21.02.2024

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Johannisnacht

Vom Kräutersammeln bis zum leuchtenden Licht

Bräuche zur Mittsommernacht in der ostpreußischen Literatur

Bärbel Beutner
23.06.2023

Die junge Agnes Miegel dichtete 1900 die Ballade „Elfkönig“, die Elegie eines jungen Mädchens um eine leidenschaftliche, unerfüllbare Liebe. „Johannisabend im Vollmondschein, / Neunerlei Kräuter sucht ich am Rain“, sagt das lyrische Ich. Um Mitternacht zieht ein Geisterzug an dem jungen Mädchen vorbei, in der Mitte der Elfkönig mit Diamantkrone und blassen Rosen im blonden Haar – und das Mädchen weiß: „Nun ist es um meine Jugend geschehn.“ Alles würde die Liebende diesem Geisterkönig geben, sogar „Meiner Seele ewige Seligkeit“, aber der Elfkönig ist ein Wesen aus einer anderen Welt, ohne Seele und ohne weinen zu können. Er reitet in ein „Mondscheinschloß“, und dem Menschenkind bleiben nur die „bitteren Tränen“.

Hat das junge Mädchen nicht gewusst, dass in der Johannisnacht geheimnisvolle Dinge geschehen? Es ist der 24. Juni, die kürzeste Nacht des Jahres, die Sommersonnenwende, die Mittsommernacht, die schon die Germanen mit vielen Bräuchen feierten. Die katholische Kirche legte den 24. Juni als Tag für Johannes den Täufer fest, angeblich, weil das sein Geburtstag war. Doch es ging wohl mehr darum, die heidnischen Bräuche mit einem christlichen Heiligen zu verbinden. Zu tief waren alte Naturkulte im Volk verwurzelt, das in der Sommer- und Wintersonnenwende das Wirken höherer Mächte sah.

Kräuter, vor oder in der Johannisnacht gepflückt, schützen vor Krankheit; Arnica heißt sogar „Johannisblume“. Beifuß, Eisenkraut und Bilsenkraut gehören dazu. Möglichst neun sollte man zusammentragen. Sie bewahren aber auch vor Blitzschlag und Hexerei, sorgen unter dem Kopfkissen dafür, dass Träume in Erfüllung gehen und lassen sich auch für Zauberriten gebrauchen. Schließlich sind in der Johannisnacht allerhand Dämonen und sogar der Teufel unterwegs.

Am bedeutsamsten ist das Johannisfeuer, ein Brauch, der sich in vielen Gegenden erhalten hat. Der heilige Johannes galt als „leuchtendes Licht“; da könnte eine Verbindung bestehen. Doch dem Feuer werden reinigende Kräfte zugeschrieben, und schon die alten Germanen sollen die Sommersonnenwende mit lodernden Feuern gefeiert haben. Das Feuer vertreibt das Böse, der Rauch soll die Luft von bösen Mächten reinigen und gutes Wetter bewirken. Im Alpenraum werden Holzstöße entzündet, in denen auch Unkraut verbrannt wird. Vor allem aber tanzen junge Paare um das Feuer herum und springen sogar über das Feuer. Das bedeutet baldige Heirat oder, wenn der Sprung misslingt, leider Unheil und Trennung.

In Ostpreußen füllte man in der Tilsiter Gegend ein Fass mit Holz und Strauchwerk und Teer, steckte das Fass auf einen Pfahl und diesen in die Erde und zündete das Fass innen an. Um dieses in der Luft lodernde Feuer wurde getanzt und musiziert. Woanders beschmierte man ein Wagenrad mit Teer, umwickelte es mit trockenen Tannenästen und mit Zweigen der Weißdornhecke und ließ diese Feuerräder rollen. Wie auch immer: Das Johannisfeuer vertreibt böse Geister, ebenso wie das Osterfeuer, das die Wintergeister endgültig vertreiben soll.

Eine Schwester der Strohpuppe bei der russischen „Masleniza“ (Butterwoche) erschien in Ostpreußen zu Johanni, auch eine Strohpuppe, und zwar als Hexe, die verbrannt wurde. Das aber soll nicht auf altpreußische Riten zurückgehen, sondern auf den Hexenglauben im ausgehenden Mittelalter. Heilkundige Frauen waren die „Hagedissen“, die „Waldweisen“, die sich mit Kräutern und Naturmitteln auskannten. Im Werk von Ernst Wiechert (1887–1950) tritt auch im 20. Jahrhundert noch die „Kräuterfrau“ auf, eine feste Größe im ländlichen Leben.

Johannis bei Agnes Miegel ...

Die „Nacht der Wunder“, die Johannisnacht, fand immer wieder Eingang in die ostpreußische Literatur. Agnes Miegel schrieb 1900 die Erzählung „Sonnwendtraum“. Eine junge Malerin ist Feriengast bei einer Bauernfamilie in der Nähe von Tannenberg. Der Vater ist Spezialist für die Schlacht bei Tannenberg am 15. Juli 1410, als der Orden vernichtend geschlagen wurde. Er wäre dabei gewesen, sagt er immer wieder, und fährt am Tag vor Johanni mit der interessierten jungen Dame aus der Stadt die Örtlichkeiten ab und zeigt ihr alles, was sie seiner Ansicht nach von dieser historischen Stätte gesehen haben muss. Am Morgen des 24. Juni berichtet Rikchen, wie sie genannt wird, von einem Traum, in dem sie zahllose Kreuze über dem Schlachtfeld von Tannenberg gesehen hat. Sie hat gleich nach dem Aufwachen ein Bild dazu gemalt.

Die Johannisnacht ist eine Losnacht, Träume werden wahr. Rikchens Traum weist vielleicht darauf hin, dass wieder eine Schlacht bei Tannenberg stattfinden wird. Die Erzählung entsteht 1900; Agnes Miegel soll Vorahnungen gehabt haben. Im August 1914 tobte wieder eine Schlacht bei Tannenberg. Sie endete zwar mit einem Sieg der deutschen Armee über die russische Narew-Armee, aber mit insgesamt 350.000 Gefallenen – wie die zahllosen Kreuze auf Rikchens Bild.

Miegels Ballade „Die Fähre“ (1920) muss auch in der Johannisnacht spielen. Denn es ist eine sehr helle Nacht, als die Krügersfrau von dem Ruf „Hol über!“, geweckt wird. Sie hat den Krug und das Fährrecht „Von Vaters Vater her“ geerbt und nimmt die Pflicht, jeden zu fahren, „Und wär's der Schwarze selber“, sehr ernst. Ihr Knecht aber fürchtet sich, verständlicher Weise, denn unsichtbare Männer und Pferde besteigen die Fähre. Ketten und Sporen klirren. „Da trappelten die Hufe. / Da schnob es warm an ihrem Ohr.“ Eine fremde Stimme spricht die Worte, die das Schicksal Ostpreußens beschreiben, ein Vierteljahrhundert nach der Entstehung dieser Ballade: „Von der Heimat gehen ist die schwerste Last, die Götter und Menschen beugt, Und unstät zu schweifen ist allen verhaßt, die die grüne Ebene gezeugt.“

Die unsichtbaren Reiter gelangen an das andere Ufer und hinterlassen einen fürstlichen Fährlohn: einen Berg von Münzen, „an hundert Stück und mehr“; auf einer Münze ist noch eine Schrift auszumachen und „Ein mächtiges Haupt mit Helm und Kranz“, aber es sind uralte, unbekannte Münzen. Geister aus alter Zeit sind offenbar in dieser Nacht gekommen, um noch einmal „nach meinem lieben Land“ zu sehen. Es muss die Johannisnacht sein, denn zweimal heißt es wie in dem Gedicht „Es war ein Land“: „Aufs Wiesenufer ging der Weg so hell, so still und leer, Und Heuberg ragte an Heuberg aus dem weißen
Nebelmeer.“

In der Ballade „Die Fähre“ gibt es in einer hellen, aber unheimlichen Nacht gespenstische Geschehnisse; in der Erzählung „Sonnwendtraum“ schildert Miegel einen Junimorgen, der alle Sinne anspricht. Vor allem duftet es. „Der schwere, süße Duft der Dolden lag in der warmen Morgenluft, und manchmal trug ein Windstoß ersten Heuduft vom Hügelhang herüber.“ Auf der Veranda des Bauernhauses schwebt ein feiner Kaffeeduft über dem Frühstückstisch. Und Blumen, wohin das Auge blickt: Schwertlilien und eben sich öffnende Rosen, Azaleen und Rosengeranien, Ehrenpreis und gelbrote Kressen, auf der „buntdurchwirkten Decke“ des Tisches ein runder Kornblumenstrauß. Der ostpreußische Sommer entfaltet seine Pracht.

... bei Hermann Sudermann ...

Miegels Dichterkollege Hermann Sudermann (1857–1928) schrieb 1900 das Theaterstück „Johannisfeuer“, das Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts auf dem Gut Vogelreuter in Preußisch-Litauen spielt. Hier werden das Brauchtum, die Bedeutung dieser Nacht im Osten, die Mentalität der Menschen, ihre Sprache und ihre Schicksale festgehalten. Was bleibt, schaffen die Dichter ... Aber auch in seinem Roman „Frau Sorge“ (1887) beschreibt Sudermann eine schicksalhafte Johannisnacht. „Es war Johannisnacht. Der Faulbaum duftete. – In silbernen Schleiern hing der Mondenglanz über der Erde. Im Dorfe gab's großen Jubel. – Teertonnen wurden angezündet, und auf dem Anger tanzten Knechte und Mägde. Weithin lohten die Flammen über die Heide, und die quäkenden Töne der Fiedel zogen melancholisch durch die Nacht.“ Dem jungen Protagonisten Paul Meyerhöfer beschert die Johannisnacht eine lang ersehnte Begegnung mit seiner Angebeteten Elisabeth, doch glücklich sind beide nicht. Elisabeth ist voller Sorge wegen der schweren Krankheit ihrer Mutter und vertraut dies dem Paul an. Pauls junges Leben wurde stets von der „Frau Sorge“ begleitet, und auch jetzt sagt er zu Elisabeth. „Solche Menschen wie wir, die müssen gutwillig auf das Glück verzichten ... Das einzige, was sie können, ist, über dem Glück der andern zu wachen ...“

Die „andern“ dürfen feiern und genießen, auch in der Johannisnacht. „Als er (Paul) auf die helle Heide hinaustrat, bemerkte er, wie zwei Schatten vor ihm herhuschten und in der nebligen Ferne verschwanden ... ,Die ganze Heide scheint lebendig heute', murmelte er, und lächelnd fügte er hinzu: ‚Freilich, es ist ja Johannisnacht!'“

Verzicht wird auch zu einem Leitmotiv in dem Schauspiel „Johannisfeuer“. Zu Johanni findet die Hochzeit der Tochter Trude des Gutsbesitzers Vogelreuter statt. Ihr Bräutigam Georg ist ein Ziehsohn ihres Vaters. Im Hause lebt auch die Pflegetochter Marikke, genannt „Heimchen“, die im Notstandsjahr 1867 als Säugling buchstäblich auf der Straße gefunden wurde. Ihre heruntergekommene litauische Mutter übergab das Kind dem Ehepaar Vogelreuter. Beide, Georg und Marikke, verdanken dem Hause Vogelreuter ihre Existenz, beide sind der Braut Trude innig verbunden – aber dann bricht während der Hochzeitsvorbereitungen zu Johanni Marikkes Leidenschaft zu dem Bräutigam Georg hervor. Etwas Wildes, „Heidnisches“ ergreift die beiden jungen Leute, das sonst durch das Christentum und durch die Konvention zurückgehalten wird. Der Prediger Haffke, ein herzensguter Mensch, der das breiteste Ostpreußisch spricht, hat bei der von ihm verehrten Marikke keine Chance mehr. Der Bräutigam hält beim Abendessen am Johannisabend eine Rede auf die Johannisnacht: „Denn sehn Sie, Herr Pred'ger, ein Funken Heidentum schwält in uns allen. Er hat von alten Germanenzeiten her die Jahrtausende überdauert. Einmal im Jahr, da flammt er hoch auf, und dann heißt er – Johannesfeuer. Einmal im Jahr ist Freinacht ... da streicht über den Forst weg das wilde Heer – da erwachen in unseren Herzen die wilden Wünsche, die das Leben nicht erfüllt hat und – wohlverstanden – nicht erfüllen durfte.“

Beide, Marikke und Georg, setzen dann doch ihre Verbundenheit mit dem Hause ihres Wohltäters über ihre eigenen Wünsche und verzichten.

... und bei Ernst Wiechert

Ernst Wiechert (1887–1950) wählt in seinem Roman „Die Jeromin-Kinder“ die Johannisnacht zur Nacht des neuen Lebens. Der Protagonist Jons Ehrenreich Jeromin, eines Köhlers Sohn, ist nach seinem Medizinstudium als „Armenarzt“ in sein Heimatdorf Sowirog in Masuren zurückgekehrt. In der „Sonnwendnacht“ seines ersten Praxisjahres wird er zu einer komplizierten Geburt gerufen, auf eines der großen Güter „hinter dem See“. „In Sowirog hatten sie ein Feuer auf dem höchsten Ackerrain angezündet.“ Als sich in Sowirog der große Wagen des Gutsherrn mit dem Arzt und seiner Assistentin in Bewegung setzt, geht die kürzeste Nacht des Jahres schon ihrem Ende zu. „Das Sonnwendfeuer brannte immer noch, und die Gestalten davor erschienen wie Schatten vor der roten Glut. Der Nordosthimmel war schon weißlich, von roten Adern durchzogen ... Über dem Moor stand eine weiße Nebelwand ... Die Bekassinen riefen, und aus den reifenden Feldern kam der Ton der Wiesenschnarre, eintönig und von allen Seiten.“

Die junge Gebärende hat ein „abnorm enges Becken“, eine „Operation“, ein Kaiserschnitt ist unvermeidlich, zumal es das erste Kind ist. Der anwesende Kreisarzt hat bereits alle Hoffnung aufgegeben. „Der Doktor stand am Fenster und starrte in das zunehmende Morgenlicht.“ Aber der neue Armenarzt geht „mit Glauben“ an sein Werk. Der Tod steht dabei. „Die Narkose begann. Es war so still im Zimmer wie bei einer Beerdigung.“ Die Gutsmädchen beten, und als das Kind gesund und wohlbehalten geholt wird, schweigen Jons Jeromin und seine Gehilfin „wie eine Grabfigur“. Aber das Leben hat gesiegt, auch für die junge Mutter. Der neue lange Tag ist da. „Das Morgenrot stand wie eine Feuerwand hinter den Wipfeln, und die Luft kam kühl, rein und nach Heu duftend in den Raum.“ „In der Halle (des Gutshauses) und vor der Freitreppe standen viele Menschen.“ Stumm begrüßen sie das Leben. „Das heilige Leben ... Daß man wissen muß, daß alles Leben heilig ist ...“, sagt der Arzt Jons Ehrenreich Jeromin.


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