13.07.2024

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Ankunft der Schweizer Glaubensflüchtlinge in Ostpreußen: Wandmalerei in Gumbinnen
Foto: imgo/ZoonarAnkunft der Schweizer Glaubensflüchtlinge in Ostpreußen: Wandmalerei in Gumbinnen

Ostpreussen

Was die Endungen der Familiennamen verraten

Prußen, Hugenotten, Polen, Litauer, Holländer und Schotten zählten zur Bevölkerung der östlichen Provinz

Wolfgang Kaufmann
23.06.2024

Vor der Annexion Ostpreußens durch die Sowjetunion und Polen war die Provinz multikulturell und multiethnisch geprägt. Das resultierte aus der dynamischen historischen Entwicklung in der Zeit ab 1230.

Bis dahin lebten im heutigen Ostpreußen nur die Prußen und einige wenige Angehörige anderer baltischer Völker. Um wie viele Menschen es sich genau handelte, ist unbekannt – vorsichtige Schätzungen reichen von 140.000 bis 220.000. Dann begann die ungefähr 50 Jahre währende Landnahme durch den Deutschen Orden, in deren Verlauf etliche Ureinwohner der Region getötet oder umgesiedelt wurden, wobei aber keine systematische Ausrottung oder „Zwangsgermanisierung“ erfolgte. Das belegen nicht zuletzt die späteren Bevölkerungszahlen: Noch im Jahre 1740 machten ethnische Prußen mehr als ein Drittel der Einwohnerschaft von Ostpreußen aus, die damals rund 600.000 Köpfe umfasste. Dabei waren seit dem 13. Jahrhundert viele Prußen ins benachbarte Litauen gewechselt. Die nicht ausgewanderten Prußen assimilierten sich bis ins 16. und 17. Jahrhundert hinein nahezu vollständig, dass heißt, sie gaben ihre Sprache und Religion freiwillig auf.

Im Gefolge des Ordens
Im Gefolge des Deutschen Ordens trafen Siedler aus dem Westen im ehemaligen Stammesgebiet der Prußen ein, um das weite Land urbar zu machen. Allerdings ebbte die erste Welle deutscher Kolonisten bereits 1320 ab. Deswegen lebten um 1400 nur gut 100.000 Deutsche in dem Ordensstaat. Dazu kamen rund 27.000 Polen aus Masowien. Deren Nachkommen erkannte man später an Familiennamen, welche auf „ski“, „ek“, „ak“ oder „a“ endeten. Der Zustrom der Masowier schwoll ab 1466, dem Jahr des Zweiten Friedens von Thorn zwischen dem Deutschen Orden und dem Königreich Polen, deutlich an. Parallel hierzu wanderten auch zahlreiche Litauer in das immer noch recht menschenleere Ostpreußen ein. Diese wiederum trugen Namen mit den Endungen „kat“, „kies“, „eit“, „at“, „is“ und „us“. Im Jahre 1740 lebten etwa 34.000 Litauer und 108.000 Polen in Ostpreußen.

Desgleichen ließen sich ab 1525 auch schätzungsweise 1300 Holländer und Schotten im protestantischen Herzogtum Preußen nieder, welches aus den Resten des Ordensstaates zwischen den Unterläufen von Weichsel und
Memel entstanden war. Später folgte ein großer demographischer Aderlass während des Zweiten Nordischen Krieges durch Einfälle der Tataren: Die muslimischen Söldner im Dienste der polnischen Krone massakrierten 1656 vermutlich um die 23.000 Menschen und verschleppten 34.000 Bewohner der Region, um sie als Sklaven zu verkaufen.

Protestanten fanden eine Zuflucht
Die nächsten Neuankömmlinge in Ostpreußen waren 8000 Hugenotten, die 1685 eintrafen. Sie gehörten zu der Viertelmillion französischer Protestanten, die im Ausland Zuflucht vor religiöser Verfolgung suchten.

Zu Beginn der 18. Jahrhunderts lebten in Ostpreußen schließlich um die 675.000 Menschen. Diese Zahl ging jedoch mit einem Schlag zurück, als die Große Pest zu wüten begann und zwischen 1709 und 1711 ganze Landstriche entvölkerte und veröden ließ – wahrscheinlich starb damals etwa jeder dritte Bewohner der Provinz. Dabei traf es besonders die Stadt Königsberg und den Raum Gumbinnen, Insterburg, Ragnit, Tilsit und Memel.

Daraufhin initiierten die preußischen Könige Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I. eine systematische Einwanderung nach Ostpreußen zum Zwecke des Wiederaufbaus. Im Zuge dieses sogenannten Rétablissements holten sie unter anderem Siedler aus der Pfalz, Nassau, Hessen-Kassel, Franken, Anhalt, Braunschweig, Magdeburg, Halberstadt, Pommern, der Mark Brandenburg und der Grafschaft Mark ins Land. Des Weiteren ließen sich rund 2000 Schweizer und 500 Lothringer von den versprochenen Steuerfreiheiten und anderen Vergünstigungen nach Ostpreußen locken. Außerdem etablierte der Soldatenkönig 1723 zur weiteren Erhöhung der Einwandererzahlen die litauische Deputation, welche in Litauen und Polen Neubauern anwarb. Zwischen 1732 und 1736 gab es nochmals einen Zuwachs um etwa 20.000 Menschen, als die wegen ihres Glaubens verfolgten Salzburger Exulanten nach Ostpreußen strömten, nachdem der preußische König ein förmliches Einladungspatent unterschrieben hatte.

Bevölkerungszunahme trotz Verlusten
Hierdurch hinterließ Friedrich Wilhelm I. bei seinem Tod im Mai 1740 ein wieder erblühtes Ostpreußen, dessen Einwohnerzahl sich fast auf dem Niveau der Zeit vor der Großen Pest bewegte und auch weiter wuchs: Die jährliche Zunahme bis 1816 betrug im Durchschnitt 0,5 Prozent – und dies trotz erneuter Verluste an Menschen durch den Siebenjährigen Krieg und die zahllosen militärischen Auseinandersetzungen ab 1792.

Die Bevölkerung Ostpreußens, die nun aus den Nachkommen der Prußen oder früherer deutscher beziehungsweise ausländischer Siedler sowie Neuzugängen aus verschiedenen Ecken Europas bestand, verschmolz im Laufe des 18. Jahrhunderts zu einer Gemeinschaft, in der es deutlich weniger ethnische Konflikte gab als anderswo. Dies resultierte aus der Bindung an die gemeinsamen Gönner auf dem preußischen Königsthron.


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