21.04.2024

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Ostpreussische Geschichte

Von der Steinzeit bis zur frühen Neuzeit

Die bewegte Geschichte der Altertumsgesellschaft Prussia und ihrer zum Teil bis heute verschollenen Exponate

Wolfgang Kaufmann
18.10.2023

Am 19. November 1844 wurde im Zusammenhang mit der 300-Jahr-Feier der Königsberger Albertus-Universität die Altertumsgesellschaft Prussia gegründet. Maßgeblicher Initiator war der Professor für Kunstgeschichte und Ästhetik Ernst August Hagen. Das Ziel des Vereins bestand darin, Zeugnisse der Geschichte Ostpreußens zusammenzutragen und wissenschaftlich aufzubereiten. In diesem Zusammenhang legte die Prussia auch eine eigene Sammlung kulturhistorisch wertvoller Objekte an, welche schnell wuchs und ab dem 30. September 1881 im Prussia-Museum im Nordflügel des Königsberger Schlosses besichtigt werden konnte.

Dem folgte 1904 der Umzug in das alte Bibliotheksgebäude in der Königstraße, bevor es 1923 zur Rückübersiedlung ins Schloss kam. Zwei Jahre später musste die Altertumsgesellschaft ihr Museum wegen der wirtschaftlichen Probleme infolge der Inflation an den Staat beziehungsweise die Provinz Ostpreußen übertragen. Direktor wurde nun Wilhelm Gaerte, der Doyen der ostpreußischen Urgeschichte.Unter seiner Leitung avancierte das Prussia-Museum zu einer der führenden landeskundlichen Einrichtungen Ostdeutschlands und zeigte bald auch noch zahlreiche andere Exponate als nur archäologische Bodenfunde.

Vielgestaltigkeit der Artefakte
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges umfasste die Prussia-Sammlung in den Königsberger Ausstellungssälen und Museums-Depots zwischen 240.000 und 450.000 Objekte – die Quellen nennen hier unterschiedliche Zahlen. Auf jeden Fall deckte sie den gesamten Zeitraum von der Steinzeit bis zur Frühen Neuzeit ab, woraus eine immense Vielgestaltigkeit der Artefakte resultierte. Zu diesen gehörten unter anderem Gebrauchsgegenstände, Keramiken, Textilien, Schmuck, Waffen, Münzen, Siegel und allerlei Kunstwerke aus Stein, Eisen, Bronze, Silber, Gold und Bernstein. Als besonders bemerkenswerte Stücke galten das massive granitene Abbild einer prußischen Gottheit, der legendäre Schlitten des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm aus dem Nordischen Krieg, eine im Schädel des Marschalls des Deutschen Ordens Erasmus von Reitzenstein post mortem gefundene Pfeilspitze, die 1939 ausgegrabene Moorleiche des Mädchens von Dröbnitz sowie Goldschätze aus Gräbern der Wikingerzeit.

Aufgrund der Kriegslage wurde 1943 ein Großteil der Studiensammlung samt Katalogen und Grabungsdokumenten aus den Magazinen in Königsberg nach Carlshof bei Rastenburg verbracht. Von dort aus erfolgte im Dezember 1944 und Januar 1945 der Weitertransport ins Schloss Broock bei Demmin in Vorpommern. Hier lagerten die Bestände unter äußerst prekären Bedingungen, und deswegen stellteder Kaufmann Lothar Diemer sie auf eigene Faust in seinem Warenlager sicher, bevor er die 125 Kisten mit rund 45.000 Einzelobjekten 1949 an das spätere Institut für Vor- und Frühgeschichte beziehungsweise Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin übergab. Mit dem Umzug der Forschungseinrichtung in das ehemalige Preußische Herrenhaus gelangte 1958 auch die Sammlung dorthin. Diese wurde zu DDR-Zeiten weder ausgepackt noch durchgesehen, obwohl sie durch zwei Rohrbrüche erheblichen Schaden genommen hatte. Eine Prüfung, Inventarisierung und Neuordnung erfolgte erst nach der deutschen Teil-Wiedervereinigung und der Übernahme der Sammlung durch das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte. Das zeigte ab 1997 erstmals einzelne Objekte im Langhans-Bau des Schlosses Charlottenburg.

Noch dramatischer gestaltete sich das Schicksal der im Königsberger Schloss ausgestellten Schausammlung, welche die wichtigen und wertvollsten Exponate umfasste. Diese verblieb zunächst vor Ort, wo sie auch die Bombenangriffe vom August 1944 überstand, und wurde erst Anfang 1945 in 34 Kisten verpackt in das Außenfort III auf dem Quednauer Berg an der Straße nach Cranz verbracht. Wegen der Lage an der Front war kein späterer Abtransport nach Westen mehr möglich.

Wiederentdeckung Ende der 60er Jahre
Das zum Festungsring rund um Königsberg gehörende und am 7. April 1945 von der Roten Armee eingenommene Fort stand bis 1999 unter Kontrolle der Streitkräfte Moskaus. Dabei kam es zu wiederholten Plünderungen durch sowjetische Militärangehörige oder Raubgräber. Dennoch konnten russische Archäologen unter Anatolij Walujew nach der Räumung des Forts noch rund 28.000 Gegenstände aus der Prussia-Sammlung sicherstellen, wobei die Ausgräber euphorisch davon sprachen, die „gesunkene Titanic der prußischen Archäologie“ gehoben zu haben. Tatsächlich aber gelten die wertvollsten Stücke aus dem Quednauer Außenlager weiterhin als verschollen.

Ansonsten fanden sich 1967/68 in den Trümmern des Königsberger Schlosses Reste von weiteren Kisten mit Exponaten und Inventarlisten. Ein Teil davon lagert heute im Regionalen Museum für Geschichte und Kunst in Königsberg, wohin auch die Funde von Walujews Arbeitsgruppe gebracht wurden. Parallel dazu besitzt das Museum für Ermland und Masuren in der Burg Allenstein einen kleinen Rest der Prussia-Sammlung, welcher 1944 in Carlshof zurückgelassen werden musste.


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