela Merkel 2012, Bundestagspräsident Norbert Lammert 2017 oder Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 2018.

Beim 54. Katholikentag 1907 in Würzburg sprach mit Emy Gordon erstmals eine Frau. Auch auf ihre Initiative hin war vier Jahre zuvor in Köln der Katholische Deutsche Frauenbund gegründet worden, der erste katholisch-kirchliche Verein, der von Frauen geleitet wurde. Mit Hedwig Klausener, die im August 1952 den 75. Katholikentag in Berlin eröffnete, stand erstmals eine Frau an der Spitze der Versammlung. Erste Präsidentin des Zentralkomitees war von 1988 bis 1997 die CDU-Politikerin Rita Waschbüsch, seit 2021 steht mit Imre Stetter-Karp erneut eine Frau an der Spitze des kirchlichen Gremiums.

Kritik an der Kirche seit den 60ern
Galten auf den Kirchentagen jahrzehntelang Forderungen nach Verbesserung der kirchlichen Zustände als unangebracht und verpönt, wurde spätestens nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1965 eine Reform der Kirche angemahnt, um sie zukunftsfähig zu machen. Die heutigen Katholikentage stehen unter einem Motto, wie „Suche Frieden“ 2018 oder „leben teilen“ 2022, und werden im Mai oder Juni als fünftägiges Glaubensfest begangen. Längst ist der Katholikentag zu einer Institution geworden. Neben Gottesdiensten, Kundgebungen, Podiumsdiskussionen zu aktuellen Themen wie Frauenordination, Klima, Umgang mit geschlechtlichen Identitäten, Genderfragen, Wokeness oder interkulturellen Begegnungen gehört auch eine „Kirchenmeile“ zum festen Angebot, auf der sich Verbände, Medien, Ordensgemeinschaften, diverse gesellschaftliche Gruppen etc. präsentieren. Kritiker mahnen, bei all dieser „Buntheit“ dürften die Treffen nicht in Beliebigkeit ersticken, auch heute noch sollten angesichts der Tradition der Kirchentage eindeutige und kritische Positionen formuliert werden, sollten die Spiritualität und Theologie im Mittelpunkt stehen, um die zunehmende Entfremdung der Gläubigen von der Kirche aufzuhalten. Welche Folgen die stark politischen Evangelischen Kirchentage mit ihren linken und grünen Positionen haben („Gott ist queer“, 2023) zeigen die schwindenden Teilnehmerzahlen bei den Veranstaltungen und anhaltende Kirchenaustritte.

Seit 1957 wechselt sich der Katholikentag mit dem erstmals 1949 veranstalteten Deutschen Evangelischen Kirchentag ab. Beide Institutionen organisierten in den Jahren 2003, 2010 und 2021 einen Ökumenischen Kirchentag, wobei die letzte dieser Versammlungen in Frankfurt pandemiebedingt digital stattfand. Auch wenn die Teilnehmerzahlen kontinuierlich abnehmen – auf dem Stuttgarter Katholikentag 2022 wurden nur noch rund 26.000 Besucher gezählt –, erhalten die Versammlungen öffentliche Zuwendungen im zweistelligen Millionenbereich von der jeweiligen Stadt, dem jeweiligen Bundesland und der Bundesrepublik Deutschland. Der nächste Deutsche Katholikentag soll Ende Mai, Anfang Juni 2024 in Erfurt unter dem Motto „Zukunft hat der Mensch des Friedens“ stattfinden.


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