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Kultur

Vordenker der Romantik

Vor 250 Jahren kam Friedrich Schlegel auf die Welt – Er gab der Literatur nach der Französischen Revolution eine neue Orientierung

Harald Tews
03.03.2022

Viel ist in diesen Tagen von einer Zeitenwende die Rede, von einer historischen Zäsur in den Beziehungen von Ländern. Schön wäre es dann auch, wenn es jemanden gäbe, der uns eine geistige Orientierung gibt, der uns zeigt, in welche kulturelle Richtung der politische Neubeginn führt. Einer vom Schlage eines Friedrich Schlegel zum Beispiel.

Schlegel, der am 10. März 1772 in Hannover zur Welt kam, war 17 Jahre alt, als mit der Französischen Revolution ebenfalls eine Zeitenwende in Europa anbrach. Wie viele andere Zeitgenossen seiner Generation wurde er von diesen Ereignissen geprägt, ohne dabei gleich zum Jakobiner zu werden. Doch nahm er instinktiv wahr, dass eine neue Kultur, vor allem eine neue Literatur anbrechen würde. Schließlich war Friedrich Schlegel mit seinem älteren Bruder August Wilhelm Schlegel der große Protagonist der deutschen Romantik.

Das Haus An der Leutra 5 in Jena, das sich die Brüder ab 1796 gemeinsam teilten, gilt als die Keimzelle der neuen literarischen Stilepoche. Hier lebten sie zeitweise zu viert mit ihren ebenfalls schriftstellerisch tätigen Frauen Caroline und Dorothea zusammen. Und hier gingen die späteren Dichtergrößen und philosophischen Vordenker der Jenaer Frühromantik ein und aus: Novalis, Tieck, Brentano, Fichte und Schelling, der später die von A. W. Schlegel geschiedene Caroline heiraten sollte. Auch Schiller war bis zum Bruch mit Friedrich Schlegel wegen eines Verrisses von Schillers Zeitschrift „Die Horen“ regelmäßiger Gast.

Die Schlegel-Brüder gaben ihrerseits bis 1800 das zentrale Organ der Frühromantik „Athenäum“ heraus. Darin zeichnete sich vor allem Friedrich als herausragender Essayist und Aphoristiker aus. Als solcher entwickelte er Ideen, die man als Theorie einer bürgerlichen Literatur verstehen kann. Dreh- und Angelpunkt für die romantische Bewegung war dabei Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Nach Schlegels Ansicht waren darin alle Zutaten für die kommenden Dichter enthalten: Prosa durchmischt mit Lyrik und Märchen sowie einer Auseinandersetzung mit Shakespeare.

Der englische Dramatiker wurde so etwas wie ein Fixpunkt für die Romantiker. Friedrichs Bruder A. W. Schlegel, der nie einen Fuß auf englischen Boden setzte, begann noch in seiner Jenaer Zeit mit den ersten Shakespeare-Übersetzungen, an denen sich in der Folge auch Vater und Tochter Tieck sowie Graf von Baudissin beteiligten und mit denen sich ein bis heute festgezurrtes Bild von einem romantisierten Renaissance-Dramatiker überliefert hat.

Die „romantische Ironie“

Im Zentrum von Friedrich Schlegels Literaturtheorie stand aber weniger das Drama, sondern die „romantische Ironie“. Die hat er nicht nur bei Shakespeare ausgemacht, wo sich der Autor schelmisch hinter der Maske seiner Figuren verberge, sondern vor allem im „Wilhelm Meister“. Ironisch sei es, wenn der Erzähler im Prosawerk innehält und sich selbst hinterfragt, sei es durch Unterbrechungen mit Gedichten oder Einschüben anderer literarischer Gattungen wie dramatischer Szenen. Beispielhaft für diese erzählerischen Quantensprünge ist Brentanos „Godwi“, den der Autor selbst einen „verwilderten Roman“ nennt.

Diese Subjektivierung durch die „romantische Ironie“ bedeutet laut Schlegel eine Abkehr vom klassischen Ideal einer objektiven Darstellung von Natur und Wirklichkeit. Und es ist darüber hinaus eine Kampfansage gegen eine im 18. Jahrhundert noch feudalistisch geprägte Literatur, die Drama und Lyrik als einzig zeitgemäße Literaturformen anerkannte.

Nach der Französischen Revolution aber trat die bis dahin abschätzig behandelte Prosa ihren Siegeszug an. Schlegel selbst ging mit gutem Beispiel voran und veröffentlichte 1799 den Roman „Lucinde“, der sich rasch zum Skandalwerk entwickelte, schilderte der Autor darin doch verschlüsselt in recht freizügiger Weise auch sein erotisches Verhältnis zu seiner sehr emanzipierten Frau Dorothea.

Zeitenwende im Roman

Neben diesem Roman beschränkt sich Schlegels literarisches Werk nur auf einige Gedichte. Weit umfangreicher ist sein literar- und sprachkritisches Werk, zu dem auch eine beachtliche Monographie über die indische Sanskrit-Sprache zählt. Doch vor allem seine klar formulierte Erzähltheorie stieß auf einen fruchtbaren Boden in Zeiten, da sich das Bürgertum gerade vom Adel zu emanzipieren begann. Im Roman feierte man den bürgerlichen und dazu individualistisch veranlagten Helden, der nicht mehr einem klassischen Bildungsideal folgt, sondern sich in künstlerischer Selbstverwirklichung übt. Von Schlegels „Lucinde“ führt daher ebenso ein gerader Weg zum bürgerlichen Realismus im Roman des 19. Jahrhunderts wie von Tiecks „Franz Sternbalds Wanderungen“, Brentanos bereits erwähntem „Godwi“, Novalis' Prosafragment „Heinrich von Ofterdingen“, Eichendorffs „Ahnung und Gegenwart“, Achim von Arnims „Die Kronenwächter“ oder E. T. A. Hoffmanns „Kater Murr“.

Schlegel selbst verließ die Romantiker-Hochburg Jena bereits 1801, um in Paris, Wien und zuletzt in Dresden, wo er 1828 starb, als Privatdozent zu unterrichten. Seine Zeitenwende erlebte er bis zur literarischen Spätromantik, die bis zirka 1835 dauerte. Die heutige Zeitenwende könnte dagegen in eine apokalyptische Literatur auf verbranntem Papier münden.



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