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Am 18. Mai zu Füßen des elf Meter hohen Kreuzes auf dem Gipfelplateau der Deutschen Kriegsgräberstätte Cassino: Gedenkveranstaltung des Volksbundes zum Jahrestag
Foto: erik lommatzschAm 18. Mai zu Füßen des elf Meter hohen Kreuzes auf dem Gipfelplateau der Deutschen Kriegsgräberstätte Cassino: Gedenkveranstaltung des Volksbundes zum Jahrestag

Kriegsgräberfürsorge

Von einem Ort der Trauer zur Bildungsstätte

Eine Gedenkfeier an der Deutschen Kriegsgräberstätte Cassino aus Anlass des 78. Jahrestags des Endes der Vielvölkerschlacht, bei der eine im Zuge des Projekts „19 für 19“ entstandene neue Dauerausstellung eröffnet wurde

Erik Lommatzsch
11.06.2022

Mit einer Dauer von vier Monaten, vom 17. Januar bis zum 18. Mai 1944, gehört die Schlacht um Monte Cassino zu den längsten des Zweiten Weltkrieges. Das Gebiet um die geschichtsträchtige Benediktinerabtei bildete einen wichtigen Stützpunkt der Gustav-Linie. Auf dieser Linie, die Italien südlich von Rom vom Tyrrhenischen Meer bis zur Adria durchzog, versuchten die Deutschen, verbündet mit Benito Mussolinis Reststaat, der Italienischen Sozialrepublik (RSI), den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten, was zeitweise gelang.

Im Zuge der Kämpfe wurde die Abtei Monte Cassino am 15. Februar 1944 durch die United States Army Air Forces (USAAF) nahezu vollständig zerstört, obwohl die Deutschen das Kloster aufgrund seiner überragenden kulturellen Bedeutung ausdrücklich nicht in ihre Abwehrplanungen einbezogen hatten und es folglich auch nicht besetzt hielten, was den Alliierten bekannt war. Bei dem heute existenten Kloster handelt es sich um einen nach dem Krieg erfolgten Wiederaufbau.

Büste von Julius Schlegel

Am Ende zählte man auf beiden Seiten insgesamt über 75.000 Gefallene. Die Kämpfe um Monte Cassino gelten als „Völkerschlacht des Zweiten Weltkrieges“ oder „Vielvölkerschlacht“. Neben Deutschen, Italienern, US-Amerikanern und Engländern kämpften dort auch Franzosen, Inder, Kanadier, Neuseeländer und Marokkaner, insgesamt über 25 Nationen. Zahlreiche polnische Soldaten waren auf alliierter Seite an der Schlacht beteiligt, die in Polen bis heute eine große symbolische Bedeutung einnimmt.

Aufgrund des im Dezember 1955 zwischen der Bundesrepublik und Italien abgeschlossenen Kriegsgräberabkommens war es dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge möglich, eine Ruhestätte für die deutschen Gefallenen zu errichten. Die Kriegsgräberstätte Cassino befindet sich etwa drei Kilometer nördlich der gleichnamigen Stadt, an einem Hang, dem südlichen Ausläufer des Colle Marino. Fertiggestellt wurde der Friedhof im Mai 1965. Knapp 20.100 Tote sind dort bestattet, die weitaus meisten davon starben bei der Schlacht um Monte Cassino, einige auf anderen italienischen Schlachtfeldern. Cassino ist eine von 832 Kriegsgräberstätten, die der Volksbund in 46 Ländern betreut, und eine von 14 in Italien.

Im Jahr 2019 konnte der Volksbund auf ein 100-jähriges Bestehen zurückblicken. Dies war Anlass, das Projekt „19 für 19“ in Gang zu setzen, das Vorhaben, auf 19 ausgewählten Friedhöfen neue Dauerausstellungen zu initiieren, die das Hauptanliegen des Volksbundes – Erhalt und Pflege der Gräber sowie Information und Betreuung der Angehörigen – begleiten und ergänzen sollen. Eine entsprechende Ausstellung wurde nun für die Deutsche Kriegsgräberstätte Cassino eröffnet. Gewählt wurde dafür der 18. Mai 2022, der 78. Jahrestag des Endes der Schlacht um Monte Cassino. Verbunden war die Übergabe der Präsentation an die Öffentlichkeit mit einer ehrenden Gedenkveranstaltung zu Füßen des elf Meter hohen Kreuzes auf dem Gipfelplateau des Friedhofs. Unter den etwa 200 Teilnehmern waren neben deutschen und italienischen Repräsentanten Vertreter Frankreichs, Großbritanniens und Polens. Eine Reihe von Angehörigen von hier bestatteten Soldaten war aus Deutschland angereist. Detlef Fritzsch vom Bundesdesvorstand des Volkbundes mahnte in seiner Ansprache, dass der Umgang mit der Geschichte auch die aktuelle Politik erheblich beeinflusse.

Dirk Reitz, Landesgeschäftsführer des Volksbundes Sachsen, führte in seiner Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung aus, dass bei dem Projekt „19 für 19“ die Idee im Vordergrund gestanden habe, das Kriegsgrab als zeitgemäßen Lernort zu fassen. Dies sei umso bedeutsamer, als heute, über ein Dreivierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, eine derart große Distanz herrsche, dass „Soldatenfriedhöfe dieser Periode nicht mehr primär Orte der Trauer, sondern Orte des Gedenkens und der Vermittlung historischer Bildung geworden sind“. Gedenken unterscheide sich vom Erinnern dadurch, als es keines biographisch-persönlichen Bezugs zum Geschehen mehr bedürfe, sondern dass es sich um ein bewusstes Auswählen „tradierungs- und vermittlungswürdiger Aspekte des Gewesenen handelt“. Reitz verwies auf die Gefahren „wohlfeiler Gesinnungsethik“, denen derartige Ausstellungen nicht unterliegen dürften, und unterstrich das nach wie vor über allem stehende Leitmotto des Volksbundes: „Versöhnung über den Gräbern“.

Aussagen, die zu denken geben

Die Gestaltung der Ausstellung hatte der Volksbund einer Berliner Agentur überlassen. Die Geschehnisse um die Schlacht um Monte Cassino werden dem Betrachter, nach einer kurzen filmischen Einführung über den Krieg, mittels sechs ausgewählter Biographien nahegebracht – zweier deutscher, eines polnischen und eines US-amerikanischen Soldaten sowie eines Italieners und eines in Deutschland geborenen Juden, der in der britischen Armee kämpfte.

Gezeigt wird dort auch eine Büste von Julius Schlegel, jenes österreichischen Wehrmachts-Oberstleutnants, der aus eigenem Antrieb dafür sorgte, die Kunstschätze aus der Abtei Monte Cassino rechtzeitig in den Vatikan bringen zu lassen, etwa Gemälde von Raffel und Tizian oder zahlreiche Handschriften. Damit wurden sie vor der befürchteten Zerstörung bewahrt. Ebenso sicherte Schlegel die Baupläne, die später die Rekonstruktion des Klosters ermöglichten. In der Ausstellung ist zu erfahren: „Die Hintergründe der Rettungsaktion sind historisch indessen nicht vollends geklärt.“ Offenbar liegen den Ausstellungsmachern neue, dort nicht näher vorgestellte Erkenntnisse entgegen der bisherigen Lesart vor.

Über die Geschichte der Kriegsgräberstätte Cassino heißt es, dass Robert Tischler, von 1926 bis zu seinem Tod 1959 Chefarchitekt des Volksbundes, sich zunächst für die Gestaltung in Form einer Totenburg stark machte, wie er sie beispielsweise am Pordoijoch realisiert hatte. Die Pläne zerschlugen sich, die Ausstellungsmacher lassen den Besucher wissen: „Die Totenburg ist eine Referenz auf einen völkisch inspirierten Baustil. Sie betont die Idee der wehrhaften Volksgemeinschaft, die sich über das Individuum stellt und einen Kontrast zum Einzelgrab bildet.“ Das sind Aussagen, die über das gegenwärtige Selbstverständnis des Volksbundes – immerhin werden hier die eigenen Anlagen auf naiv-ahistorische Weise in Frage gestellt – nachdenken lassen. Da fallen ausliegende, makaber-stilblütige Notizvordrucke – „Cassino: Ihr Weg zum Grab“ – schon gar nicht mehr so recht ins Gewicht.



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Kommentare

Chris Benthe am 15.06.22, 10:13 Uhr

Der kritische Begleitton des Beitrages ist berechtigt. Selbst beim Volksbund ist das "woke" Element mittlerweile längst angekommen. Wer bei anderen begehrten Organisationen keinen Stich machen konnte, versucht sich halt hier, um im Geklingel der "bunten" Gesellschaft mitzutönen. Es sind die gleichen Einflußnehmer, die andernorts zu "umgewidmeten", d.h. umgestürzten Kriegsdenkmälern für Deserteure applaudieren (siehe Bremen). Diejenigen, die aushielten und nicht desertierten, retteten Tausenden Zivilisten im westlichen Hinterland des Ostens das Leben und ermöglichten ihnen erst die Flucht übers Haff und die Nehrung. Ein Kapitel, das heute überhaupt nicht im Fokus steht. Zu Unrecht. Man kann keine Organisation wie den Volksbund führen, indem man das - deutsche - Soldatische in all seinen Facetten ignoriert. Der dem Volksbund immanente Respekt vor dem ehemaligen soldatischen Gegner bleibt immer gewahrt und versteht sich von selbst, das eint alle Soldaten der Welt, die im Kampf stehen oder gestanden haben. Und das reicht völlig aus. Sagt jemand, dessen Onkel in Stalingrad fiel, dessen Gebeine bis heute nicht gefunden wurden. Wir müssen diese üblen Zeiten des Mißbräuchlichen überstehen. Und dann neu beginnen.

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