27.02.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Östlich von Oder und Neiße

Von kaschubischen Wäschetruhen bis zu deutschen Postkarten

Die „Erbetage“ in der Republik Polen eröffnen deutscher Regionalgeschichte neue Chancen

Chris W. Wagner
16.09.2023

Was in der Bundesrepublik der „Tag des offenen Denkmals“ ist, wird in der Repu-blik Polen am zweiten und dritten Wochenende im September, und dieses Jahr gleich an allen Septemberwochenenden, als Europäische Tage des Erbes (Europejskie Dni Dziedzictwa, EDD) gefeiert. Der Grund für diese Ausdehnung ist das 20. Jubiläum der Einführung der EDD 1993.

Manche kleineren Orte verbinden die Erbetage mit Erntedankfeiern, größere bieten mehrtägige Festivitäten, Vortragsreihen, Objektführungen oder Ausstellungen an. Auf der Internetseite www.edd.nid.pl sind die Veranstaltungen, die 2023 betont Folkloreelementen nachgehen, nach Woiwodschaften geordnet auch in englischer Sprache aufgelistet.

Blumenmotive der kaschubischen Volkskunst können zum Beispiel in Petersdorf [Piotrowo] in der Gemeinde Arnsdorf [Lubomino] in einer Ausstellung bewundert werden. In Neustadt [Wejcherowo] in Westpreußen werden handbemalte kaschubische Wäschetruhen gezeigt. Kräuter und Blumen der regionalen Kulinarik sind am 16. September in Nawra bei Culmsee [Chełmża] Thema eines Volksfestes. Ähnliche Veranstaltungen gibt es vielfach auch in Hinterpommern oder in Masuren.

Der „Heimatmaler des Riesengebirges“ Erich Fuchs (1890–1983) ist Thema in Agnetendorf [Jagniątkowo] bei Hirschberg [Jelenia Góra]. Das dortige Gerhart-Hauptmann-Haus „Wiesenstein“, das der Nobelpreisträger 1901 als Wohnsitz bauen ließ und das seit 2001 ein Museum ist, zeigt Fuchs' Graphiken. Der Magdeburger kam Anfang des 20. Jahrhunderts als „Wandernder Maler“ nach Schömberg [Chełmsko Śląskie], eine alte Weberstadt im Grüssauer Land. Er malte Menschen bei der Arbeit, Städtchen und Landschaften und wurde so zum Maler des Riesengebirges. Die Präsentation im Haus Wiesenstein zeigt die Volkskultur, schlesische Glashütten, das Riesengebirgsbaudenleben und das schlesische Spinn- und Webhandwerk. Letzteres überdauerte in Langenbielau [Bielawa] im Eulengebirge bis heute. Das Erbe der Langenbielauer Weber und der stetige Niedergang der Textilindustrie werden in einer Ausstellung gezeigt.

Auch die oberschlesische Woiwodschaft Oppeln nimmt sich mit der Ausstellung „Webereihandwerk – Wiedergeburt einer Tradition“ im Kulturzentrum Groß Strehlitz [Strzelce Opolskie] der Webereitradition an. Unter der Aufsicht Schironowitzer [Sieronowice] Landfrauen können Besucher dieses Handwerk am Webstuhl erproben.

An Webstühle, Klöppel- und Nähmaschinen wird auch in Greiffenberg [Gryfów Śląski] am Quais, dem historischen Grenzfluss zwischen Schlesien und der Lausitz, geladen. Dort wurde einst Leinendamast produziert. Besucher können die Techniken der Leinenverarbeitung kennenlernen. Daneben werden Stadtführungen angeboten, etwa in die St.-Hedwig-Kirche. Besonders interessant ist die Schaffgotsch-Kapelle, denn letztlich trat die Magnatenfamilie von hier aus ihren Siegeszug an.

Greiffenberg wurde im 15. Jahrhundert durch eine Reihe von Katastrophen erschüttert. Stürme, Brände, Überschwemmungen und Seuchen rafften die Einwohner bis auf ein Dutzend dahin. Hinzu kamen die von 1427 bis 1431 andauernden Hussitenkriege. Alldem zum Trotz errichteten die Greiffenberger 1512 ihre Kirche. Im 16 Jahrhundert entstand ein einzigartiges Epitaph derer von Schaffgotsch, das an eine Familientragödie dieses Adelsgeschlechts erinnert. 1584 bis 1589 verstarben Hans Schaffgotsch und seine Gattin Magdalena von Zedlitz, wenig später ihr Sohn Hans Ulrich, die Tochter Magdalena und 1601 deren Mann Christoph. Ein in Sandstein gehauenes Porträt-Ensemble der Verstorbenen in Originalgröße erinnert an diesen Verlust.

Auf dem Veranstaltungsprogramm der Erbetage stehen auch in diesem Jahr zahlreiche Geschichtsspaziergänge. „Heimaths-Grüße“ aus Ottmachau [Otmuchów] ist das Motto eines Spaziergangs auf den Spuren der Stadt von 1901 am 17. September. Als Vorlage dient den Veranstaltern ein Postkartenalbum, das 1901 als Geschenk eines Sohnes zum 70. Geburtstags seines Vaters entstand.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS