22.06.2024

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Rudolf Nadolny

Von Lötzen und Rastenburg in die Welt

Vor 150 Jahren kam der deutsche Diplomat in Groß Stürlack zur Welt – Vor 70 Jahren endete sein Leben

Wolfgang Reith
08.07.2023

Geboren wurde Rudolf Nadolny am 12. Juli 1873 in Groß Stürlack – auf halbem Wege zwischen Lötzen und Rastenburg – als Sohn einer uralten ostpreußischen Familie, die erstmals 1391 in Schöndamerau, Kreis Ortelsburg, Erwähnung fand. Sein Vater war der Gutsbesitzer Heinrich Nadolny, seine Mutter Agnes eine geborene Trincker, deren Vorfahren sich Mitte des 18. Jahrhunderts als Salzburger Exulanten in Ostpreußen angesiedelt hatten. Großvater Friedrich Trincker (1815–1887) war ab 1851 Kantor der Kirchengemeinde und Rektor der Volksschule in Groß Stürlack. Die Familie Nadolny bewirtschaftete über einen langen Zeitraum hinweg ein Gut in Jesziorken (1928–1945 Preußenburg) im Kreis Lötzen, doch Heinrich Nadolny übersiedelte als landwirtschaftlicher Berater nach Groß Stürlack, wo Sohn Rudolf zur Welt kam und auch zur Volksschule ging, die ja sein Großvater mütterlicherseits leitete.

1882 wechselte Rudolf auf das Progymnasium in Lötzen. Nachdem der Vater für kurze Zeit in Wosnitzen (1938–1945 Julienhöfen) im Kreis Sensburg tätig gewesen war, erwarb er schließlich das Gut Kamionken (1928–1945 Steintal) im Kreis Lötzen, an das sich später der Sohn besonders gerne erinnerte.

Während seiner Schulzeit in Lötzen wohnte Rudolf dort in einer kleinen Mietwohnung, die er sich mit seinen fünf Brüdern teilte, welche ebenfalls nach und nach das Gymnasium besuchten, während ihre Schwester Lieschen den Haushalt führte. 1890 wechselte Rudolf auf das Königliche Gymnasium in Rastenburg (seit 1896 Königliches Herzog-Albrechts-Gymnasium), wo er zwei Jahre später sein Abitur ablegte. Da auch seine Brüder mit nach Rastenburg umzogen, wurde der gesamte Haushalt dorthin verlegt.

Schulzeit und Jurastudium
Von 1892 an diente Rudolf Nadolny als Einjährig-Freiwilliger beim Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm I.
(2. Ostpr.) Nr. 3 in Königsberg, anschließend nahm er ein Jurastudium an der dortigen Universität auf, das er 1896 mit dem Referendarexamen abschloss. Es folgte eine praktische Ausbildung zunächst am Amtsgericht in Rhein, die er nach neun Monaten am Landgericht in Königsberg fortsetzte, wo er 1901 sein Assessorexamen bestand und noch für einige Monate als Richter blieb.

Inzwischen hatte er nämlich im Seebad Neukuhren eine russische Familie kennengelernt, die ihn nach St. Petersburg einlud. Bei diesem Aufenthalt entstand der Gedanke, in den diplomatischen Dienst zu treten, wofür er Französisch, Englisch und Russisch lernte. So bewarb er sich denn beim Auswärtigen Amt in Berlin, in das er 1902 tatsächlich berufen wurde. Ein Jahr später erfolgte bereits die Versetzung als Vizekonsul ans Deutsche Generalkonsulat in St. Petersburg.

1907 kehrte Nadolny ins Auswärtige Amt nach Berlin zurück, wo er als Legationsrat mit handelspolitischen Aufgaben betraut war. Zwischenzeitlich hatte er 1905 Änny Matthiessen (1882–1977), Tochter eines Berliner Kaufmanns, geheiratet, mit der er drei Kinder hatte: Sohn Burkhard (1905–1968), der später Schriftsteller wurde und 1941 die Schriftstellerin Isabella Peltzer (1917–2004) heiratete, sowie die Töchter Ursula und Anorte. Gemeinsamer Sohn des Schriftstellerehepaares ist der 1942 in Zehdenick (Brandenburg) geborene Sten Nadolny, der sich ebenfalls einen Namen als Schriftsteller erwarb, vor allem mit seinem Bestseller „Die Entdeckung der Langsamkeit“.

Nachdem sich Rudolf Nadolny um einen selbstständigen Posten im Ausland beworben hatte, musste er 1912 zunächst in einem Flaggenstreit zwischen Persern, Kurden, Russen und Deutschen vermitteln, als die Russen Aserbaidschan besetzt hatten. Anschließend wurde er von Täbris aus nach Teheran beordert. Zurück in Berlin, erhielt er den Auftrag, das Deutsche Konsulat in Bosnien-Herzegowina zu übernehmen. Von dort aus ging es dann bald weiter nach Albanien, das am Ende des Ersten Balkankrieges seine Unabhängigkeit erlangt hatte. Dem neuen Regenten, Fürst Wilhelm zu Wied, stattete Nadolny 1914 gerade noch seinen Antrittsbesuch ab, bevor der Erste Weltkrieg ausbrach und er nach Berlin zurückkehrte.

Da er Reserveoffizier war, stellte er sich der Armee zur Verfügung und wurde anfänglich als Adjutant des Garde-Grenadier-Regiments Nr. 5 eingesetzt. Im Herbst 1914 kam er in die Nachrichtenabteilung des Stellvertretenden Generalstabes, ehe er im Frühjahr 1915 die neu geschaffene Sektion für Politik des Generalstabes des Feldheeres übernahm.

Als Diplomat im Ersten Weltkrieg
Im Juli 1916 wechselte Nadolny wieder in den diplomatischen Dienst und wurde nach Persien geschickt, wo er als Geschäftsträger die Deutsche Gesandtschaft in Kermānschāh leitete. Als man diese jedoch wegen des ungünstigen Kriegsverlaufes für die Mittelmächte im März 1917 auflöste, begab sich Nadolny auf die Rückreise nach Berlin, wo er Referent für Ostpolitik im Auswärtigen Amt wurde. In dieser Funktion war er als Angehöriger der deutschen Verhandlungsdelegation maßgeblich beteiligt am Zustandekommen des Friedensvertrages von Brest-Litowsk (1918) mit den in Russland an die Macht gelangten Bolschewisten.

Nachdem Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten gewählt worden war, ernannte er Rudolf Nadolny im März 1919 im Rang eines Gesandten zum ersten Chef seines Büros. Angeblich soll Nadolny das Staatsoberhaupt dazu bewogen haben, das Deutschlandlied zur Nationalhymne zu erklären. Gleiches wird allerdings auch dem stellvertretenden Büroleiter Otto Meissner zugeschrieben, der 1920 Nadolnys Posten übernahm und diesen auch unter Hindenburg, Hitler und Dönitz bis 1945 (seit 1934 als Chef der Präsidialkanzlei) beibehielt. Nadolny kehrte hingegen wieder in seinen eigentlichen Beruf als Diplomat zurück, als er im Januar 1920 zum Gesandten in Stockholm ernannt wurde. Am 11. Juli jenes Jahres fuhr er zusammen mit seiner Ehefrau in seinen Geburtsort, um an der Volksabstimmung im südlichen Ostpreußen teilzunehmen, wobei in Groß Stürlack 700 Stimmen für den Verbleib bei Deutschland abgegeben wurden, keine einzige Stimme hingegen für den Anschluss an Polen.

Zur Volksabstimmung nach Ostpreußen
1924 wechselte Nadolny als Botschafter in die neue türkische Hauptstadt Ankara, wo er bis 1933 blieb. In den Jahren 1932/33 leitete er zudem die deutsche Delegation bei der Abrüstungskonferenz in Genf, wozu ihn Reichskanzler Brüning 1931 vorgeschlagen hatte. Als Reichskanzler Hitler dann im Oktober 1933 den Austritt des Deutschen Reiches aus dem Völkerbund und damit auch aus der Abrüstungskonferenz erklärte, hatte sich Nadolnys Mission in Genf erledigt, und er trat seinen Posten als Deutscher Botschafter in der Sowjetunion an, wozu er am 31. August 1933 ernannt worden war. Damit erfüllte sich eigentlich sein Lebenstraum, zumal er ja fließend Russisch sprach und das Land seit 30 Jahren kannte. Doch es sollte schon bald anders kommen: Da er die sowjetfeindliche NS-Außenpolitik mehrfach kritisierte und darüber sogar mit Hitler in ein Streitgespräch geriet, weil dieser jegliche Vermittlungsversuche ablehnte, wurde Nadolny nach nur acht Monaten im Frühjahr 1934 auf eigenen Wunsch von seinem Posten in Moskau entbunden und zur Disposition gestellt.

Noch im Jahr seiner Entlassung aus dem Dienst kaufte er sich das Rittergut Briesen bei Gerswalde im Kreis Templin (Uckermark), das er zunächst mit einigen wenigen Mitarbeitern bewirtschaftete, die sich jedoch schon bald als untauglich erwiesen, so dass er die Arbeit weitgehend allein bewerkstelligte. Anfänglich hielt er nebenbei noch Vorträge, doch wenig später wurde er aus Berlin aufgefordert, sich in der Öffentlichkeit jeglicher politischer Äußerungen zu enthalten. Bei Beginn des Zweiten Weltkrieges stellte sich Rudolf Nadolny, obwohl bereits 66 Jahre alt, dem Militär zur Verfügung und bekam eine Anstellung als Major im Oberkommando der Wehrmacht. Hier galt sein Bestreben vor allem der Vermeidung eines Krieges mit der Sowjetunion.

Gegen Krieg mit der Sowjetunion
Als dieser dann 1941 trotzdem ausbrach, quittierte der Botschafter a. D. konsequenterweise sofort den Dienst. Anschließend verkaufte er das Rittergut Briesen und pachtete stattdessen das Obstgut Katharinenhof bei Gransee im Kreis Ruppin, wo er das Kriegsende erlebte. Dank seiner russischen Sprachkenntnisse gelang ihm in Verhandlungen mit sowjetischen Offizieren die kampflose Übergabe der Stadt an die Rote Armee.

Gleichwohl wurde er kurzzeitig inhaftiert, aber aufgrund eines Schreibens des sowjetischen Außenministers Molotow, den er von 1933 her noch kannte (damals in dessen Eigenschaft als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare), schon bald wieder freigelassen und ins Hauptquartier der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland nach Berlin-Karlshorst eingeladen, wo ihn der Leiter der Propaganda- und Informationsabteilung, Oberst Sergej Tjulpanow, aufforderte, sich als Vorsitzender der Gesellschaft zum Studium der Sowjetkultur zur Verfügung zu stellen.

Dies lehnte Nadolny ab mit dem Hinweis, dass er gerade erst am 19. Juni 1945 den Vorsitz des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) übernommen hatte, welches er reorganisieren sollte. Allerdings war diese Amtszeit nur von kurzer Dauer, denn im September des Jahres wurde das DRK in der Sowjetischen Besatzungszone aufgelöst, weshalb Nadolny im Monat darauf den Vorsitz niederlegte.

Einsatz für die deutsche Einheit
Im Winter 1948/49 siedelte er zu seinen Kindern nach Westdeutschland über und ließ sich in Rhöndorf nieder, wo er eine Villa gegenüber dem Wohnsitz von Konrad Adenauer bezog, mit dessen Politik der Westannäherung er sich jedoch nicht anfreunden konnte, da sich Nadolny vehement für den Erhalt eines gesamtdeutschen Staates einsetzte, wobei er in Andreas Hermes, der im Juli 1945 die CDU in der Sowjetischen Besatzungszone mitbegründet hatte und deren erster Vorsitzender er wurde, einen Mitstreiter fand.

Hermes, der schon in den Jahren 1920 bis 1923 Reichsminister gewesen war, hatte bereits Ende 1945 die Sowjetische Besatzungszone verlassen, weil er die dort praktizierte Enteignungspolitik nicht mittragen wollte, und sich in Bad Godesberg niedergelassen, wo er 1949 den „Godesberger Kreis“ gründete, der für die deutsche Einheit und die Verbesserung der Beziehungen zu Osteuropa eintrat und in dem auch Nadolny mitarbeitete.

In gleicher Weise wirkte die 1949 nach der Gründung der beiden deutschen Staaten durch Nadolny ins Leben gerufene „Gesellschaft für die Wiedervereinigung Deutschlands“. Doch alle Ambitionen scheiterten an der Außenpolitik Adenauers, der allein auf die Integration der Bundesrepublik Deutschland in die westlichen Bündnissysteme setzte.

Am 18. Mai 1953 starb Rudolf Nadolny kurz vor Vollendung seines 80. Lebensjahres in Düsseldorf, wohin er wenige Monate vorher umgezogen war. In seinen Memoiren, die zwei Jahre nach seinem Tod erschienen, hatte er am Schluss geschrieben: „Mochte nun auch eine auf einen kleinen Kreis beschränkte Gesellschaft scheitern, die Wiedervereinigung ist inzwischen eine Sache des gesamten deutschen Volkes geworden. Sie wird sich mit geschichtlicher Notwendigkeit durchsetzen, und keine Macht der Welt wird stark genug sein, sie auf die Dauer zu verhindern.“

Dieser sein innigster Wunsch ging 1990 endlich in Erfüllung, wenn auch nicht in den Grenzen von 1937, wie er sich das aufgrund seiner ostpreußischen Heimat sicherlich vorgestellt hätte. Zu seinem 100. Geburtstag 1973 hatte das Auswärtige Amt in Bonn eine Gedenkfeier für den einstigen Diplomaten veranstaltet, in deren Rahmen man ihn mit den Worten würdigte: „Rudolf Nadolny war eine der großen, markanten Persönlichkeiten unseres Dienstes. Er hat in der Außenpolitik seiner Zeit eine deutliche Spur hinterlassen ... Er bleibt uns ein Vorbild für den Mut, mit dem er für seine Überzeugung gearbeitet hat.“


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Kommentare

Kersti Wolnow am 10.07.23, 11:47 Uhr

Herr Reith, wissen sie es nicht besser oder schreiben Sie wie Guido Knopp absichtlich nur die halbe oder ganz die (Un) Wahrheit?
Der Völkerbund war eine Lügengesellschaft wie heute die UNO, er hat keinen Konflikt beigelegt, wozu er eigentlich gegründet wurde.
Wenn der Diplomat Nadolny so gut Russisch sprach, mußte er sowjetische Zeitungen gelesen und von den Truppenaufstellungen an der deutschen Grenze gewußt haben.
Kennt der Autor nicht die Vermittlungsversuche Hitlers, die von Molotow regelmäßig abgeschmettert wurde? Ist ihm die unrühmliche Rolle bei den Spielchen von Molotow nicht bekannt oder lügt er bewußt?
Kennt er nicht die Geheimabsprache Molotows mit mit den Militärmissionen Großbritanniens und Frankreichs 1939?
Ich habe meinen Ruhestand zum Bücherlesen genutzt und kenne die Geschichte ein wenig!!!

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