30.10.2020

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
 Zählt zu den Sehenswürdigkeiten Oberschlesiens: Die Nickischschachtkolonie fand in der Modelleisenbahn-Landschaft „Kolejkowo“ in Gleiwitz ihren Platz
WagnerZählt zu den Sehenswürdigkeiten Oberschlesiens: Die Nickischschachtkolonie fand in der Modelleisenbahn-Landschaft „Kolejkowo“ in Gleiwitz ihren Platz

Östlich von Oder und Neiße

Vom Ende einer analogen Welt

Kattowitz entwickelt eine ehemalige Kohlengrube zur „Ideen- und Innovationsgrube“

Chris W. Wagner
10.03.2020

In der stillgelegten Gieschegrube [Kopalnia Wieczorek] in Kattowitz wird auf 20 Hektar Land eine Siedlung für Neue Technologie entstehen. Das Projekt wird etwa umgeechnet 240 Millionen Euro kosten. Der Kattowitzer Oberbürgermeister Marcin Krupa hofft, dass sich dort bald Firmen aus der Computerspiele-branche ansiedeln. 

Allein für Büros würden 70 000 Qua-dratmeter zur Verfügung gestellt und Gespräche mit interessierten Partnern habe man ebenfalls geführt, so Krupa. „Hier soll eine Art Kultursphäre mit Restaurants sowie Entspannungs- und Flanierangeboten entstehen". 

Die Gieschegrube war bereits seit der vorletzten Jahrhundertwende ein Experimentierort. Die Führung des Bergbaukonzerns „Georg von Giesches Erben" ließ für dessen Bergarbeiter 1907 die Gartenstadtkolonie Gieschewald [Giszowiec] und ab 1920 auch die Siedlung Nickischschacht [Nikiszowiec] anlegen. Beide Kolonien wurden von den Charlottenburger Architekten Georg und Emil Zillmann entworfen. Während in Gieschewald eine Kolonie von Ein- und Zweifamilienhäusern entstand, wurde im Nickischschacht eine Backsteinsiedlung für 20 bis 30 Familien je Haus gebaut. Das Areal war rund einen Quadratkilometer groß, zu jedem Haus gehörte ein bis zu 1000 Quadratmeter großer Garten. In Nickischschacht wurden für die Grubenarbeiter Schrebergärten angelegt. Beide Kolonien hatten eigene Schulgebäude, Gasthäuser, Läden und eine Kirche. 

In Gieschewald bildete ein kleiner Ring das Zentrum. Auf dem mit Linden bepflanzten Marktplatz standen ein Verwaltungsgebäude, ein Gasthaus, Kaufhäuser und eine Oberförsterei für die umliegenden Wälder. Nördlich vom Marktplatz lebten etwa 300 Bergleute, für die eine Wasch- und Badeanstalt errichtet wurde. Für die Verwaltungsangestellten und Lehrer der Kolonie wurden Wohnhäuser gebaut, die größer und besser ausgestattet waren als die der Bergleute. Die Koloniebewohner waren im Giesche-Bergwerk sowie in den benachbarten Zink- und Bleihütten beschäftigt. Der Ort wurde 1914 an die weit verzweigte Schmalspurbahn des Industriereviers angeschlossen. 

Für die Backsteinsiedlung Nickischschacht mit ihren Tordurchfahrten sind dreigeschössige Mehrfamilienhäuser mit dekorativen Fassaden charakteristisch. Im Zentrum der Nickischschachtkolonie steht die St.-Anna-Kirche, die mit Unterbrechung im Ersten Weltkrieg zwischen 1914 und 1925 im neobarocken Stil erbaut und 1927 in einem deutsch-polnischen Gottesdienst geweiht wurde. 

Wie einst das Sozialprojekt der Gieschegrube Bergleute angelockt hatte, so sollen heute Investoren zur Belebung des Areals gewonnen werden. „200 Jahre lang war das eine Grube. Und es bleibt eine, aber eben eine Ideen- und Innovationsgrube", sagte Polens Präsident Andrzej Duda, der vor der Präsidentschaftswahl auf Stimmenfang nach Kattowitz kam. Die Gieschegrube, die seit 1951 den Namen des in Auschwitz ermordeten Aktivisten der Arbeiterbewegung Józef Wieczorek trägt, wurde 2018 stillgelegt. Nachdem das Bergwerk fast zwei Jahrhunderte lang das Leben der Bergarbeiter bestimmte, soll es nun ein Zuhause für Tüftler und Denker und die Siedlung Nickischschacht Polens „Gaming-Hauptstadt" werden. 

Welche Firmen sich dort ansiedeln werden, steht noch in den Sternen. Bis dato können Nostalgiker und diejenigen, die eine analoge Welt der virtuellen vorziehen, Gefallen an einer Fotoausstellung von Michal Cala finden. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen von dem, was einst die Kraft des oberschlesischen Kohlebeckens ausmachte, sind sowohl künstlerisch wie auch dokumentarisch. Gezeigt werden die Arbeiten des gebürtigen Thorners und Wahl-Kattowitzers in der Galerie der Gartenstadt (Galeria Miasta Ogrodow). Die Präsentation heißt „(Ober)Schlesien 75–92" und zeigt bis zum 19. April Arbeiten aus den besagten Jahren, quasi von der „kommunistischen Blütezeit bis zur Transformation". Cala dokumentiert in seinen Werken Siedlungen, die es nicht mehr gibt, Hütten und Bergwerke, die stillgelegt wurden.



Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!