31.07.2021

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Wolfgang Leonhard

Vom gläubigen Kommunisten zum Kritiker des Systems

Vor 100 Jahren wurde der Autor des Bestsellers „Die Revolution entläßt ihre Kinder“ geboren. Jahrzehntelang war er einer der gefragtesten Experten für die Politik der Sowjetunion

Erik Lommatzsch
15.04.2021

Bekannt geworden ist Wolfgang Leonhard durch sein 1955 erschienenes Buch „Die Revolution entläßt ihre Kinder“, dessen Titel nach wie vor gern als Schlagwort aufgegriffen wird. Leonhard kam 1935 als Jugendlicher in die Sowjetunion, war überzeugter Kommunist und wurde mit anderen Funktionären von den Sowjets 1945 schon kurz vor Kriegsende nach Deutschland gebracht, um in deren Machtbereich von Beginn an entscheidenden Einfluss auszuüben. 1949 brach Leonhard mit dem System.

Von den Erfahrungen dieser Jahre erzählt er anschaulich in dem äußerst erfolgreichen Werk. Leonhard legt Wert darauf „Ereignisse und Erlebnisse so zu schildern, wie ich sie damals gesehen und empfunden, damals gefühlt und gedacht habe. Nur dadurch ... wird dem heutigen, oft jüngeren Leser verständlich, warum nicht wenige von uns damals an diese Ideologie glaubten.“ Zu finden ist hier auch ein Ausspruch von Walter Ulbricht, der von den Sowjets mit der Führung des Aufbaus der politischen Strukturen in deren Besatzungsbereich beauftragt worden war: „Es ist doch ganz klar: Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Die Passage gilt als charakteristisch für das kommunistische Agieren nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes.

Stalinistische Sozialisation

Geboren wurde Leonhard am 16. April 1921 in Wien. Er bekam den Vornamen Wladimir, die Änderung zu Wolfgang erfolgte erst 1945. Seine Mutter, die deutsche Kommunistin Susanne Leonhard, leitete zu dieser Zeit die Presseabteilung der sowjetischen Botschaft in der österreichischen Hauptstadt. Sie war zwar bereits 1919 von Rudolf Leonhard geschieden worden und seit 1921 zumindest nach sowjetischem Recht mit dem Botschafter in Wien und Lenin-Vertrauten Mieczysław Broński verheiratet, dennoch erkannte Leonhard die Vaterschaft an.

Wolfgang beziehungsweise Wladimir Leonhard besuchte unter anderen die Karl-Marx-Schule in Berlin und gehörte seit 1931 zu den Jungen Pionieren, der Jugendorganisation der KPD. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurde der Junge im Herbst 1933 zu seinem Schutz nach Schweden geschickt. 1935 übersiedelte er gemeinsam mit seiner Mutter, der inzwischen in Deutschland die Verhaftung drohte, nach Moskau. Kaum im sogenanten Paradies der Werktätigen angekommen, wurde Leonhards Mutter bereits im Folgejahr verhaftet. Ihr Sohn erhielt lediglich die Auskunft, sie sei „auf einer Kommandierung“. Später erfuhr er, dass sie in ein Lager verbracht worden war. Der Vorwurf lautete „konterrevolutionäre trotzkistische Tätigkeit“. Erst 1948 sollte es Leonhard gelingen, auf ihre Freilassung hinzuwirken.

Flucht über Jugoslawien

Dass selbst Minderjährige verhaftet werden konnten, erlebte er als Zeuge in seinem Moskauer Kinderheim. Die sowjetische Propaganda stellte sich ihm als äußerst anpassungsfähig dar. Nicht nur Leonhard nahm wahr, dass es nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages vom August 1939 plötzlich „keine antifaschistischen Filme und antifaschistischen Bücher“ mehr gab. Dies sei damals „fast als selbstverständlich“ betrachtet worden. „Artikel über imperialistische Weltherrschaftspläne Englands und Frankreichs“ seien nun vermehrt publiziert worden sowie „Auszüge aus Hitler-Reden“.

Leonhard nahm ein Studium am Fremdspracheninstitut in Moskau auf, wurde als Deutscher im September 1941 allerdings nach Kasachstan zwangsumgesiedelt. Später besuchte er die Schule der Kommunistischen Internationale im baschkirischen Kuschnarenkowo. Dort traf er seinen ehemaligen Schulfreund Markus Wolf wieder, und dort erfolgte die Vorbereitung auf die Laufbahn als Funktionär. In dem Kapitel „Meine erste Selbstkritik“ in „Die Revolution entläßt ihre Kinder“ schildert Leonhard die Atmosphäre, in der jedes Wort politisch gewertet wurde – und das war nicht lediglich als Redensart zu verstehen. Anlässlich der völlig überzogenen Auswertung eines Streits unter Studenten wurde er damit konfrontiert, dass genaue Aufzeichnungen kleinster und vor allem unwichtiger Äußerungen vorlagen, die nun interpretiert und gegen ihn verwendet wurden.

Karriere als „Kreml-Astrologe“

Er arbeitete für das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) und gehörte als jüngstes Mitglied zur „Gruppe Ulbricht“. Unter Führung des KPD-Politikers Walter Ulbricht wurden am 30. April 1945 insgesamt zehn entsprechend vorbereitete und ideologisch zuverlässige Deutsche aus ihrem sowjetischen Exil in ihr immer noch umkämpftes Land geflogen, um, wie Ulbricht nach der Ankunft bekanntgab, „die deutschen Selbstverwaltungsorgane in Berlin aufzubauen“. Erste Station war der kleine brandenburgische Ort Bruchmühle, bevor die Gruppe in die deutsche Hauptstadt übersiedeln konnte.

Leonhard konstatierte hier einen Unterschied zwischen den kommunistischen Funktionären, die er bislang kennengelernt hatte und die sich durch „ständiges Wiederholen von Parteiphrasen auszeichneten“, sowie den illegal in der NS-Zeit in Deutschland verbliebenen „aufopferungsvollen und begeisterten Kommunisten“.

Dass die Sowjetunion „selbstlos helfen würde“, ein demokratisches Deutschland aufzubauen, stand für ihn zu dieser Zeit jedoch noch fest. Ulbrichts Diktum, es müsse alles „demokratisch aussehen“, wurde tatsächlich beherzigt. Nach außen hielten sich die Kommunisten bei der Besetzung von Positionen zunächst zurück. Leonhard leistete Pressearbeit und wirkte ab 1947 als Dozent für Geschichte an der Parteihochschule der SED.

Bei ihm brachen sich jedoch „politische Bauchschmerzen“ immer mehr Bahn. Jahrelange persönliche Erlebnisse verstärkten die sich wandelnde, nunmehr kritische Sicht auf die existierenden kommunistischen Systeme und den praktizierten Stalinismus. Sechs Monate vor Gründung der DDR floh er nach Jugoslawien. 1950 kam er in die Bundesrepublik.Er wurde ein gefragter Experte für Angelegenheiten des Ostblocks, vor allem für die Sowjetunion. Die Universität Oxford lud ihn ein und über zwei Jahrzehnte hielt er jeweils mehrere Monate lang Vorlesungen an der US-amerikanischen Eliteuniversität Yale.

Leonhard interessierten vor allem „mögliche zukünftige Wandlungen in den kommunistisch regierten Ländern“, und er „bedauerte“, dass die westlichen „Entspannungsbemühungen nicht selten zu einer Beschönigung der Situation in den Ostblockstaaten führten“. Publizistisch und kommentierend verfolgte er auch den Zusammenbruch der Sowjetunion. Ein Buch von 1994 trägt den Titel „Die Reform entläßt ihre Väter. Der steinige Weg zum modernen Rußland“. Durch eine Vielzahl von Fernsehauftritten war der kenntnisreiche, aber auch nicht ganz uneitle Leonhard in der Öffentlichkeit präsent. In der Eifel, in der er jahrzehntelang ansässig war und seinen Lebensabend verbrachte, starb er am 17. August 2014 nach langer schwerer Krankheit.



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Kommentare

Erik Lundstroem am 21.04.21, 19:28 Uhr

Das ist mal eine Biografie. Herrlich unagepasst und schonungslos ehrlich. Respekt!!!

sitra achra am 21.04.21, 10:54 Uhr

Die Lektüre seines Buches hat einem gutgläubigen 68er Studenten lange vor Solschenizyn die Augen geöffnet. Vielen Dank, Wolfgang Leonhard!

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