30.10.2020

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1945: Chaotische Zustände in den Häfen
Archiv1945: Chaotische Zustände in den Häfen

Erinnerungen

Vor 75 Jahren im Raum Stettin

Originalaufzeichnungen des Arztes Dr. Hermann Manzke – Weiter nach Westen – 3. und letzter Teil

Brigitte Klesczewski
04.04.2020

Bei Greifenhagen und bei den Übergängen der Autobahn finden Kämpfe statt. In den letzten Tagen gelingt es den Russen aber, bei Kolbitzow einen Brückenkopf zu halten und bis Tantow zu erweitern. Die Lage wird ernster. Ich habe wie auch die anderen Offiziere meinen Koffer beim Tross abgegeben.

Am 23.04. werden Schutzimpfungen gegen Pocken und Typhus vorgenommen. Es erscheinen alle aus meiner Kompanie, keiner drückt sich. Man weiß nicht, was uns noch bevorsteht.

24.04. Heute bin ich mit Feldwebel Hinz über die Oder mit dem Kahn gefahren, um die Impfung im Forsthaus vorzunehmen. Die politische Lage wird immer ernster, die militärische Lage in Ost und West ist eine Katastrophe.

Am 25. 04. geht es wieder über die Oder, um die letzte Kompanie zu impfen. Als ich dort ankomme, ist alles in Aufregung. Uns wird mitgeteilt, dass wir sofort umkehren sollen, denn Stettin soll geräumt werden. Stettin wird „Offene Stadt". Die Kompanien erhalten den Befehl, bis 18.00 Uhr die Inseln zu räumen. Am Nachmittag werden die Werke an der Oder bis hoch nach Pölitz gesprengt. Die gesamte Industrie, an deren Aufbau Generationen gearbeitet haben, ist in wenigen Stunden ein Raub der Flammen. Um 21.00 Uhr besteige ich mit Hauptmann Amann zum letzten Mal den Bismarckturm. Er bleibt zwar stehen, aber der Ausblick, der sich bietet, ist unvergesslich. Großfeuer reiht sich an Großfeuer. Der Altdammer Kirchturm ist im Mondschein als Silhouette zu erkennen. Wann werden wir die Heimat wiedersehen?

Wir vom Stab marschieren als Letzte um 23.00 Uhr ab. Der 1. Sammelpunkt für das Bataillon ist Vogelsang. In Vogelsang kommen russische Bomber über die Straße und werfen Bomben ab. Ein Soldat wird schwer verletzt. Während ich ihn im Chausseegraben verbinde, kommen Tiefflieger und beschießen uns.

Nach dieser Nacht geht der Marsch weiter auf Sandwegen nach Polchow, Glambecksee und Völschendorf. Dort liegt der Regimentsstab. Bis 05 Uhr bleibe ich dort. Der Verwundete ist bis hierher geschafft worden.

26.04. Ich besorge ein Pferdefuhrwerk, auf das der Verwundete gelegt wird. Unser Tagesziel für heute ist Boeck. Ich marschiere mit Hauptmann Amann und Oberleutnant Stelter. Es geht in Richtung Daber. Am Straßenrand liegen tote Pferde und umgeworfene Wagen, auch tote Soldaten sehen wir. Hinter Daber ist der Weg durch Panzersperren behindert. Unzählige Fahrzeuge liegen hier fest. Der Weg ist verstopft. Männer und Pferde müssen das Letzte hergeben, um die Wagen und Geschütze auf dem Sandweg vorwärts zu bringen. Von unserem Bataillon wird Leutnant Moebius mit seiner Kompanie als Nachhut zurückgelassen. Fahrzeuge bleiben liegen. An der Chaussee, in einem der ersten Häuser von Boeck, mache ich meinen Verbandsplatz auf. Meine Sanitäter finden sich hier ein. Neue Verwundete kommen hinzu. Feindliche Bomber fliegen dicht über die Dächer. Kein deutsches Flugzeug ist zu sehen oder zu hören. Stabsarzt Bräuer kommt zu mir. Er ist am Ende seiner Kraft. Mit Hilfe einer Tasse Bohnenkaffee erholt er sich langsam. Der Schwerverwundete, den ich transportieren ließ, stöhnt. Da sein Verband stark durchblutet ist, muss ich etwas tun, um sein Leben zu retten. Ich entschließe mich zu einer Operation, da eine innere Blutung besteht. Es gelingt mir, die Blutung mit Hilfe meiner Sanitäter abzubinden, die Wunde zu vernähen. Um uns schlagen die Granaten ein. An diese Operation werde ich mein Leben lang denken. Ich hoffe, dass ich diesen Verwundeten retten konnte. Er wird auf ein stehengebliebenes Lieferauto gelegt, das an ein Pferdefuhrwerk gehängt wird.

Es muss weiter zurückgehen, heraus aus dem Beschuss. Wir ziehen uns ins Dorf zurück. Viele Verwundete suchen uns auf. Als kleine Erfrischung finden wir in einem Keller eingeweckte Kirschen und Blaubeeren. Jeder Verwundete bekommt eine kleine Portion. Wir bleiben solange, bis sich die Kompanie vom Feind gelöst hat. Wir haben schwere Verluste. Unsere Artillerie schoss zu kurz. Die Russen werden auf Lastwagen bis in die vorderste Linie gebracht, unsere Soldaten dagegen müssen laufen, haben keine Ruhepausen und wenig Zeit zum Essen. Am Abend geht es weiter nach Blankensee. Hier werden unsere Artilleriestände in die Luft gesprengt. Wir müssen sehen, dass wir bis Rothenklempenow kommen. Dort soll es dann eine Ruhepause geben. Die Verpflegung kommt nicht nach. Nicht schwach werden. Wer schwach wird, ist verloren. Es gibt keine Ruhepause, weiter geht es über Dämme, durch Wälder in Richtung Stallberg. Alle Dörfer sind fast leer. Das Vieh ist auf der Straße oder an der Kette geblieben. Um Mitternacht sind wir in Damm.

27.04. Wir befinden uns in der Ueckermünder Heide. Auf einer Koppel an einem See sind hunderte von Kühen bei Uhlenkrug zusammengetrieben worden. Dort steht auch ein Lastwagen voll mit Konservendosen beladen. Wir nehmen einige mit. Am Morgen kommen wir in Stallberg an. Überall werden wir bei den Bauern als lästig empfunden. Obwohl auf den Höfen die Milch steht, erhalten wir Wasser zum Trinken widerwillig gereicht. Weiße Fahne hängen aus den Häusern. Es war schon ein wildes Flüchten vor uns. Und der Führer erlässt Tagesbefehle an die Soldaten an der Ostfront: „Berlin bleibt deutsch und Wien wird wieder deutsch. Wenn wir die Russen geschlagen haben, geht es an die Westfront." Wie und womit sollen wir den Feind schlagen? Wir laufen uns die Füße wund. Was wir in 12 Stunden Marsch schaffen, erreicht der Russe auf Lastkraftwagen in einer Stunde.

Wir beziehen ein Gehöft als Bataillonsgefechtstand im Wald. Anderthalb Kilometer von uns entfernt liegt in einem anderen Gehöft der Regimentsgefechtsstand mit Major Klos. Endlich können wir uns etwas erholen. Ich ziehe meine Stiefel aus, die anderen auch. Dann öffne ich ihnen die Blasen an den Füßen. Wir laufen in Holzpantoffeln herum. Das Gehöft ist vom Besitzer verlassen worden. Wir heizen die Öfen und kochen uns Eier. Plötzlich geht die Schießerei wieder los. Die Fernverbindung ist noch intakt. Major Klos teilt uns mit, dass er eingeschlossen sei. Er befiehlt, dass die Kompanie in Stellung bleiben und keinen Versuch zur Rettung unternehmen soll. Wir sehen die Russen über das Feld laufen. Ein Stoßtrupp käme nicht mehr durch. Plötzlich ist die Fernsprechleitung unterbrochen. Ob sich der Kommandeur noch retten konnte, ist ungewiss. Wir verlassen das Gehöft und lagern in 200 m Entfernung im Wald. Nach einer Stunde ist unser Gehöft von Russen besetzt. Das Bataillon zieht sich weiter in den Wald zurück. Wir sind von allen Seiten eingeschlossen. Die Kochgeschirre werden liegengelassen, damit sie uns durch ihr Geklapper nicht verraten. Um 22.00 Uhr schleichen wir uns, das Bataillon besteht nur noch aus 157 Offizieren und Soldaten, weiter in den Wald. Es gelingt uns einzeln die Hauptstraße nach Pasewalk, die schon von den Russen befahren wird, ohne Verluste zu überqueren. Auch die Bevölkerung hatte sich in den dichten Wäldern versteckt. Allmählich haben wir genug Abstand von den Russen. In einer Scheune wird kurz gerastet. Der Nachtmarsch geht weiter bis um Torgelow herum, vorbei an einem großen Werk, weiter über Eggesin bis nach Ueckermünde. Wir sind der letzte Trupp. Sprengladungen liegen schon an den Brücken. Beim Landratsamt in Ueckermünde machen wir Halt. Der Hausverwalter versorgt uns mit Kaffee. Auf der Uecker ist ein Lastkahnzug aufgestellt worden, mit dem auch Zivilisten abwärts getrieben werden sollen. Um 9.30 Uhr besteigen wir den Schleppzug und fahren die Uecker hinaus aufs Haff. Russische Panzer beschießen uns von einer Ziegelei, die am östlichen Ufer von Ueckermünde liegt. Langsam kommen wir vorwärts bis in die Höhe von Lassan. Dort müssen wir vor Anker gehen.

Hier endet das Tagebuchfragment. Leider ist das Tagebuch meines Vaters ohne das Kriegsende geblieben. Der Schleppkahn, der die Reste des Bataillons Amann aufnehmen konnte, brachte die Fliehenden bis zu einem größeren Schiff. Aus Erzählungen weiß ich, dass das rettende Schiff, wahrscheinlich die „Schlesien", vor Kopenhagen längere Zeit auf Reede lag, denn die Dänen ließen kein Schiff mehr in ihren Hafen. Die Zustände auf dem Schiff müssen zunehmend lebensbedrohlich gewesen sein. Mit einem Fernglas, so seine Aussage, hätte er die kleine Meerjungfrau gesehen. Die Engländer schleppten 1945 das Schiff nach Kiel. Die Soldaten kamen ins Gefangenenlager bei Satjendorf im Kreis Plön. Von dort aus nahm mein Vater Kontakt zu seiner Familie auf, deren Adressen er durch seine Cousine, einer Lehrerin in Stelle bei Harburg, erfahren konnte. Diese Adresse in der Lüneburger Heide führte unsere Familie wieder zusammen.

• Hier gelangen Sie zum ersten und zweiten Teil dieser Serie.



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