03.06.2020

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1945 überall in Ostdeutschland das gleiche Bild: Chaos, Not und Hunger
Privat1945 überall in Ostdeutschland das gleiche Bild: Chaos, Not und Hunger

Vor 75 Jahren im Raum Stettin

Eine Flucht aus Pommern

Originalaufzeichnungen des Arztes Dr. Hermann Manzke

Brigitte Klesczewski
11.03.2020

Für die jüngeren Generationen ist der 2. Weltkrieg schon Geschichte geworden. Deshalb sollte es nicht überflüssig sein, noch einmal vor Augen zu rücken, was sich in den letzten drei Monaten des 2. Weltkrieges ereignete. Zeitzeugen aus dieser Zeit gibt es bald nicht mehr. Im Nachlass meines Vaters; Dr. Hermann Manzke, befand sich ein Tagebuchfragment, das detailliert Auskunft über diese Zeit erteilt, und zwar in der Zeit vom 10. März – 28. April 1945. 

Die Kompanie des Hökendorfer Volkssturmes ist am 10.03.1945 nach Finkenwalde abgezogen worden. Es gibt kein Licht mehr in Finkenwalde. Hökendorf liegt aus der Gegend von Altdamm und Rosengarten unter Beschuss. Überall sieht man totes Vieh am Boden. Die Tiere werden der Bevölkerung noch später fehlen. Im Dohrnschen Park in Hökendorf brüllen die Kühe. Soldaten treiben sie vor sich her und schlachten einige. Es wird nur das gute Fleisch aus den Keulen geschnitten. Alles andere bleibt liegen, denn keiner hat Zeit, es zu bearbeiten. Nur etwa 30 % der Kühe werden abgetrieben. Am 11. 03. werden das Gut Dohrn und die große Fleischerei Stark in Brand geschossen. 

In den Zeitungen wird viel vom Volkssturm berichtet. Doch die Praxis sieht anders aus. Der kleine Mann und immer wieder der kleine Mann soll seinen Kopf hinhalten. Die Volkssturmführer von Hökendorf und Finkenwalde arbeiten nicht zusammen. Jeder von ihnen möchte den Oberbefehl haben. Am 11.03. habe ich mein Revier in der Praxis von Dr. Kolbe in der Lindenstraße in Finkenwalde eingerichtet. Ich wohne mit Lehrer Fechner zusammen. Zu essen haben wir genug. Nach zahlreichen Angriffen russischer Bomber sind die Brände am Abend besonders deutlich über Altdamm, Rosengarten und Hökendorf zu erkennen. Nach den Revierstunden in der Praxis fahre ich am 12. und 13.03. mit dem Rad nach Hökendorf. Der Beschuss auf den Ort wird immer stärker. Das Haus von Dr. Böhlke hat einen Volltreffer erhalten. 

Am 15.03. erhält unser Haus in der Lindenstraße einen Volltreffer. Zum Glück werden Lehrer Fechner und ich nicht verletzt. Unsere Sachen liegen unter Schutt begraben. Die Fahrräder sind zerfetzt. Die Gegend um das Finkenwalder Denkmal ist ein Trümmerfeld. Das Postgebäude, Café Radler und die Häuser daneben sind zerstört oder schwer mitgenommen. Am 16.03. setzt starker Granatwerferbeschuss ein. Mit Stalinorgeln werden Brandgranaten geschossen. Ich treffe mich mit Gartenbaudirektor Holder-Egger. Am Abend fahre ich mit dem Volkssturmmann Behrenbruch mit dem Auto nach Stettin, um Verbandsmaterial und Arztbestecke in der Kreisleitung sicherzustellen. Wir übernachten im Auto neben der Jakobikirche. 

Am 18.03. liegt auf Stettin und besonders auf dem Brückenkopf Finkenwalde/Altdamm schweres Artilleriefeuer. Als nächstes Quartier ist dem Volkssturm aus Hökendorf und Finkenwalde die Pölitzer Straße 8 bei Schütt und Ahrens in den Kellern der zerstörten Fabrik angegeben worden. Beim Abzug aus Finkenwalde hatte der Volkssturm aus Finkenwalde keinen einheitlichen Befehl erhalten. 

Am 20.03. richte ich das Revier auf der anderen Straßenseite in dem Keller Pölitzer Straße 103 ein, weil es in den Trümmern des Fabrikgebäudes zu eng ist. In diesem Haus wohnte Frau Dr. Karla Zugelow. Die Kellerräume sind schön und geräumig, besitzen sogar Durchbrüche zu den nächsten Häusern. Gegen Abend lässt der Beschuss nach. Ich gehe durch die „tote" Stadt und hoffe, einen Bekannten zu treffen. Am Abend geht um 21.30 Uhr das elektrische Licht aus. 

Am 21.03. zieht Herr Holder-Egger zu mir ins Revier. Das Licht ist nicht wiedergekommen. Wir erhalten am 23.03. Besuch vom Hökendorfer Ortsgruppenleiter Lange. Er versorgt uns mit Lebensmitteln. Am 23.03. wird der Volkssturm Finkenwalde/Hökendorf aufgelöst. Nur die jüngeren und fähigen Männer sollen in die Wehrmacht eingegliedert werden. Wir werden vom Regiment Klos, das zurzeit in Warsow liegt, übernommen. Schon am Nachmittag müssen wir uns dort melden. Der Leiter des Finkenwalder Volkssturmes hält noch eine Abschiedsrede, und betont, dass wir diesen Hof in der Pölitzer Straße nicht vergessen sollten. Mit Behrenbruch und meinem Verbandsmaterial fahre ich im Auto nach Warsow. 

Am 24.03. bin ich damit beschäftigt, ein Quartier für meinen Regimentsverbandsplatz zu finden. Die Warsower sind nicht sehr entgegenkommend. Wegen der Einkleidung begebe ich mich mit meinem Sanitäter Holländer zu den Kasernen am Glambecksee. Die Uniform kann ich aber erst tragen, wenn ich vom Wehrkommando meine Bestätigung und meine Neuaufnahme als Leutnant erhalten habe. Am 25.03. ist Palmsonntag. Wann werde ich wohl meine Frau und meine Kinder wiedersehen?

(Fortsetzung folgt) 

• Hier gelangen Sie zum zweiten und dritten Teil dieser Serie.



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