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Damit auch jeder weiß, wo man sich befindet: Im Schloss mit seiner rekonstruierten Barockfassade weist ein moderner Schriftzug im Schlüterhof auf eben denselben hin
Foto: FriedrichDamit auch jeder weiß, wo man sich befindet: Im Schloss mit seiner rekonstruierten Barockfassade weist ein moderner Schriftzug im Schlüterhof auf eben denselben hin

Kultur

Weder Fisch noch Fleisch

Das Humboldt-Forum im wiedererrichteten Berliner Schloss ist endlich eröffnet worden. Während die Fassade der Stadt einen Teil ihrer historischen Mitte zurückgibt, wird der Besucher drinnen von einer wirren Ausstellungsflut überrollt

Silvia Friedrich
21.07.2021

Wer aus dem neuen, schönsten U-Bahnhof Berlins, „Museumsinsel“, unter einer Art blauem Sternenzelt mit über 6000 Lichtpunkten wieder ans Tageslicht tritt, wähnt sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Direkt vor dem gewaltigen Eosander-Portal des Gebäudes mit kupferner Kuppel betreten Besucher den Schlossplatz. Die dreiseitige barocke Fassade des Humboldt-Forums wirkt optisch überwältigend. Wer immer den kargen DDR-Aufmarschplatz mit dem Palast der Republik kannte, ist froh über diesen Anblick.

Doch dass es sich nur um eine Illusion handelt, wird sofort deutlich, wenn man das Foyer betritt. Ein Saal aus Betonstelen, darin ein visueller Gigant, 25 Meter hoch, Kosmograf genannt. Dieser bietet elektronisch Informationen zu aktuellen Aktionen im Humboldt-Forum.

Wer sich beim Ankommen noch von der rekonstruierten Fassade hat blenden lassen, wird im Inneren herbe enttäuscht: Barocke Pracht, die über Jahrhunderte das Stadtbild prägte, wurde durch Innenräume abgelöst, die zuweilen an Betongebäude der Gegenwart erinnern. Beinahe mit Gewalt soll hier den Besuchern verdeutlicht werden, dass es sich nicht um einen Schlossbau in Anlehnung an preußische Herrlichkeit handelt, sondern um einen Zweckbau mit zufällig barocker Umhüllung.

Dass auf der Lustgartenseite eine Bepflanzung erfolgte in Erinnerung an historische Terrassen, ist zu begrüßen. Doch war es nötig, dem nun eigentlich wieder komplettierten Anblick direkt vor der Fassade in weißen Plastikbuchstaben „Humboldt-Forum“ in den Garten zu setzen? So, als ob man immer wieder gesagt bekommen muss, um was es sich hier eigentlich handelt?

Sechs Ausstellungen auf einmal

Drei Kernthemen soll im Zuge der Zeit Rechnung getragen werden: der Geschichte und Architektur des Ortes, den Brüdern Humboldt und der kontrovers geführten Kolonialismusdebatte. Dazu zählen gleich sechs Premieren-Ausstellungen sowie die Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes. In einem Raum wird eine 20 Meter lange Panoramawand gezeigt, auf der die Geschichte des Areals von der Siedlung im Mittelalter bis heute präsentiert wird. Der Schlosskeller bietet Einblicke in die Vergangenheit mit erhaltenen Mauern der Kellerräume und Fundstücken.

Der Schlüterhof, benannt nach dem aus Danzig stammenden Schlossbaumeister Andreas Schlüter, erinnert mit drei barocken Seiten an eine römische Piazza. Die vom italienischen Architekten Franco Stella „angeklatschte“ vierte Betonwand, erschreckt eher. Dahinter befindet sich auch der Skulpturensaal, der ebenfalls zur Ausstellung der Ortsgeschichte zählt und genau dort errichtet wurde, wo sich dereinst im alten Berliner Schloss das Große Treppenhaus erhob. Zu sehen sind erhaltene Fragmente des Schlosses verschiedener Jahrhunderte, die teilweise zum barocken Fassadenschmuck gehörten und als Vorbild für die Nachbildungen dienten.

Einen Einblick in die Arbeit der Schlossbauhütte zeigt ein Film im Nebenraum. Immer wieder fällt ein wirres Hin und Her zwischen Alt und Neu, zwischen Historie und Heutigem auf, das einen sehr unsteten Eindruck erzeugt.

Im gesamten Gebäudekomplex verteilt sind 35 historische Spuren, wie zum Beispiel eine originale Anzeigentafel aus dem Palast der Republik. Es scheint den Museumsleuten wichtig gewesen zu sein, dieses asbestverseuchte Konstrukt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Im Treppenhaus hinter dem Foyer gibt es die als „Einblicke“ betitelte Schau, die das Leben der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt beleuchtet. Forschungen und Studien der beiden sind hier zu bestaunen. Jedoch wirkt es ein wenig gequetscht und der beiden Persönlichkeiten unwürdig.

„Berlin-Global“ im ersten Obergeschoss ist auf 4000 Quadratmetern eine umfangreich Schau. Themen, wie Krieg, Mode, Revolution sind ohne Chronologie zusammengepackt. Die Objekte sind interessant, doch wirken harte Brüche wie Discomusik neben Themen der Verfolgung eher unangebracht.

Auf Distanz zu Preußen

Die Ausstellung „Nach der Natur“ im Humboldt-Labor unterstreicht Alexanders von Humboldts Zitat „Alles ist Wechselwirkung“ und empfängt mit einer modernen Wunderkammer die Gäste. Hier stehen alte Laborfläschchen neben Skeletten von Wirbeltieren, eine Gorilla-Hand neben Computern der letzten Jahrzehnte. Eine Ausstellungsmitarbeiterin erklärt, es ginge nicht um Einzelobjekte, sondern um die Frage der Relation, ganz im Sinne Humboldts.

Wechselnde Sonderausstellungen im Erdgeschoss starten mit „schrecklich schön – Elefant. Mensch. Elfenbein“, einer Schau zur Ausbeutung der Natur. Alle Sinne ansprechend werden dem Betrachter die Schönheit des ausgestellten Elfenbeins geboten, nur um sogleich mit den damit verbundenen kolonialen Schreckensszenarien unvermeidlich wie ein unmündiger Bürger belehrt zu werden.

„Die Ausstellungen im zweiten und dritten Obergeschoss mit den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin werden am 22. September und ein halbes Jahr später dem Publikum zugänglich sein“, sagt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, „bis Anfang 2022 wollen wir wissen, welche Teile zurückgehen.“ Dabei geht es auch um die Restitution der von den Briten ab 1905 erworbenen Benin-Bronzen, die restituiert werden sollen. Bis dahin sollen sie von der zweiten Eröffnungsphase an, dem zweiten Quartal 2022, gezeigt werden.

Alles in allem wirkt das Humboldt-Forum wie eine Ansammlung von konzeptlosen Ideen und Vorhaben. Es wird ausgestellt, will aber kein Museum sein, es wird Historie gezeigt, distanziert sich aber von dieser, es werden Ausstellungen zusammengewürfelt und den Besuchern präsentiert, von denen sicher einige Fragezeichen auf der Stirn haben: „Was soll das eigentlich alles zusammen sein?“

In dem politisch motivierten eifrigen Bemühen, auf keinen Fall altes Preußentum wieder zum Leben zu erwecken, ist mit dem Forum nun etwas Gewaltiges entstanden, das auf den ersten Blick weder Fisch noch Fleisch zu sein scheint. Dennoch werden Touristen, welche die Stadt und das Humboldt-Forum besuchen und das neue Areal vom Schlosskeller bis zum Dachgeschoss einschließlich Kuppel auf sich wirken lassen, es möglicherweise als bedeutendstes Ausnahme-Erlebnis mit nach Hause nehmen.

• Geöffnet täglich außer dienstags. Zeitfensterkarten für die sechs zeitgleichen Ausstellungen sind die ersten 100 Tage kostenfrei und vier Wochen im Voraus buchbar unter:
www.humboldtforum.org



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Kommentare

sitra achra am 26.07.21, 12:02 Uhr

Die Polen hätten das Schloss auch innen nach Originalplänen und alten Fotos originalgetreu wiederaufgebaut. Polnische Restauratoren sind Weltklasse.
Dann wäre das Schloss noch schöner wiederhergestellt worden als zu Zeiten seines Bestehens. Ein Beispiel dafür ist die Restaurierung der Marienburg.

Michael Mechtel am 24.07.21, 12:38 Uhr

Die Innenausstattung mag kritikwürdig sein, aber sie ist veränderbar. Der große Glücksfall ist in meinen Augen, daß das Gebäude als solches wiedererstanden ist, zumindest im Wesentlichen in der Außenfassade. Erstens aus städtebaulichen Gründen und zweitens der barocken Bildhauerkunst zuliebe.

Es beschleichen mich ernstliche Zweifel, ob dieser Wiederaufbau heute immer noch eine Mehrheit im Parlament finden würde. Insofern Glück, daß man ein Zeitfenster dafür nutzen konnte.

Michael Holz am 23.07.21, 23:50 Uhr

Es war mir vergönnt, das Hin und Her um das Stadtschloss, nach der Wi(e)dervereinigung hautnah mitzubekommen. Da haben sich die linken Zeitgeistlichen gezankt und gestitten und die "berliner Polit-Mischpoke" mittendrinn. Bereits nach der Wortwahl "Forum" war mir klar, woher der politische Wind in den Gemäuern des potjemkinschen Schlosses wehen wird.
Frau Friedrich irrt sich, wenn sie von einer "kontrovers geführten Kolonialismusdebatte" spricht. Da gibt es keine Kontroversen, die Macher und Besucher sind sich einig: Der deutsche Kolonialismus wurde von alten weißen Männern erledigt und die waren noch Preußen!

Siegfried Hermann am 22.07.21, 10:23 Uhr

Doch ein einzige systematisches Thema hat datt Ding!
Bloß kein Preußen, egal wie.
Dummerweise wurde der Bau "privat" und nicht vom bunt-kommunistisch geführten Senat hochgezogen, sonst wären noch Hammer, Sichel und Halbmond auf der Kuppel, statt ein Kreuz.
Aber keine Sorge. Dieser Bau wird KEIN Museum bleiben.
Es gibt viele ernst zunehmende Politgrößen, die dort wieder einen preußischen König sehen werden und nur aus diesem einzigen Grund, das Schloss -wieder -aufgebaut worden ist.
Mal schaun was kommt.

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