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Im ehemaligen Straßenbahndepot: Rafał Bętkowski beim Vortrag
Foto: U.H.Im ehemaligen Straßenbahndepot: Rafał Bętkowski beim Vortrag

Allenstein

Was wäre gewesen, wenn … die Poststraße in Allenstein

„Befreiung“ 1945 oder Aufstand 1863? Ein umstrittener Straßenname erhielt eine neue Deutung

Uwe Hahnkamp
27.05.2024

Es war das erste Exponat des Monats des Museums der Moderne des Städtischen Kulturzentrums in Allenstein im Jahr 2024. Im Saal des früheren Trolleybusdepots hatte sich Rafał Bętkowski vom Museum zum Jahrestag des Einmarsches der Roten Armee in Allenstein 1945 das Straßenschild der Straße des 22. Januar (ulica 22 stycz-nia) vorgenommen. Die Problematik hinter dem Namen wird aber auch den neuen Stadtpräsidenten beschäftigen.

Zwei Dinge machten das Exponat des Monats Januar besonders. Zum einen hat das Schild noch nicht den Weg ins Museum der Moderne gefunden, obwohl die Straße Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist, im Zeitraum der rasanten Entwicklung Allensteins also, mit dem sich das Museum befasst. Zum anderen ist verwunderlich, dass das Straßenschild angesichts der massiven Entstalinisierung des öffentlichen Raumes in den letzten Jahren noch am Gebäude des Postamtes Nr. 2 an der Wilhelmstraße [ulica Pieniężnego] hängt.

Der Entfernung aus dem Stadtbild entging der Name der kurzen Straße dadurch, dass dieser offiziell nicht mehr an die „Befreiung“ der Stadt durch die Rote Armee erinnert, sondern an den Tag des Ausbruchs des Januar-Aufstands 1863 gegen das zaristische Russland während der polnischen Teilungen. Interessant dabei ist, dass nicht erst der derzeitige Stadtrat dies so gedeutet hat. Bereits am 22. Januar 1946, dem ersten Jahrestag der Einnahme Allensteins und Tag der feierlichen Umbenennung der Straße, erwähnte der damalige Stadtpräsident Tadeusz Pałucki neben der „Rückkehr der Stadt zum Vaterland“ auch dieses anti-russische Ereignis, wie die lokalen „Masurischen Nachrichten“ („Wiadomości Mazurskie“) berichteten.

Wichtige Verkehrsachse ...
Bętkowski erinnerte an die Anfänge und die Rolle der kurzen, aber wichtigen Straße. 1896 wurden die Wirtschaftsgebäude entlang der damaligen Wilhelmstraße abgerissen und die dazu gehörenden Grundstücke verkauft. Schon damals war klar, dass neben dem Gebäude der Post eine Straße nach Osten gebaut werden sollte. Konzipiert hat sie von 1906 bis 1907 der Stadtplaner von Allenstein, Theodor Goecke, konkretisiert wurde das Projekt 1911 und dann nach 1918 umgesetzt. Die Poststraße, so ihr erster Name, sollte die Fabrikstraße kreuzen und gegenüber der Einmündung der Kopernikusstraße auf die Kleeberger Straße [aleja Piłsudskiego] stoßen.

Wie auf Luftbildern aus jener Zeit gut zu erkennen ist, mussten für den Bau der Straße Dämme aufgeschüttet werden. Die spätere Treudank-Straße – wegen der vielen Stimmen für Deutschland bei der Volksabstimmung 1920 – wurde 1939 aufgewertet, als dort Trolleybusse der Linie 1 fuhren. Geplant war sie als Teil der Umgehung der Altstadt als Verbindungsstraße zwischen dem Osten der Stadt und dem Bahnhof Allenstein West.

... und Zufahrt zum Einkaufszentrum
Es gibt sogar Unterlagen zu einer futuristischen Stadtplanung aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, die die Idee aufgreift. Die Siegesallee [aleja Piłsudskiego] war als Fußgängerzone gedacht, der Verkehr sollte durch die ulica pocztowa (Poststraße, ab 1945) beziehungsweise ulica 22 stycznia (Straße des 22. Januar, ab 1946) und am Hohen Tor vorbeigeleitet werden. Verwirklicht wurde diese Idee nie. Lediglich die Trolleybusse der Linie 4 fuhren ab Januar 1947 bis in die 1950er Jahre durch die Straße. Dann wurde die Straße durch die Aufschüttungen des Geländes für das Denkmal der Dankbarkeit gegenüber der Roten Armee abgeschnitten, das am 22. Januar 1954 eingeweiht wurde. Heute steht es in der Kritik und soll abgerissen werden. Eine Aufgabe, die das neue Stadtoberhaupt von Beginn seiner Amtszeit an begleiten wird.

Erst zehn Jahre später, Mitte der 60er Jahre, wurde aus der ulica 22 stycznia wieder eine durchgängige Straße, als hinter dem Denkmal Ordnung geschaffen wurde. Bis Anfang des 21. Jahrhunderts führte sie durch den Park westlich der Siegesallee, und man konnte von der Bushaltestelle am Gericht aus über sie hinweg die Sonnenuntergänge bewundern. Dann entstand ein Einkaufszentrum mit Kinokomplex, und die Aussicht verschwand. Die Straße führt heute vor allem ins Parkhaus, der Hauptverkehr spielt sich auf der Siegesallee ab.


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