26.05.2024

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Bärnwald

Wallfahrten zur Kirche Maria Himmelfahrt

Das nordböhmische Gotteshaus im Rokokostil liegt am Pilgerweg der Versöhnung – Zehntausende Pilger kommen jährlich

Bodo Bost
20.11.2023

Zehntausende Touristen und Pilger strömen jährlich zur wiederbelebten Wallfahrt in das lange vergessene Bärnwald [Neratov] im Adlergebirge, an der böhmisch-schlesischen Grenze. Die Wallfahrtskirche liegt am Pilgerweg der Versöhnung, um die Wunden von Nationalsozialismus, Vertreibung und kommunistischer Herrschaft zu heilen. Der Norden Böhmens und der Süden Schlesiens waren einst unter österreichischem Einfluss sehr stark von der Katholischen Kirche geprägte Gebiete. Viele Wallfahrtsorte zeugten davon. Aber der Zweite Weltkrieg und die Vertreibung der Deutschen entvölkerten und entseelten diese Gebiete. Besonders schlimm war es im Grenzgebiet, weil nach der Entvölkerung nach Kriegsende Gebietsstreitigkeiten zwischen den beiden sozialistischen Staaten Polen und Tschechoslowakei hinzukamen, die dafür sorgten, dass die Grenzgebiete zwischen beiden Staaten für viele Jahre menschenleer blieben.

Erst nach der friedlichen Revolution von 1989 und nachdem die vertriebenen Deutschen wieder ihre Heimatorte besuchen durften, wurde mancherorts an alte Traditionen angeknüpft. So auch in Bärnwald auf der tschechischen Seite der Grenze. Bärnwald im Adlergebirge liegt am Osthang des 996 Meter hohen Ernestinenberges und am rechten Ufer der Erlitz, auch „Wilde Adler“ genannt.

Katholisch geprägte Gebiete
Die Gemeinde Bärnwald hatte im Jahr 1939 noch 353 Einwohner und 105 Häuser. Trotz der wenigen Einwohner besaß der Ort eine Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt, die weit über die Region hinaus bekannt war, wegen des großen Zuspruchs zur Wallfahrt an Maria Himmelfahrt. Die Wallfahrtskirche war zwischen 1723 und 1733 im Rokokostil nach den Plänen des Italieners Giovanni Battista Alliprandi erbaut worden.

Mitten durch den Ort verläuft das Flüsschen Wilde Adler, das heute die Grenze zur Republik Polen markiert. Das Dorf Bärnwald wurde Ende des 15. Jahrhunderts als Siedlung von Glasmachern gegründet. Bald darauf entstand hier eine einfache Holzkirche, die 2022 rekonstruiert wurde. Die Wallfahrt nach Bärnwald begann im

17. Jahrhundert, als ein Pfarrer nach einem Traum eine Marienstatue schnitzen ließ. Schnell verbreiteten sich an dem Ort Legenden über Wunderheilungen, die mit der Statue der Jungfrau Maria und den örtlichen Heilquellen verbunden waren.

Am 10. Mai 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, brannte die Kirche ab, als sie von einer Panzerabwehrgranate getroffen wurde, die ein Soldat der Roten Armee in betrunkenem Zustand abgefeuert hatte. 1945/46 begannen die damals noch überwiegend deutschsprachigen Bewohner damit, zumindest das Dach zu erneuern. Doch dann wurden sie vertrieben, das Grenzgebiet blieb entvölkert.

Die Deportation der Deutschen und die Zerstörung der Kirche verdammte das Dorf im Adlergebirge zum Aussterben. Ende 1957 stürzten die durchnässten Gewölbe ein, 1973 sollte die Kirche abgerissen werden, doch Geldmangel bewahrte sie davor. Das Gotteshaus wurde 1989 als Kulturdenkmal eingestuft. Ab 1990 wurden in der Kirche zunächst Gottesdienste unter freiem Himmel abgehalten, seit 2007 ist die Kirche mit einem teilweise verglasten Dach versehen. Im Rahmen des Vier-Türme-Projekts wurde die Kirchenfassade schrittweise in ihren ursprünglichen Zustand, das heißt in den vor 1945, zurückversetzt.

Neues Leben ins Dorf gebracht
Seit Anfang der 1990er Jahre kümmerte sich der „Verein Neratov“ zusammen mit dem Ortspfarrer Josef Suchár nicht nur um die Restaurierung der Marienwallfahrtskirche, die durch ihr einzigartiges Glasdach berühmt wurde, sondern auch um den Bau von betreuten Wohnungen und geschützten Werkstätten für Behinderte. Jetzt zogen auch wieder Menschen in den Ort. Pfarrer Suchár konnte einige junge Familien davon überzeugen, sich dauerhaft anzusiedeln. Die Familien nahmen neben ihren eigenen Kindern auch Waisenkinder auf. Der Verein kümmert sich nicht nur um die Erneuerung von Dorf und Kirche, sondern hilft auch Pflegefamilien. Sie bietet Behinderten sowohl Unterkünfte als auch Arbeit.

Vertriebene wirkten mit
1996 kamen dann sogar die vertriebenen früheren sudentendeutschen Einwohner erstmals in Bärnwald wieder zusammen. Mit ihnen zusammen wurden Projekte der Dorf- und Wallfahrtserneuerung entwickelt. Die Idee zu einer Wallfahrt der Versöhnung nicht nur zwischen Tschechien und Polen entstand. Erstmals wurde wieder eine Brücke über die Wilde Adler ins benachbarte Polen gebaut, im Dorf entstand neben den Behindertenwerkstätten auch eine Brauerei mit regionalen böhmischen Zutaten. Das lokale Bier heißt Prorok (Prophet). Zu der Infrastruktur gehörte auch der Aufbau eines Pilgerbüros und von Pilgerunterkünften sowie eines grenzüberschreitenden Pilgerweges. Die Euroregion Glacensis verwaltet das Höhenwegprojekt. In der Wallfahrtswoche im August kamen in diesem Jahr bis zu 50.000 Pilger aus Deutschland, Tschechien und Polen nach Bärnwald.


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