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Vom Grauen zur Touristenattraktion

Sühnekreuze für begangene Verbrechen zeigen den Vorübergehenden, wer sich einst in Schlesien gegenüberstand

Chris W. Wagner
09.02.2023

Wenn ich den Waldweg vom Bahnhof im oberschlesischen Kandrzin [Kedzierzn] in die nahegelegene Siedlung Waldfrieden [Żabieniec] einschlage, komme ich an einem Holzkreuz vorbei. Erst seit einigen Jahren steht es dort, gut sichtbar an einer Wegkreuzung. Eine kleine Tafel in Wasserpolnisch, also dem slawischen Dialekt der Oberschlesier, informiert: „Es geschah hier in Waldfrieden im 19. Jahrhundert.“ Wer dieses Kreuz aufstellte, weiß ich nicht, aber es gibt eine Geschichte dazu. An genau dieser Stelle soll Mitte des 19. Jahrhunderts ein Mord passiert sein. Alte Waldfriedner erzählen, dass dort der Leichnam eines ermordeten, reichen Juden gefunden wurde. Es ist also ein „modernes“ Sühnekreuz.

Ein altes steinernes Kreuz aus dem 16. Jahrhundert habe ich zuletzt am Schloss derer von Oppersdorff in Oberglogau [Głogówek] gesehen. Doch dieses hat eine weniger gruselige Aura. Vielleicht, weil es versetzt wurde. Einst soll es an der Einfahrt in die Stadt gestanden haben, bis es 1931 an die Schlossmauer kam. Dennoch hat es eine blutige Geschichte.

Der Ritter Hans von Reiswitz und Kadersin soll am Fest der Apostel Petrus und Paulus im Jahre 1599 auf die Söhne des reichen Bauern Kasimir gestoßen sein. Diese sollen den stolzen Ritter nicht gebührend begrüßt haben, was ihn sehr verärgerte. Es kam zum Gemenge und in dessen Folge zum Tod der Bauernsöhne. Am 15. Dezember 1599 soll der Ritter verurteilt und ihm ein Bußgeld in Höhe von 1000 Taler auferlegt worden sein. Und er musste am Ort des Geschehens ein steinernes Sühnekreuz aufstellen.

Diese Kreuze, die auch Mordkreuze genannt werden, faszinieren alte und neue Bewohner Schlesiens gleichermaßen und werden besonders in Niederschlesien als eine touristische Attraktion begriffen. Etwa 300 Sühnekreuze sind allein dort bekannt. Das 2009 zerstörte und zwei Jahre später sanierte Mordkreuz im wohlklingenden Ort Vogelgesang [Kijowice]bei Bernstadt an der Weide [Bierutów] ist das größte. Es misst 2,4 Meter Höhe und 1,35 Meter Breite und stammt aus dem 14. Jahrhundert. Das aus Granit gehauene Kreuz zeigt den Gekreuzigten Christus und unterhalb einen Betenden. Dieser, ein Conrad, verstarb 1356. Angeblich soll es ein Ritter des Herzogtums Oels [Oleśnica]sein. Der Legende nach soll er von einem reichen Kaufmann getötet worden sein.

Erinnerung an Mord und Totschlag

Vor Kurzem hörte ich im Radio Breslau eine Reportage, die aus Hünern [Psary] bei Ohlau [Oława] berichtete. Im einstigen Gutspark, der als solcher nicht überdauerte, befindet sich ein Mordkreuz aus der Zeit um 1360. An dieser Stelle soll Ritter Gebhard von Kittlitz den damaligen Besitzer von Hünern und Steinau, Bavarus von Strakonitz, ermordet haben. Die Reporterin Joanna Lamparska machte sich auf die Suche nach diesem Kreuz, durchstreifte den verwilderten Park und erzählte dabei die blutige Geschichte. Sie sprach vom Gericht in Brieg [Brzeg], vor dem die Familien der beiden Parteien nach Gerechtigkeit und Versöhnung suchen. Nach mittelalterlichem Brauch muss der Schuldige ein steinernes Kreuz am Ort des Verbrechens aufstellen. „Das Aufstellen der Mordkreuze reicht ins Jahr 1300 zurück“, heißt es im Beitrag. „Das Kreuz wurde auf deutschen Landkarten erst in den 30er Jahren eingezeichnet. Doch damals waren sämtliche Wege der Parkanlage noch gepflegt. Heute sind diese Informationen nicht mehr zu orten, weil alles verwildert ist“, so Lamparska.

Doch die Autorin wurde fündig. Geholfen hat ihr eine alte Frau, die Reisig sammelte. Für Lamparska ist dieses Kreuz ein ganz besonderes, es sei nämlich das drittgrößte Sühnekreuz in der Republik Polen und eines der ältesten europaweit. Auf seiner Rückseite wurde die Tatwaffe eingemeißelt – ein Messer. Lamparska berichtet, dass Kittlitz viel mehr als nur das Kreuz aufstellen musste. Zu seiner Sühne gehörte der Kauf von 1000 Messen für die Seele des Opfers. Desweiteren musste er zum Grab Karls des Großen nach Aachen pilgern. „Als Drittes bekam Kittlitz den Auftrag, einen Gesandten nach Rom zu schicken, der für den Ermordeten dort beten sollte. Damit nicht gemogelt wurde, sollte die Witwe des Ermordeten einen Bestätigungsbrief aus Rom erhalten“, berichtet Lamparska.

Dieses und auch andere Sühnekreuze haben wohl ihre Aufgabe erfüllt, denn sie erinnern an das Geschehene. Und noch mehr geben sie nach langer Zeit Anlass zum Forschen, Erkunden oder Innehalten.


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Kommentare

Kersti Wolnow am 13.02.23, 08:06 Uhr

An den Namen ist erkennbar, wie lange dort Deutsche siedelten. Das Land wurde von den Polen nicht erkämpft, sondern ihnen von 3. geschenkt. Ist das überhaupt noch Völkerrecht? Dieses Unding müßte auf den Tisch, wenn hier wieder normale Verhältnisse einziehen.

sitra achra am 09.02.23, 14:57 Uhr

Auch für die Ermordung der Deutschen nach dem Krieg durch polnische Brigaden in Schlesien müssten unzählige Sühnekreuze errichtet werden. Polen, denkt mal darüber nach!

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