27.02.2024

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Salzkammergut

Von kaiserlicher Qualität

Zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – Bad Ischl in Österreich wird Kulturhauptstadt Europas 2024

Helga Schnehagen
03.09.2023

Die magischen Zahlen „23 für 24“ auf Plakaten und Fahnen bedeuten, dass sich erstmals in der 37-jährigen Geschichte der Europäischen Kulturhauptstadt im kommenden Jahr 23 Gemeinden zu einer Kulturhauptstadt im ländlich geprägten inneralpinen Raum zusammenschließen. Gemeint ist das Salzkammergut um Bad Ischl, das neben Dorpat (Tartu) in Estland und Bodø in Norwegen 2024 Europäische Kulturhauptstadt ist.

Das Salzkammergut, Traumlandschaft zwischen Höllengebirge, der Dachsteingruppe und dem Toten Gebirge, ist mit seinen 76 Seen, steil ins Wasser fallenden Felswänden, grünen Wäldern und ursprünglichen Alpendörfern derart pittoresk, dass es manchmal schon kitschig wirkt, wäre nur nicht die Natur selber der Schöpfer dieser Inszenierung. Wenn man diese spektakuläre Landschaft 2024 ins Rampenlicht rückt, geht es weniger um deren (Neu-)Entdeckung als um den langfristigen Erhalt von Österreichs tradi­tionsreichster Ferienlandschaft.

Noch merkt der Gast wenig von Fachkräftemangel und Landflucht, unter denen auch Österreich leidet. Das Grand-Café und Restaurant Zauner unter den Kaiserlinden auf der Ischler Esplanade am Ufer der Traun ist und bleibt der beliebteste Treffpunkt vom ganzen Salzkammergut. Wer sich hier einmal niedergelassen hat, wird bestens bedient und möchte nicht mehr aufstehen.

Die ehemalige k. u. k.-Hofzuckerbäckerei besitzt mit – nach eigenen Angaben – rund 250 Tortenspezialitäten und um die 60 verschiedenen Pralinensorten das größte Kuchenbüffet Österreichs. Der Zaunerstollen, die erlesene Spezialität des Hauses und Lieblingsmehlspeise von Kaiser Franz Joseph, wird bis heute in liebevoller Handarbeit gefertigt. Auch das Stammhaus in der Pfarrgasse pflegt in seinem noblen Stadtcafé uneingeschränkt den 200-jährigen „Zaunerluxus“.

In Bad Ischl ist die Zeit stehen geblieben. Man schwelgt in Habsburg-Nostalgie. Ersten Ruhm erlangte Ischl jedoch durch seine Sole. Die beste Reklame für das aufstrebende Kurbad war die Geburt des späteren Kaisers Franz Joseph. Seine Mutter, Erzherzogin Sophie, war sechs Jahre kinderlos geblieben. Die Solebäder und die entspannende Wirkung der Landschaft verhalfen ihr zu drei „Salzprinzen“. Später verliebte und verlobte sich der Älteste, Franz Joseph, in Bad Ischl in die erst 15-jährige bayerische Prinzessin Elisabeth, die als Sisi weltbekannt wurde.

Zur Hochzeit schenkte Erzherzogin Sophie dem Paar eine Villa. Es machte sie zu seiner Sommerresidenz. Bis heute ist die Kaiservilla Familienbesitz und -betrieb. Da lugt Hausherr Markus Emanuel Habsburg-Lothringen schon mal durch den Türspalt seiner Wohnung und erklärt die Waffensammlung seines von der Jagd besessenen Urgroßvaters Franz Joseph, führt Sohn Valentin persönlich durch die musealen Räume und kümmert sich Bruder Maximilian um den Park des 18 Hek­tar großen Anwesens.

Bad Ischl mit seinen 14.000 Einwohnern ist sehr überschaubar. Einst Treffpunkt der Hocharistokratie, des betuchten Bürgertums, der Künstler, poliert sich der Kurort am Zusammenfluss von Traun und Ischl gerade auf. Das Léhar-Theater, einst angesagter Ort der Gesellschaft und zuletzt Kino, ist geschlossen. Ob es 2024 wieder öffnet, ist ungewiss. Auch die Villa des Operettenkomponisten Franz Léhar an der Traun ist Baustelle. Ebenso dauert die Restaurierung der bis 1910 zu einer der größten Orgeln Österreichs erweiterten Kaiser-Jubiläums-Orgel in der katholischen Stadtpfarrkirche St. Nikolaus an.

Gerne gesehene Gäste aus Preußen
Hoforganist Anton Bruckner hatte die Orgel schon anlässlich der Trauung der Kaisertochter Erzherzogin Valerie mit Erzherzog Franz Salvator am 31. Juli 1890 geschichtsträchtig bespielt. 2024 feiert Österreich veranstaltungsreich Bruckners 200. Geburtstag. Zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres soll das Instrument im Rahmen einer Orgelweihe wieder in vollem Volumen erklingen.

Im Hotel zur Post neben der Pfarrkirche logierte einst die Prominenz, darunter König Wilhelm I. von Preußen und Otto von Bismarck. Hinter der repräsentativen Gründerzeitfassade, heute eine beliebte Filmkulisse, verbergen sich jetzt Privaträume. Dauerhaft Spuren hinterließ der Besuch von Fürstin Pauline von Hohenzollern-Hechingen. Der eindrucksvolle Hohenzollern-Wasserfall im Ortsteil Jainzen wurde nach ihr benannt.

Ein Thema im Kulturhauptstadtjahr ist die Behebung von Leerständen, die besonders im Gastro-Gewerbe auffallen. „Hatte Ischls Tourismusschule vor 16 Jahren noch 1400 Schüler, sind es heute 294. Dazu verlassen jedes Jahr 150.000 Gastro-Fachkräfte Österreich“, so Krauli Held, Haubenkoch und Küchenchef am Ischler Siriuskogel. Um den Nachwuchs zu motivieren, hat der Unternehmer das Projekt „Wirtshauslabor“ initiiert.

Schon seit diesem Jahr erarbeiten
18 Schüler der Tourismusschule im Alter von zirka 16 Jahren in völliger Eigenregie alle notwendigen Bausteine für den Neustart des Ischler Bahnhofsrestaurants. 2024 soll der Betrieb ebenfalls in Eigenregie funktionieren. Auch das Handwerkhaus in Bad Goisern setzt zur Nachwuchsförderung auf die Attraktivität der Kreativität. Mit dem Residenz-Programm

„SCALA2024“ gibt es schon im Vorlauf Begegnungen, Kurse, Diskussionen zwischen internationalen Künstlern und Handwerkern, lokalen Betrieben und allen weiteren Interessierten.

Bad Ischl trägt darüber hinaus ein schicksalhaftes Erbe. Nachdem Kaiser Franz Joseph 1914 die Kriegserklärung an Serbien unterschrieben hatte, erhob er sich von seinem Schreibtisch in der Kaiservilla und kehrte nie wieder nach Ischl zurück. Die Habsburger-Monarchie steuerte auf ihr Ende zu.

Eine Ära, die im allgemeinen Bewusstsein romantisierend glorifiziert wird. Das vielversprechende Projekt „k(ritisch) u(nd) k(ontrovers)“ will sich dagegen umfassend mit der k. u. k.-Zeit auseinandersetzen, auch mit deren dunklen Kapiteln. In einem Pilotprojekt werden dabei erstmalig auf Info-Stelen im Kurpark von Bad Ischl bis dato unveröffentlichte historische Schlüsseldokumente in Bild und Ton präsentiert und kommentiert. Einen leichteren Zugang zu dem Thema bieten Illustrationen im Comic-Stil.

Begleitend sind von Mai bis November 2024 Vorträge und Diskussionen mit namhaften europäischen Historikern und Wissenschaftlern geplant.

Hotel- und Restaurant-Empfehlung:
Goldenes Schiff, Adalbert-Stifter-Kai 3,
und Hubertushof, Götzstraße 1, 4820 Bad Ischl. www.badischl.at
www. salzkammergut-2024.at


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